Vorpommersche Boddenlandschaft und Rügen

Autor: Tom Dauer  —  Bilder: Norbert Rosing

Kreideklippen, Kraniche und Kormorane – die Boddenlandschaft von Mecklenburg-Vorpommern lockt mit einem verblüffend vielfältigen Mosaik deutscher Naturräume. Die Küstenlinien verändern sich noch immer ständig und sind voller Dynamik.

Wenn alles flach ist rundherum, die Ostsee leise anbrandet und der Sandstrand in weichen Linien verläuft – dann können 13 Meter hoch sein. So hoch, dass ich weit über die Halbinsel von Fischland, Darß und Zingst in der Vorpommerschen Boddenlandschaft blicken kann, von der Hohen Düne im Osten zum Darßer Ort im Westen, von meinem Ausgangspunkt zu meinem Ziel. Dazwischen liegt eine Natur, deren Reiz sich nicht sofort erschließt, weil ihr auffällige Landmarken fehlen. Will man ihre Geheimnisse entdecken, muss man genau hinschauen können. Deshalb mache ich mit Uwe Paschen ein Geschäft: Ich leihe ihm mein Ohr, und er leiht mir seine Augen.

Der 68-Jährige verbrachte den größten Teil seines Lebens in Born, im Süden der Halbinsel in der Vorpommerschen Boddenlandschaft. Blau, gelb, rot, weiß oder grün sind die Häuser dort gestrichen, mit Reet gedeckt, die Türen mit holzgeschnitzten Ornamenten verziert. Paschen arbeitete in der DDR-Hochseefischerei, fing als Matrose an, brachte es bis zum Flottillenkapitän. Dann kam die Wende und Paschen wurde arbeitslos. «Im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, der 1990 gegründet wurde, gab es zum Glück eine ABM-Stelle», erzählt er. Paschen, der Zeit seines Lebens zur See gefahren war, baute nun Wege an Land. 1995 wurde er Hafenmeister am Darßer Ort. Paschen kennt das Meer, er kennt Fischland, Darß und Zingst, und er kennt die Menschen, die hier in der Vorpommerschen Boddenlandschaft leben. Einen besseren Begleiter hätte ich mir nicht wünschen können.

Von der Hohen Düne hinab kommen wir in ein Sand- und Grasland, dessen Bewuchs sein eigenes Werden dokumentiert. Der blassgrüne Strandhafer ist der erste Besiedler der Weissdüne. Da kann ihn noch so oft der Sand zuwehen: Immer wieder bahnt er sich einen Weg ans Licht. Mit tiefen Wurzeln hält er den Sand zusammen. In seinem Windschatten siedeln sich Moose und Flechten an, der Sand entkalkt, sein Weiß wird grau. Humus bildet sich. Etwas weiter im Landesinneren folgt die Braundüne, auf der Krähenbeere und Heidekraut wachsen. Bis die ersten Kiefern dastehen. «Windschur», erklärt Paschen: Wie frisiert beugen sich die Bäume dem auflandigen Wind. Dort, wo unsere Räder stehen, haben Birken, Erlen, Eichen und Buchen die einzelnen Kiefern zum Wald erweitert.

Unterhalb der Aussichtsplattform von Pramort breitet sich hell und flach das Windwatt Bock vor uns aus, eine zwölf Kilometer lange Sandbank. Ihren Namen trägt sie, weil hier immer wieder Fischer ihre Boote auf Grund setzen, aufbocken.

Anders als das Watt der Nordsee, das bei Ebbe trocken fällt und bei Flut überspült wird, ist der Wasserstand auf dem Bock allein vom Wind abhängig, woher und wie stark er bläst. Weil Menschen nicht auf das Windwatt kommen, finden dort um die 40 Küstenvogelarten Rast- und Brutplätze. Singschwäne, Graugänse, Zwergsäger, Sandregenpfeifer. Sogar Alpenstrandläufer, die vom Aussterben bedroht sind, machen auf ihrem Zug in den Süden hier in der Vorpommerschen Boddenlandschaft Quartier.

Und natürlich der Kranich mit seinem hellgrauen Kleid, den schwarzen Schmuckfedern und dem roten Fleck auf dem Kopf. Jeden Herbst kommen bis zu 60000 dieser 1,20 Meter großen, um die fünf Kilo schweren Vögel hierher.

Seite 1 von 3
;)
Extras

Bildband-Tipp: Wildes Deutschland
So haben Sie Deutschland noch nie gesehen. NATIONAL GEOGRAPHIC präsentiert Ihnen im Buch Wildes Deutschland überraschende und unbekannte Aufnahmen vom Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer im hohen Norden bis zum Biosphärenreservat Berchtesgadener Land tief im Süden. mehr...

  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus