Reise und Abenteuer

Nordkorea - So sieht es aus

Wer hinter die Kulissen Nordkoreas schauen will, muss lange bleiben und tief blicken. Dienstag, 17 September

Von National Geographic

„Viele der von mir dokumentierten Ereignisse sind gestellte Aufführungen. Aber die Menschen sind echt. In einer Welt, in der schon fast alles fotografiert worden ist, ist es mein Job geworden, mit Bildern zu erzählen, wie es in dieser abgeschotteten Gesellschaft aussieht.“ DAVID GUTTENFELDER

Kein Glockengeläut, keine Pilger, die Weihrauch anzündeten. An diesem kühlen Herbstmorgen war es still im Ryongthong-Tempel, einer Ansammlung buddhistischer Schreine, die sich an einen Hügel nahe der nordkoreanischen Stadt Kaesong schmiegen. Vor Jahrhunderten war Kaesong der Sitz der koreanischen Könige und Ryongthong ein lebendiges religiöses Zentrum. Doch an diesem Morgen gingen nur zwei Mönche in grauen Roben demonstrativ würdevoll durch den Tempel. Unten in der Stadt plärrten Lautsprecher auf der leeren Hauptstraße Lobgesänge auf Kim Jong-un, den jungen Mann, den die Nordkoreaner „Oberster Führer“ nennen.

Der Fotograf David Guttenfelder und ich waren mit unseren Aufpassern – ängstlichen staatlichen Bürokraten, die ausländische Reporter auf allen ihren Wegen begleiten – zu dem Tempel gekommen. Ich interviewte einen der Mönche und kritzelte pflichtbewusst die Banalitäten, die er von sich gab, in mein Notizbuch. «Der Buddhismus hilft den Menschen, klar, rein und ehrlich zu sein», sagte Dri Jong Gak.

Einen buddhistischen Tempel könnte man für den geeigneten Ort halten, um etwas über die Freiheit der Religionsausübung in Nordkorea zu erfahren. Sozialforscher sagen, dass die seit sechs Jahrzehnten herrschende Familiendiktatur jegliche organisierte Religion ausgelöscht hat. Doch falls ich danach fragen sollte und einer der Mönche gar leise Unzufriedenheit mit dem Regime andeutete, würde er inhaftiert und in dem geheimen Gulag verschwinden, in dem nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten zwischen 150.000 und 200.000 Menschen gefangen gehalten werden. Ich stellte also keine Fragen. Als wir wieder nach draußen gingen, folgten uns die Mönche. Ein Aufpasser begleitete sie. Alle drei schauten uns erwartungsvoll an. Dann sprach der ältere Mönch: «Ich weiß, was Sie fragen möchten», sagte Zang Hye Myong. Plötzlich wurde offensichtlich, warum uns die Mönche gefolgt waren. Aufpasser führen Reporter nicht zu Dissidenten, und Ryongthong war keine Enklave von Regimekritikern. Wir standen, und ich hätte das gleich wissen müssen, vor einem Tempel der totalitären Täuschung, mitten in einem Filmset, an dem die Steinstufen und reich verzierten Holztüren fast keine Gebrauchsspuren aufwiesen. Die Mönche waren Schauspieler in einer Theateraufführung über die Religionsfreiheit in Nordkorea. Und wir waren das Publikum.

Also tat ich ihnen den Gefallen und murmelte: «Lässt man Sie Ihre Religion frei ausüben?» Der Mönch schaute siegesbewusst. «Leute aus dem Westen sind überzeugt, dass religiöser Glaube in meinem Land nicht geduldet wird.» Er schüttelte traurig den Kopf. «Das ist falsch.» Er selber, sagte er, sei der Beweis für die Freiheiten, die der „Große Führer“ Kim Il-sung den Koreanern gewährt habe und die dessen Enkel Kim Jong-un nun verteidige. Er schaute mir in die Augen, und seine Schlussbemerkung klang einstudiert: «Ich möchte, dass Sie die Wahrheit in die Welt tragen.»

Dies ist ein Land, in dem das wahre Leben hinter sorgsam errichteten Fassaden verschwindet.

Doch in Nordkorea ist die Wahrheit selten einfach. Wie soll man sich einen Reim auf ein Land machen, dessen Führer sich mit dem egozentrischen amerikanischen Basketball-Star Dennis Rodman verbrüdert (Rodman besuchte Nordkorea im Februar 2013 und nannte Kim Jong-un einen «Freund fürs Leben») und eine Woche darauf den Vereinigten Staaten droht, eine atomare Feuersbrunst zu entfesseln?

