Portugal: Aufbruch ins Unbekannte

Autor: Janelle Nanos  —  Bilder: Colourbox
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Bild oben: In Lissabon fährt die berühmte Tram 28 an vielen Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbei.

Portugal hat viele Entdeckungen zu bieten. Unsere Autorin Janelle Nanos reist ans südwestliche Ende des europäischen Festlands und erkundet die Gegend.

Gerade erst bin ich in Lissabon angekommen und spüre schon die Aufbruchstimmung, die Portugal seit Jahrhunderten begleitet. Über der Stadt thront das Castelo de São Jorge: Die Ursprünge der massiven Burg gehen vermutlich zurück bis ins erste Jahrhundert vor Christi Geburt, seither haben Menschen unterschiedlichster Herkunft daran gebaut, auch die Kelten und Römer, bis im 12. Jahrhundert die Mauren den größten Teil der heutigen Anlage errichteten. Von dieser Anhöhe scheint Lissabon sich in alle Richtungen zu ergießen, und hinter jeder Kurve wähne ich neue Geheimnisse.

Seit meiner Ankunft bin ich von einer Seilbahn oder einer Straßenbahn in die nächste gesprungen und habe mich durch das Labyrinth der Gassen im Stadtteil Alfama treiben lassen, zur Zeit der Mauren der Kern Lissabons. Ich habe die Kathedrale Sé de Lisboa bestaunt, in der sich über Jahrhunderte hinweg Elemente aus Gotik, Romanik und Barock vermählten, und mich am Abend im Viertel Bairro Alto über die vielen jungen Leute gefreut, die auf der Straße vor den Clubs und Bars feiern.

Diese Stadt lässt mich nicht ruhen, wie sie ihre Väter nicht ruhen ließ. Der Legende nach entstand sie durch die Ankunft des mythischen griechischen Kriegers Odysseus, und schon der blieb nicht lange. Seither ist Lissabon Anziehungsund Ausgangspunkt für Abenteurer. Im 15. und 16. Jahrhundert brachen portugiesische Seefahrer von hier auf, die Welt zu erkunden. Ihr berühmtester war Vasco da Gama (um 1469–1524), der am 8. Juli 1497 die Segel setzte und fast ein Jahr später in Indien landete, nachdem er als erster Europäer das Kap der Guten Hoffnung, die Südspitze Afrikas, umschifft hatte.

Belém, eine Keimzelle der großen Entdeckungen
Doch Portugal ist nicht nur ein Land der Entdecker, sondern auch eines für Entdeckungen. Besonders die Küste südlich von Lissabon, eine erstaunlich wenig besuchte Region des Landes. Sie ist das Ziel meiner eigenen kleinen Expedition: von der Hauptstadt nach Sagres und weiter ans Kap Sankt Vinzenz, den südwestlichsten Punkt des europäischen Festlands. Ich will mich treiben lassen und dabei mehr erfahren über das Gefühl dieses kleines Landes für das Meer.

Meine erste Station ist Belém, einen Steinwurf von der Innenstadt Lissabons entfernt, eine Keimzelle der großen Entdeckungen. Unzählige Schiffsreisen haben hier ihren Anfang genommen. Im Kloster von Belém wirkte bis 1834 der Orden des Heiligen Hieronymus, an der Fassade der riesigen Anlage rekeln sich Meerjungfrauen, drinnen fand Vasco da Gama seine letzte Ruhestätte. Seit 1983 gehört das 300 Meter lange Gebäude zum Unesco Weltkulturerbe.

Vasco da Gama war noch nicht geboren, als Heinrich der Seefahrer (1394–1460) die ersten Entdeckungsfahrten entlang der Westküste Afrikas initiierte. Seine Flotte stieß auf den Archipel der Azoren, der seither zu Portugal gehört, seine Seefahrer schufen in Mauretanien einen Posten für den Handel mit Sklaven – und begründeten die portugiesische See- und Kolonialmacht. Eine große Statue des weltgewandten Prinzen begrü.t die Besucher im Schifffahrtsmuseum gleich neben dem Kloster von Belém. Der Prinz finanzierte auch berühmte Astronomen, Kartografen und Wissenschaftler, die seine legendäre Seefahrtschule in Sagres besuchten.

