Thüringer Wald und Rhön

Autor: Judka Strittmatter  —  Bilder: Norbert Rosing

Das Biosphärenreservat im Herzen des Thüringer Walds ist eine Idylle. Ein Kleinporträt der Landschaft bietet das tief eingeschnittene Vessertal. Nicht weit entfernt fiel Goethe eines seiner bekanntesten Gedichte ein, und manche Besucher fühlen sich hier ihrer Kindheit wieder nah.

Hier oben also, auf dem Kickelhahn, in einem Pirschhäuschen zwischen Rotbuchen: er! 31 Jahre alt, jung, dynamisch, kritzelt er Epochales an die Bretterwand. Vielleicht fröstelnd, vielleicht trunken, führt ihm ein Anflug aus Schwermut die Hand. «Über allen Gipfeln ist Ruh», dichtet er im September 1780. „Wanderers Nachtlied“. Erst 51 Jahre später kehrt er zurück und repetiert noch einmal die letzte Zeile. Unter Tränen. «Warte nur, balde ruhest du auch.» Wenige Monate später ist er tot.

Das lässt selbst den härtesten Wanderer nicht kalt. Unser Goethe! In einer Jagdhütte im Thüringer Wald! Dieses Gedicht! Das Grüppchen aus dem Schwäbischen – endlich auf 861 Meter angekommen – steht ergriffen, lässt den Blick über düstere Fichtenkronen in der Ferne schweifen und marschiert dann abwärts, über die Hirtenwiese und das Finstere Loch, nach Stützerbach im Thüringer Wald. Ich mache es ihnen nach und habe Zeitkino im Kopf: Wie muss man sich den deutschen Dichterfürsten als Wandersmann vorstellen? Nahm er den Weg mit einem Stock? War er flink, oder hinderte ihn steifes Schuhwerk? Hatte er Proviant dabei; oder naschte er Beeren aus dem Forst? War er fesches Mannsbild oder verwachsener Denkertyp?

Auf jeden Fall, sagt die Überlieferung, war er einer mit Sehnsucht. Nach üppigen Wiesen, dichten Wäldern, nach Waldmeister- und Wacholderduft. In die Vessertalregion kam er als Emissär des Herzogs Karl August, der dem Kleinstaat Sachsen-Weimar-Eisenach vorstand. Beide nahmen mehr als ein Dutzend Mal Herberge in Stützerbach im Thüringer Wald. Es ging um die Erschließung neuer Minen; Goethe suchte aber auch Natur. Hier fand im Thüringer Wald er sie, und vor allem: sehr viel davon. 200 Jahre später steht das Areal im Thüringer Wald unter Schutz, ist Biosphärenreservat.

Gleich hinter Weimar geht es los. Aus Ebenen werden Hügel, aus Brachen bunte Wiesen. Ansammlungen von Buschwerk schwellen zu Fichtenwäldern an. Die Landschaft wird weicher, muldiger. Preußen gibt ab an Sachsen-Anhalt, Thüringen folgt nach. Aus Rauputz wird Fachwerk, aus Brache Moor, und in Orts- und Landschaftsnamen schleicht sich Prosa ein: Goldlauter und Allzunah tauchen in meiner Karte auf, Rollkopf und Hühnerschnabel. Kindheitsstimmung. Nicht weit vom Vessertal, in Giessübel, war ich einmal mit Eltern und Geschwistern in den Sommerferien – und musste wandern. Pure Langweile für zappelige Kinderbeine, herrlicher Ausgleich für einen Großstadtmenschen 30 Jahre später.

„Zünftig“ mag das Wort sein, das hier passt. Wirtshäuser werben mit „Original Thüringer Klößen“, Wohnhäuser haben eine Schuppenhaut aus Schieferschindeln. Grossmütter zuckeln mit ihren Enkeln in Bollerwagen am Wiesenrand entlang. An Fichten und Buchen taucht ab und an ein kreideweißes „R“ auf: Signet für die älteste und vitalste Schlagader des Mittelgebirges, den Rennsteig. Einst war er Grenz- und Handelsweg zwischen Thüringen und Franken, heute – als Lehr- und Wanderpfad – haben ihn Natur- und Sportfreaks okkupiert.

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