Bild: Shutterstock / Jiri Haureljuk Vergrößern
Alex geht voraus und schwingt mit dem Elan eines Piraten sein panga, ein afrikanisches Buschmesser, das einer Machete ähnelt. Der erste Teil des Aufstiegs führt durch dschungelartige Landschaft. Am Weg stehen riesige Steineiben, fast zweieinhalb Meter dick und mit Moos behangen – immergrüne Relikte des einstigen Superkontinents Gondwana. Über unseren Köpfen springen Scharen schwarz-weißer Stummelaffen durch das Geäst.
Der Mount Kenya hat an seinem Fuß einen Umfang von 160 Kilometern und ist von stark gerodetem Farmland umgeben. Er ist ein Eiland der Biodiversität. Alle Hauptklimazonen sind hier an einem Ort zu finden – von tropisch bis alpin. Wie bei einer Schichttorte bauen sie vom Fuß des Berges bis zu seiner Spitze aufeinander auf. Rund 2000 Elefanten leben an seinen Flanken, auch Büffel, Zebras, Elenantilopen, Leoparden, Löwen und Hyänen streifen frei umher. Auf der Futtersuche wandern sie die Hänge hinauf, vielleicht auch, um den Menschen auszuweichen. So gelangen sie in ungewöhnlich hohe Zonen. Zebras und Büffel wurden bereits auf mehr als 3600 Metern beobachtet, Leoparden sogar auf fast 4900 Metern.
Es gibt drei Hauptrouten auf den Mount Kenya. Wir drei – Alex, Bobby und ich – haben die selten begangene Burguret-Route gewählt. Unsere drei Träger Hiram, Charles und Agustino helfen beim Transport der Ausrüstung und Vorräte. Auf 2500 Meter Höhe betreten wir einen dichten, breiten Streifen aus etwa 15 Meter hohem Bambus. Überall sehen wir kuchenplattenförmige Fußabdrücke: Spuren von Elefanten. An einigen Stellen sind die Tiere mehrere hundert Meter durch den Bambus gebrochen, haben tunnelartige Gänge geschaffen. Über unseren Köpfen verflechten sich Äste und Zweige und lassen das hindurchströmende Sonnenlicht mal grün, mal goldfarben leuchten. Es ist, als gehe man durch eine Kathedrale.
Am nächsten Tag betreten wir auf 3500 Meter Höhe eine Pflanzenwelt wie aus einem Tolkien-Roman. Hier oben wächst Heidekraut, das in Europa schon in sehr niedrigen Höhen kaum noch zu finden ist. Hüfthoch wachsende Süßgräser sind von fliederfarbenen, federartigen, bis zweieinhalb Meter großen Blüten der Lobelien durchsetzt. Castles („Schlösser“) heißt eine festungsartige Ansammlung von Felsen. Unter einem der großen Überhänge schlagen wir unser Camp auf.
Als Alex zum ersten Mal nach Afrika kam, hatte er nur die Besteigung des Kilimandscharo im Kopf, des mit 5895 Metern höchsten Berges von Afrika. Auf ihm erstrecken sich noch äquatoriale Gletscher, auch wenn sie mittlerweile schnell dahinschmelzen, und er birgt skurrile biologische Lebensgemeinschaften. Obwohl der Mount Kenya diesem Massiv nur wenig nachsteht, zog Alex ihn lange Zeit nicht einmal in Betracht, wie die meisten anderen Bergsteiger auch. Erst nachdem er mehr als 20 Kilimandscharo-Aufstiege geleitet hatte, wandte er sich dem Mount Kenya zu. Von da an aber waren seine Augen weit geöffnet.
«Ich habe den Eindruck, dass der Kilimandscharo in mancherlei Hinsicht seine Seele ebenso verloren hat wie der Everest», sagt Alex. «Der Kilimandscharo ist ein toller Berg, um ihn bestiegen zu haben – aber der Mount Kenya ist ein toller Berg, um ihn jetzt zu besteigen.»
Reisetipps: Rauf auf den Mount Kenya!
Lesen sie den ganzen Artikel in der Reise-Beilage des Oktober-Heftes von NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND.
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