500 Jahre nach dem Tod des Prinzen errichtete Portugal ihm und 32 weiteren Abenteurern, Forschern und kirchlichen Würdenträgern des 15. Jahrhunderts das Padrão dos Descobrimentos, Denkmal der Entdeckungen: Am Ufer des Tejo ragt ein riesiger steinerner Schiffsbug auf, an seiner Spitze blickt Heinrich auf Wasser, hinter ihm drängen sich seine Gefolgsleute.

Unweit davon wacht der berühmte Turm von Belém über den Hafen, auch schon seit fast 500 Jahren. Als Leuchtturm bot das prachtvolle Bauwerk ankommenden Schiffen eine Orientierung, und es wurde zum Symbol für den Reichtum und Erfolg Portugals als Seemacht. Seine Gestaltung vereint marokkanische und venezianische Einflüsse. Etwas überraschend findet sich dazwischen die Darstellung eines Nashorns – eine Stein gewordene Danksagung für das Rhinozeros, das im Jahr 1515 per Schiff aus dem fernen Indien nach Portugal gelangte und in Europa für großes Aufsehen sorgte. Noch im gleichen Jahr verewigte Albrecht Dürer es in einem Holzschnitt.

Heinrichs Seefahrer, Vasco da Gama und die anderen Entdecker setzten Segel, ohne zu wissen, was sie erwartete und ob sie je zurückkehren würden. Mein Abenteuer ist kleiner. Mich zieht es nach Süden, immer am Meer entlang.

Arrábida, eine Naturlandschaft zwischen Klippen und Buchten
Mit dem Auto überquere ich den Fluss Tejo auf der Ponte 25 de Abril, der Brücke des 25. April. Sie hat in Form und Farbe eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der Golden Gate Bridge in San Francisco, und sie weist ebenso hinaus auf einen Ozean und die Welt. Auf der anderen Seite steht auf einem mächtigen Sockel die 28 Meter hohe Jesusfigur Cristo Rei, die mich an die ähnliche, fast ebenso große Statue in Rio de Janeiro erinnert. Als der Erzbischof von Lissabon im Jahr 1934 dorthin reiste, war er so beeindruckt, dass er nach seiner Heimkehr vorschlug, auch Lissabon solle sich ein solches Monument errichten lassen. Der Bau begann 1949, zehn Jahre später wurde die Statue eingeweiht.

Mein Ziel des Tages ist Portinho de Arrábida. Das kleine Dorf liegt rund 60 Kilometer von Lissabon entfernt zwischen den Klippen und Buchten der Naturlandschaft Arrábida. Doch auf der Straße sehe ich nur ein paar Backpacker, Hunde lungern im Schatten, und im kleinen Café zeigt der Kellner auf das einzige noch erhältliche Gericht: Fischeintopf. Ich zweifle schon an diesem Nest, da serviert er mir eine dampfende Schüssel mit Garnelen, Muscheln und Reis. Die Garnelen sind knackig gegart, die Muscheln zart und aromatisch – und der Ausblick aufs Meer ist perfekt. In Richtung Süden, wo die sumpfigen Reisfelder langsam von den sanften Hügeln um die Ortschaft Sines abgelöst werden, wurde Vasco da Gama geboren. Etwas weiter beginnt die Küstenregion Alentejo. Gerade, als ich am Straßenrand eine Rast einlege, fallen mir Schilder der Rota Vicentina ins Auge. Dieses Netz aus Wanderwegen erstreckt sich entlang der Südwestküste, darunter mehr als 100 Kilometer wilde Landschaft am Meer. Ich entscheide mich für den blau-grün markierten Fischerweg auf den Klippen, danach für ein Stück auf der rot-weißen historischen Route. Sie führt auf alten Pfaden durch Korkwälder und Heidefelder, hier waren schon mittelalterliche Pilger unterwegs. Nach einer Stunde Wanderung mit Blick auf den Atlantik setze ich mich auf eine Klippe und lasse die Füße über den Rand baumeln. Meine Gedanken verlieren sich in den Wellen, die unter mir branden, und in der Weite des Atlantiks.

