Odertal

Autor: Bernhard Kegel  —  Bilder: Norbert Rosing

Urwüchsige Auenwälder prägen die Flusslandschaften entlang von Oder und Elbe, Havel und Spree. See- und Schreiadler sind da zu Hause, Kranich und Biber. Hier im Odertal gibt es noch Wildnis, wie sie im Buche steht.

Macht’s denn Spaß, so allein zu wandern?», fragt die Taxifahrerin, die mich vom Bahnhof in Angermünde nach Stolpe bringt.
«Klar. Hier ist doch Deutschlands einziger Auennationalpark. Muss man mal gesehen haben.»
«So berühmt sind wir?»

Mit den Biosphärenreservaten Flusslandschaft Elbe und Spreewald sowie Naturparks an Havel und Elbe hat der Osten Deutschlands einige ökologisch und landschaftlich wertvolle Gewässer zu bieten. Aber ein Nationalpark ist eben doch etwas Besonderes. Hier, so die Initiative Nationale Naturlandschaften, «soll Natur Natur bleiben.» Vielleicht sollte man aber korrekter sagen: Hier soll Natur Natur werden.

20 Kilometer südlich von Schwedt in der Uckermark thront über dem Dorf Stolpe ein Wehrturm aus dem 13. Jahrhundert auf den Oderhängen, von den Einheimischen liebevoll Grützpott genannt. Von hier hat man einen schönen Blick in das südliche Drittel des Nationalparks Unteres Odertal bis hinüber auf die polnische Seite. Davor liegt das lange Band der sogenannten Stromoder, die ohne den Eingriff des Menschen ganz woanders fließen würde. Dicke schwarze Gewitterwolken ziehen über das Odertal, und ich befürchte für die kommenden Tage nichts Gutes.

Kranichrufe hallen rau durch das flache Odertal, und ich stiefele über einen Spurplattenweg in Richtung Polen. Hier im Süden ist das Gebiet bäuerlich geprägt: Wiesen zur Heuproduktion, Viehweiden, dazwischen Kleingewässer, Hecken und Weiden. In keinem anderen deutschen Nationalpark wird so viel Landwirtschaft betrieben. Seit Jahren werden Flächen außerhalb des Schutzgebiets im Odertal aufgekauft und den Landwirten, die im Tal wirtschaften, zum Tausch angeboten. Der Naturschutz ist auf ihre Mitwirkung angewiesen. Wer seltene Vögel schützen will, die im Gebüsch und in den Wiesen brüten, muss den Zeitpunkt der Heuernte mit den Bauern absprechen. Inzwischen kennt hier im Odertal jeder die besonders bedrohten Arten wie Wachtelkönig und Seggenrohrsänger.

Auf der Stromoder im Odertal treiben einzelne Eisschollen gemächlich Richtung Ostsee, ich wandere auf dem Deich nach Norden. Das Wasser muss schon deutlich höher gestanden sein, denn auf den Uferwiesen liegen dicke Eisschollen und die Bäume tragen Kragen aus Eis, die jetzt einen Meter über dem Boden schweben und in der Sonne glitzern. Zwei Seeadler hocken hoch oben in einer kahlen Baumkrone. Eine Vogelpirsch im Winter hat ihre Vorteile. Seeadler sind zwar nur eine von rund 250 Vogelarten, die man im Odertal beobachten kann, aber zweifellos eine der spektakulärsten. Der größte mitteleuropäische Adler lebt das ganze Jahr hier im Odertal. Im Winter gesellen sich noch Artgenossen aus Hinter- und Vorpommern dazu. Es wurden schon Gruppen von 30 Vögeln gesichtet. Mein Gott, ein Adlerschwarm dieser Größe, das hat schon Hitchcocksche Qualität.

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