Tel Aviv: Eine Stadt wie ein Geschenk

Autor: Raphael Kadushin  —  Bilder: Colourbox
Tel Aviv-Main

Schon als Kind war unser Autor von Tel Avivs Energie fasziniert. Jetzt kehrte er zurück – in eine Metropole, die allen Konflikten zum Trotz das Leben auskostet.

„Du musst die perfekte Falafel finden!“, hatte mir meine Schwester vor der Reise gesagt. Die Falafel, von der wir als Kinder nie genug bekamen, nachdem meine Familie aus einem verschlafenen amerikanischen Vorort nach Tel Aviv gezogen war. Die ganze Stadt verströmte eine Lebenslust, wie ich sie zuvor nicht gekannt hatte, so wie die Kinder in meiner neuen Schule, denen anscheinend nie die Energie ausging. Ich heulte, als wir zwei Jahre später nach Amerika zurückgingen. Da war ich neun.

Als ich an einem Septembernachmittag nach langer Zeit wieder durch Tel Aviv schlendere, reflektieren die weißen Häuser die Sonne, ein salziger Duft weht vom Meer herüber. „Man nennt Tel Aviv ‚die Blase‘, weil uns hier nichts etwas anhaben kann“, erzählt mir die Journalistin Dalit Nemirovsky. Wir treffen uns am Rothschild Boulevard, um uns herum: elegante Bauhaus-Architektur. „Weiße Stadt“ heißt dieses Viertel, das heute zum Weltkulturerbe der Unesco zählt. Erbaut haben es vor allem jüdische Architekten, die in den Dreißigerjahren aus Deutschland in die junge jüdische Siedlung kamen. „Wir haben eine offene Stadt geschaffen und weigern uns, in Angst zu leben. In Tel Aviv kann man machen, was man will, und sein, wer man will“, erklärt Dalit. Das hat aus dem Vorort der antiken Stadt Jaffa eine kosmopolitische Metropole gemacht.

Deren Ruf als künstlerisches Zentrum Israels gründet auch auf dem Tel Aviv Museum of Art. Hier führt mich Kuratorin Anat Danon Sivan herum. Als wir vom romantisierenden Orientalismus älterer Werke zur härteren, politisch zugespitzten Gegenwartskunst kommen, sagt sie: „Wir Tel Avivis wollen in einer säkularen, internationalen Welt leben. Aber wir können auch nicht vergessen, warum wir hier sind.“ Die zeitgenössischen Werke fragen: Wie kann man Israel schützen, ohne den Traum von Toleranz und Frieden aufzugeben?

Vielleicht ist Großzügigkeit ein Anfang. Auf der Suche nach den perfekten Falafeln bitte ich einen Taxifahrer um Hilfe. Als wir nördlich des Künstlerviertels Neve Tzedek mit seinen Cafés und Galerien eines der allseits empfohlenen Falafelbistros von „HaKosem“ erreichen, lade ich ihn ein. Es schmeckt hervorragend: Das Pitabrot ist federleicht, die Kichererbsenbällchen sind nur einen Hauch knusprig, und die Tahinisoße tropft, was das Zeug hält, genau wie in meiner Erinnerung.

„Dafür“, sagt mein zufriedener neuer Bekannter, „fahre ich Sie jetzt umsonst zurück.“ Es ist, als würde Tel Aviv mir etwas schenken wollen, weil ich es nicht vergessen habe.

LAGE
Die wachsende Metropole am Mittelmeer hat mehr als 400.000 Einwohner. Tel Aviv umfasst auch die antike Hafenstadt Jaffa und ist nach Jerusalem, das 50 Kilometer südöstlich von hier liegt, die zweitgrößte Stadt Israels.

ANREISE
Der Flughafen Ben Gurion ist nonstop von mehreren deutschen Flughäfen in vier Stunden zu erreichen. Es ist ratsam, sich vor einer Reise etwa beim Auswärtigen Amt über die Sicherheitslage zu informieren.

REISEZEIT
Man reist am besten zwischen Mai und Oktober. Allerdings kann es in diesen Monaten angesichts des subtropischen Mittelmeerklimas sehr heiß werden. Die Winter sind mild, aber regenreich.

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(NG, Heft 02 / 2017, Seite(n) 142 bis 144)
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