Das kleine Fischerdorf Vila Nova de Milfontes ist mein nächster Halt. Im 16. Jahrhundert wurde es wiederholt von Piraten angegriffen, heute ist es hier still, der Ort umgeben von Weiden, auf denen Kühe grasen und jeden Spaziergänger neugierig anschauen, so viele gibt es hier ja nicht. Das reetgedeckte Restaurant „A Choupana“ steht direkt am Wasser, umgeben von Kakteen mit orange leuchtenden Blüten. Drinnen rennen Kinder mit Eistüten zwischen Picknicktischen hin und her, während der Chefkoch Geflügel und Fisch auf dem Grill zubereitet. Ich lasse mir gedämpfte Muscheln und gebratene Sardinen bringen – eine köstliche Stärkung für meine nächste Etappe.

Ich ahne noch nicht, was für eine schöne Übernachtung vor mir liegt, als ich im „Herdade de Matinha“ ankomme. Das Landhaus ist zwei Kilometer von der Hauptstraße entfernt an einem unbefestigten Weg, meine Entdeckung des Tages. Gefunden habe ich es über die Website Casas Brancas, benannt nach den weiß gestrichenen Gebäuden auf dem portugiesischen Land. Die Herberge gehört Mónica Belezza und ihrem Mann, dem Maler Alfredo Moreira da Silva. In jedem Zimmer hängt eines von seinen farbkräftigen Bildern. Als ich ankomme, steht der Künstler gerade in Badehose auf einer Leiter im Esszimmer und hängt ein Surfbrett über die Tür. „Vor einigen Jahren wohnten wir noch im Stadtzentrum von Lissabon, getrieben vom Traum, ein Restaurant auf dem Land zu eröffnen“, erzählt er. „Wir wollten nach Australien ziehen, doch dann lernten wir diesen Teil Portugals kennen. Uns war sofort klar, dass wir in dieser wilden Schönheit unsere Vision leben konnten.“

Sagres, Portugals zweite Hauptstadt der Seefahrer
Auf dem weiteren Weg gibt das Alentejo am nächsten Tag noch einmal alles: Ich fahre Serpentinen bergauf und bergab, bei Zambujeira do Mar mit mulmigem Gefühl an steilen Klippen entlang und wenig später durch kühle Wälder aus Kiefern und Eukalyptusbäumen. Hinter Zambujeira do Mar beginnt bald die Algarve. Einmal rausche ich zwischen Wiesen mit bunten Blumen durch ein Tal, wenig später überquere ich einen Hügel, auf dem Windkrafträder ihre langen Schatten werfen. Ich überhole verstaubte VW-Busse mit Surfbrettern auf dem Dach und fühle mich Jahrzehnte zurück versetzt. Und dann: Sagres, Portugals zweite Hauptstadt der Seefahrer. Mein erster Besuch gilt den Ruinen der Fortaleza de Sagres, der Festung von Sagres. Hier wurden im 8. Jahrhundert die Reliquien des Heiligen Sankt Vinzenz, Schutzpatron der Seefahrer, vergraben, daher trägt diese Landspitze heute den Namen Kap Sankt Vinzenz. Lange Zeit zog sie christliche Pilger an – einige von ihnen blieben angeblich, um die berühmte Seefahrtschule zu besuchen. Übrig ist neben einer Kirche und einigen verfallenen Gebäuden ein riesiger Steinkreis. Er hat einen Durchmesser von 43 Metern, ist in 42 Felder unterteilt und stammt noch aus der Zeit Heinrich des Seefahrers. Wahrscheinlich handelt es um eine Windrose, auf der wie beim Kompass die Himmelsrichtungen dargestellt waren.

