Schwarzwald

Autor: Bettina Gartner  —  Bilder: Norbert Rosing

Auf den kuppigen Höhen stehen die Bäume spärlich. In tieferen Lagen kämpft man gegen die Folgen früherer Politik: Es wachsen zu viele Bäume. Zum Glück steigt die Nachfrage nach Holz. Mit jedem Stamm, der fällt, erhellen sich die Aussichten für den Südschwarzwald.

Seit 30 Jahren macht Herr Schwaderlappen aus dem Sauerland Urlaub im Südschwarzwald. Der Naturpark im südwestlichsten Zipfel von Baden-Württemberg ist ihm zur zweiten Heimat geworden. Doch die Veränderungen der letzten Zeit stimmen Herrn Schwaderlappen missmutig. «Ja, watt denn, ham die hier die Kühe abgeschafft?», fragt er vorwurfsvoll. «Früher wahn hier überall Äcker und Weiden, jetzt sieht man nur noch Hecken und Gestrüpp!»

Bauer König ist in Erklärungsnot, das Publikum ist begeistert, und ich bin mittendrin – im Gemeindehaus von Freiamt, 25 Kilometer nördlich von Freiburg, dem Tor zum Schwarzwald. Wir sind im Kabarett „Bure zum Alange“. Bauern zum Anfassen, würde Herr Schwaderlappen sagen. Der heißt in Wirklichkeit Wolfgang Winterhalder, ist 33, selber Bauer, Forstwirt und waschechter Schwarzwälder. Sein Kollege Nikolaus König, 37, darf auch auf der Bühne sein, was er im täglichen Leben ist: Bauer und amtlich geprüfter Fremdenführer, der – schelmisch und charmant – den Besuchern die Besonderheiten des Naturparks im Schwarzwald näher bringt. Seit gestern wohne ich bei ihm, auf dem Bartleshof im Siedelbachtal. Die hofeigenen Gänse haben mein Kommen so lautstark angekündigt, als wollten sie beweisen, dass sie so wachsam sind wie einst ihre Artgenossen auf dem römischen Kapitol. Anders als Herr Schwaderlappen bin ich kein Stammgast im Südschwarzwald – und sein Lamento lässt mich stutzen. Ist denn nicht allerorts „Zurück zur Natur!“ angesagt? Noch dazu in einem Naturpark, dessen Name Programm ist?

Doch Bauer König bekräftigt: Zu viel Wald im Schwarzwald! Gut die Hälfte des Naturparks sind Wald. Das ist zu viel für die Weidbuche, die offene Fluren braucht. Zu viel für den Schweizer Löwenzahn und den Gelben Enzian, die den Hochweiden des Südschwarzwalds etwas Alpines verleihen. Zu viel für die vom Aussterben bedrohte Zippammer, die sich in die felsigen Weidfelder geflüchtet hat. Und zu viel für den Warzenbeißer, eine Heuschrecke, von der man früher hoffte, ihre aggressiven Verdauungssäfte würden unliebsame Auswüchse der Haut wegätzen.

«Es soll hier wohl wieder so kuschelig düster werden wie vor 2 000 Jahren», mault Herr Schwaderlappen. Als langjähriger Gast weiß er Bescheid über die Geschichte des Südschwarzwalds und lässt sie gemeinsam mit Bauer König auf der Bühne Revue passieren. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann das derzeitige Dilemma verstehen.

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