Wattenmeer

Autor: Fred Schlotterbeck  —  Bilder: Norbert Rosing

Plötzlich ändert sich die Stimmung im Wattenmeer. Geschrei, Gekreische, Gackern erfüllen die Luft. Hunderte Silbermöwen und Brandgänse steigen auf und fliegen wild umher. Die Naturschutzwarte stürzen herbei und suchen den Himmel mit ihren Ferngläsern ab. Nach einer Rohrweihe, einem Turmfalken oder sonstigen Greifvogel, der es auf das Gelege eines Brutpaars abgesehen haben könnte. Aber die Ursache des Aufruhrs im Wattenmeer bleibt ungeklärt, und so plötzlich die Aufregung begann, so schnell beruhigt sich die Lage. Möwen und Gänse kehren in die Salzwiesen zurück. Bald wehen wieder blubberndes Trillern, lachende Rufe, kräftiges Flöten über die Sandflächen der Insel im Wattenmeer.

Mellum ist eines von vier unbewohnten Eilanden im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und ein Refugium von hunderttausenden Brut- und Zugvögeln. «Seit 30 Jahren fahre ich dorthin», erzählte mir der 53-jährige Fischer Günter Ihnken aus Horumersiel, gewohnt, gegen den Motorenlärm anzubrüllen. Gelassen steuerte er die „Falke“ durch die Fahrrinne hinüber zur Vogelschutzinsel im Wattenmeer. Alle zwei Wochen werden die Naturschutzwarte mit Proviant und Trinkwasser versorgt. Bei der Ankunft tuckerte der Kutter sanft in den Wattstrom Mellumbalje hinein. Einen Hafen gibt es auf Mellum nicht; wer auf die Insel will – und eine Sondergenehmigung für einen Besuch hat – muss ein paar Meter durchs flache Wasser waten. Der einzige menschliche Eingriff auf Mellum ist der im Zweiten Weltkrieg errichtete Ringdeich mit Bunkeranlage und Flak-Stellungen. Die Decke des Munitionsbunkers im Wattenmeer dient heute den Naturschutzwarten als Aussichtspunkt.

Im leichten Dunst kann ich durch das Fernrohr allein sieben Leuchttürme erkennen. Im Norden, wo Jade und Weser zusammentreffen, zieht ein riesiges Containerschiff dem Ostwind entgegen, die Kästen an Bord erinnern mich an die Skyline einer Großstadt. Im Westen einige Segler hart am Wind, dazwischen waghalsige Kite-Surfer. Dann eine lange Reihe von Windrädern. Vertäute Yachten im Hafen. Und im Süden die Industrieanlagen von Wilhelmshaven. Ein Tanker fährt in den Erdölhafen ein.

Hier auf Mellum ist nur Natur. Die Insel liegt mitten im Wattenmeergebiet, das sich vor der Nordseeküste zwischen dem dänischen Esbjerg und Den Helder in den Niederlanden erstreckt. Ebbe und Flut formen im Wattenmeer einen ganz besonderen Lebensraum – Mitteleuropas einzige weitgehend naturbelassene Großlandschaft außer den Hochalpen. Tierarten wie Pfeffermuschel, Wattwurm und Herzmuschel leben im flachen Meeresboden dieser „amphibischen Landschaft“ im Wattenmeer: eine prall gefüllte Speisekammer für die Stocherer, Sondierer und Aufklauber in der Vogelwelt.

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