Nahebei zeigt eine Tafel die Vogelarten des Atlantiks, des Mittelmeerraums und Afrikas, die hier aufeinandertreffen – das gibt es nirgendwo sonst in Europa. Ein Storch gleitet über mich hinweg Richtung Süden, als ich auf den steilen Abgrund der Klippen zugehe. Vorsichtig schaue ich die fast 80 Meter hinunter. Ich muss an die vielen Seefahrer und Forscher denken, die vor Jahrhunderten aus Portugal aufgebrochen sind, um die Welt zu erforschen. Sie wussten wenig darüber, was vor ihnen lag, fürchteten sich vor Stürmen und Meeresungeheuern. Trotzdem brachen sie auf ins Unbekannte, denn ihre Neugier war stärker als ihre Angst.

Tipps für ihre Portugal Reise - von Lissabon bis Sagres

Lissabon

Schlafen
Hotel do Chiado: Ein elegantes Haus, gestaltet von Álvaro Siza Vieira: Er gehört zu den wichtigsten Architekten Europas und hat nach dem verheerenden Feuer 1988 die Pläne zum Wiederaufbau des Stadtteils Chiado entwickelt (ab ca. 140 Euro, hoteldochiado.com).

Essen
Pois Café: An den Wänden hängen kleine Kunstwerke, auf gemütlichen Sofas entspannen junge Menschen aus der ganzen Welt, die Karte bietet leichte Gerichte mit vielen vegetarischen Optionen (poiscafe.com).

Trinken
A Brasileira: 1905 wussten die Leute noch, was Opulenz ist: ein steinerner Bogen mit floralen Verzierungen über einem Eingangsbereich aus grün lackiertem Holz, drinnen blutrote Decken, dunkle Holzverkleidung, schwarze Säulen mit goldfarbenen Kapitellen, der Gestaltungswahn hört gar nicht auf (Rua Garrett 120).

Comporta

Schlafen
Pousada Castelo Alcácer do Sal: Bis 1834 lebten in dieser Anlage jahrhundertelang Mönche und Nonnen, heute ist darin, nahe am Strand, ein luxuriöses Resort untergebracht (ab ca. 150 Euro, pousadas.pt).

Essen
Ilha do Arróz: Das Restaurant mit den exzellenten Fischgerichten liegt amAnfang einer Landzunge, die eingeschlossen ist vom Meer und von einer Bucht, in die der Fluss Sado mündet: Näher können Sie dem Wasser nicht sein (an der N253-1 bei Comporta).

Cercal do Alentejo

Schlafen
Herdade da Matinha: Behutsam modernisiertes Landhaus, in ruhigen Farben geschmackvoll gestaltet. Die Küche ist leicht und modern – wer Lust hat, darf helfen und dabei dem Koch auf die Finger schauen (ab ca. 140 Euro, herdadedamatinha.com).

Vila Nova de Milfontes

Essen
A Choupana: Die Holzkonstruktion liegt auf einer Landspitze, wo der Rio Mira ins Meer mündet. Traditionelle Küche, Schwerpunkt auf Fischgerichten (Praia do Farol 7645-030).

Sagres

Schlafen
Memmo Baleeira: Das moderne Haus liegt über dem Hafen, die Zimmer sind ganz in Weiß gehalten, zum Hotel gehört eine Surfschule (ab ca. 145 Euro, memmobaleeira.com).

Essen
Raposo: Eingerichtet mit Holz und Chrom, gibt sich das „Raposo“ eine Gediegenheit, die es nicht hat: Das Restaurant liegt am Strand, tagsüber ist es eine beliebte Tränke für die Surfer. Fisch und Weine sind exzellent (Rua da Mareta).

Lesen
Alles frisch: Im März dieses Jahres wurde der NATIONAL GEOGRAPHIC TRAVELER „Portugal“ von Fiona Dunlop neu aufgelegt. Aktualisierte Daten zu Anreise, Unterkunft und Gastronomie (288 Seiten, 19,99 Euro)

Wandern
Als rund 400 Kilometer lange Wanderroute führt die Rota Vicentina durch ein Naturschutzgebiet. Sie besteht aus einem Fischerpfad an der Küste mit Ausblicken über schroffe Klippen, einem historischen Pfad durch alte Dörfer und Rundwegen, die sich auch für kurze Touren eignen. Auf der Website rotavicentina.com finden sich viele Tipps.

Dieser Text ist erschienen in der dritten Ausgabe 2016 vom National Geographic Traveler.

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