Dies ist ein Land, in dem das wirkliche Leben hinter sorgsam errichteten Fassaden verschwindet. Ein Land, von dem die meisten Besucher nur die wenigen perfekt asphaltierten Straßen sehen und die riesigen Standbilder von Vater, Sohn und Enkel, die in Nordkorea seit nunmehr 65 Jahren herrschen.

Es ist ein Land, aus dem zu berichten uns häufig vorkommt wie ein fortwährender Kampf gegen einen Feind, der die Wahrheit von uns fernhalten will. Manchmal – wie an diesem Morgen in Ryongthong – gewinnt die Regierung. Aber wenn man lange genug bleibt und tief genug blickt, erfährt man mehr als erwartet. Nur deshalb kommen wir immer wieder hierher.

David und ich gehörten zu einem kleinen Journalistenteam der Nachrichtenagentur Associated Press, das Nordkorea im vergangenen Jahr regelmäßig besuchen durfte. Wir besichtigten landwirtschaftliche Genossenschaften, beobachteten unzählige politische Kundgebungen und waren zu Gast auf der Gold-Lane-Bowlingbahn in Pjöngjang, wo die Elite mit abgenutzten Kugeln spielt, die einst in den USA produziert wurden. In einem Land, in dem lange Zeit triste, unmoderne Bekleidung vorgeschrieben war, stolzieren nun die Freundinnen von Soldaten in kurzem Rock und Stöckelschuhen durch das Gold Lane – ein Indiz für das kleine, aber wachsende Konsumangebot der Hauptstadt.

Meistens sehen wir nur, was unsere Begleiter und die mächtigen, stumm über sie waltenden Staatsbehörden zulassen. Die Aufpasser empfangen uns bei der Ankunft am Flughafen und bringen uns zum Abflug wieder dorthin. Jeden Morgen erwarten sie uns in der Lobby unseres jeweiligen Hotels – in gigantischen Gebäuden, die für Ausländer errichtet wurden und einigen Luxus bieten: Heizung, Strom, Internet-Zugang. Aber die Zimmer ganzer Stockwerke stehen leer, und die wenigen Gäste verlieren sich auf endlosen, abgewetzten Marmorflächen.

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Unser Hauptaufpasser ist ein einnehmen- der, aber betont distanzierter Mann namens Ho Yong-il. Er begleitet uns ins Kinderkaufhaus und zu Kundgebungen auf dem Kim-Il-sung-Platz. Er geht mit uns in Restaurants und Fabriken. Mr. Ho ist unser Übersetzer, unser Führer und der Mann mit dem Auftrag, uns nie aus den Augen zu lassen. Sollten wir versuchen, ihm zu entwischen – was wir nie gewagt haben –, würde man unsere Visa einziehen.

Im vergangenen Jahr habe ich wesentlich mehr Zeit mit Mr. Ho verbracht als mit einigen meiner engsten Freunde. Aber auch nach vielen Versuchen, ihm etwas Privates zu entlocken, habe ich nur so viel von ihm erfahren: Er hat Englisch studiert. Er hat einen Teil des Films „Vom Winde verweht“ gesehen. Er mag Charles Dickens. Seine Gattin ist Hausfrau.

Und er ist ein Patriot. Obwohl er sich auch für die Welt außerhalb Nordkoreas interessiert, mehr über den amerikanischen Slang wissen will und sich nach unserer Arbeit erkundigt, steht die Verehrung für sein Heimatland immer im Vordergrund. Wer mit Mr. Ho unterwegs ist, sieht Nordkorea mit den Augen eines politisch Überzeugten. Es gefällt ihm, über die Geschichte seines Landes, dessen Führer und die Monumente zu sprechen. Aber auf spontane Wünsche – etwa einen Autohändler zu besuchen oder eine Geschichtsvorlesung – reagiert Mr. Ho üblicher- weise mit der Warnung: «Das könnte schwierig werden.» Meistens bedeutet das «nein», selten wird klar, wer das entscheidet.

