Sächsische Schweiz

Autor: Hans-Joachim Löwer  —  Bilder: Norbert Rosing

Als Gebirge ohne Berge – der höchste Gipfel erreicht 560 Meter – bezaubert die Sächsische Schweiz mit ihren charakteristischen Felssäulen. Sie ist Teil des Elbsandsteingebirges und enthält die wildesten Canyons und Klippen, die Naturfreunde und Kletterer anziehen.

Hände zucken über den Fels, tasten nach einer Kante, nach einem dünnen Riss, einer Rille, einer Ritze. Nach Halt. Fußspitzen scharren an der lotrechten Wand. Dann spannt sich der Körper im nächsten Zug nach oben, im Kampf gegen die Schwerkraft. «Ihr müsst die Reibung noch mehr nutzen!», ruft Kletterführer Clemens Langer, der von unten mit einem Seil sichert. «Versucht mal, auf diesem Sandstein abzurutschen; das geht gar nicht.»

Um uns herum rauscht ein Regenguss in den Wald der Sächsischen Schweiz. Das Studentenpärchen aber turnt am Rotkehlchenturm auf einer putztrockenen Route. Über ihnen wölbt sich ein mächtiger Felsüberhang wie ein schützender Schirm. Jenny Weihmann aus Köln und Daniel Rische aus Bochum hängen wie Spinnen an kaum wahrnehmbaren Unebenheiten. Mit hölzernen Spateln versuchen sie stochernd die Knoten von zusätzlichen Sicherungsschlingen in schmale Felsrisse zu versenken. Woher weiß man bloß, ob die bei einem Sturz wirklich halten? «Gefühlssache», brummt Langer, «und jahrelange Erfahrung.»

In der Sächsischen Schweiz wird „sauber“ geklettert. So, dass der Berg nicht vergewaltigt wird. Seit 1913 gibt es dafür eiserne Regeln. Keine Haken als Steighilfe, weil sie die Wand zerlöchern. Keine Klemmkeile aus Metall, weil sie den brüchigen Fels zerschrammen würden. Kein Magnesia an den Händen, weil es das Gestein angreift. Das ist der Ehrenkodex, dem sich hier alle verschrieben haben. Das Elbsandsteingebirge in der Sächsischen Schweiz ist schließlich die Wiege der Freikletterei.

Tags darauf stapfe ich mit Langer durch triefenden, würzig riechenden Wald. Wir sind vom Beuthenfall in der Sächsischen Schweiz aus durch dichtes Laub aufgestiegen. Der Regen will einfach nicht aufhören. Doch plötzlich geschieht, was jedem geschieht, der gedankenverloren durch den Nationalpark an der Oberelbe läuft: Ich erstarre vor einem steinernen Koloss, der aussieht wie vom Himmel zwischen die Bäume gewuchtet. Meine Augen fliegen die Wände entlang, sehen Löcher und Lücken, Rippen und Leisten, Schwarten und Knollen. Mein Gott, was war hier nur los?

Ich trete ein paar Schritte zurück, lege den Kopf in den Nacken und schaue nach oben, sehe Tafeln, Türme, Säulen, Zinnen, Pfeiler, Nadeln, Riffe. Eine bizarre Silhouette, als hätte ein monströses Bleigießen stattgefunden. «Das sind die Affensteine», sagt Langer. Die Menschen haben die Namensgebung wohl den Possen der Natur angepasst, die sich hier seit 100 Millionen Jahren abspielen.

Zur Kreidezeit war in dieser Region der Sächsischen Schweiz ein riesiges Meer. Sand und andere Sedimente lagerten sich ab und verdichteten sich zu Stein. Dann hob sich das Grundgebirge, das Wasser floss ab, eine gewaltige Sandsteinplatte blieb zurück. Durch Spannungen in der Erdkruste schob sich der Lausitzer Granit über ihren Rand; so entstanden Risse und Klüfte. Die Urelbe und ihre Nebenflüsse, danach die Schmelzwasser von Eiszeitgletschern frästen sie immer tiefer aus. Sonne, Wind und Frost sorgten für physikalische, Sickerwasser und Salze für chemische Verwitterung. Nirgendwo sonst in Europa wurde eine Landschaft von der Natur in so beeindruckenden Formen zerrissen wie hier in der Sächsischen Schweiz.

Dabei ist diese Gegend nicht mal ein Mittelgebirge, sondern allenfalls Hügelland. Die höchste Erhebung der Sächsischen Schweiz misst ganze 560 Meter. Dennoch zeigt sie vielerorts geradezu alpine Dramatik. Es gibt mehr als 1100 Kletterfelsen mit sage und schreibe 19 500 Aufstiegsrouten, und jedes Jahr kommen im Durchschnitt 300 hinzu. Und weil jeder Erstbegeher das Recht zur Routentaufe hat, lassen sich die Extremkraxler nur zu gern von der verrückten Felsanatomie inspirieren: „Reibungszauber“ und „Pitbull“, „Liebesknochen“ und „Abstauberkante“, „Erbe des Fluchs“ und „Böses Erwachen“, „Süsse Sünde“ und „Letzte Ölung“. «Viele Namen versteht wirklich nur, wer zur Szene gehört», erklärt Langer, einer von 18 offiziellen Nationalparkführern in derSächsischen Schweiz.

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