Uns treibt vor allem eine Frage um: Wieviel von dem, was Mr. Ho uns sehen lässt, ist echt? Eines Tages führt er uns in Pjöngjang zu einem frisch verheirateten Paar aus der Arbeiterklasse. Es empfängt uns in einem neuen Apartment mit drei Schlafzimmern und einem Fernseher mit 42-Zoll-Flachbildschirm. Die Wohnung gehört zu den Vorzeigehochhäusern in der Nähe des Taedong-Flusses, die für die Elite der seit langer Zeit herrschenden Partei der Arbeit Koreas erbaut wurden. Doch Mr. Ho möchte uns beweisen, dass sie für alle da sind. Das Paar habe die exklusive Wohnung bekommen, sagt man uns, weil die Frau, Mun Kang- sun, für ihre vorbildliche Produktivität in einer Textilfabrik als Heldin der Republik ausgezeichnet worden ist.

Mun, eine zurückhaltende Frau Anfang 30, die aber viel älter aussieht, sitzt still neben ihrem Mann, als er das Wort ergreift: «Alle Menschen meines Landes sind wie eine große Familie, und die Führer sind unsere Eltern», sagt Kim Kyok, der als Techniker in derselben Fabrik arbeitet. Seine Wohnung zeige, wie sehr sich das Regime um sein Volk kümmere. Er zieht nervös an seinen Fingern, während drei Männer aufmerksam seinen Worten lauschen: zwei Aufpasser und ein großer, mürrischer Typ; niemand hält es für nötig, ihn uns vorzustellen. In diesem Land, in dem ein Treffen mit Ausländern ohne offizielle Genehmigung illegal ist, lastet auf dem Paar offensichtlich immenser Druck.

Wie immer gibt es Fragen, die ich nicht stellen kann. Lebt das Ehepaar wirklich in der Wohnung? Falls ja: Müssen sie jederzeit bereit sein, sie Ausländern vorzuführen – als lebenden Beweis für die Versprechen von Kim Jong-un, den von Armut und Hunger geplagten Menschen Wohlstand zu bringen? Gehören alle ihre Nachbarn zur Parteielite?

Wenn David und ich aus Nordkorea berichten, stellen sich uns mehr Fragen, als wir Antworten finden. Dennoch bekommen wir seltene Einblicke in die isolierte Welt, die die Familie Kim geschaffen hat. Dabei haben wir gelernt, dass wir unterwegs oft Erhellenderes zu sehen bekommen als an unserem eigentlichen Ziel.

Einmal ist unser Fahrer versehentlich von einer glatt asphaltierten Straße in Pjöngjang auf einen schmalen, staubigen und mit Schlaglöchern übersäten Weg abgebogen, der von unbeleuchteten Gebäuden gesäumt war. Ein anderes Mal fiel unser Blick abends auf ein heruntergekommenes Hochhaus, in dem nackte Glühbirnen die Räume in ein schwaches gelbes Licht tauchten. Wir haben uns aus dem relativen Wohlstand Pjöngjangs hinaus in Städte ohne moderne Hochhäuser gewagt, in denen die Regale in den Geschäften halb leer waren.

Doch um Nordkoreaner zu finden, die frei über die Wirklichkeit unter totalitärer Herrschaft sprechen können, muss man das Land verlassen und nach Südkorea, Großbritannien oder China reisen. «Im Rückblick frage ich mich, warum wir so ein tristes Leben führen mussten», sagt ein ehemaliger nordkoreanischer Bergarbeiter, der 2006 nach Seoul flüchtete, weil sein Vater als regimekritisch galt.

Der Bergmann ist einer von etwa 25000 Nordkoreanern, die seit dem Koreakrieg in den Süden geflohen sind. Sie wollten nicht nur politischer Unterdrückung, sondern auch bitterer Armut entkommen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass jedes dritte nordkoreanische Kind chronisch unterernährt ist. Aber seit Kim Jong-un Ende 2011 die Kontrollen entlang der 1416 Kilometer langen Grenze verschärfen ließ, ist die Zahl der Flüchtlinge dramatisch gesunken.

Beharrlich bemüht sich die nordkoreanische Staatsführung, ein Bild von einem Alltag im Land zu vermitteln, in dem sich fröhliche, wohlgenährte Kinder in den Schulen tummeln, die Geschäfte voller Waren sind und die Loyalität zur Familie Kim keine Grenzen kennt. Die meisten der 24 Millionen Einwohner haben gelernt, in stereotypen Phrasen mit Reportern zu sprechen und ihre Führer stets zu lobpreisen.

«Dank der heißen Liebe des „Respektierten Generals“ Kim Jong-un können selbst Menschen vom Land wie wir hierherkommen und uns am Minigolf erfreuen», sagt Kim Jong-hui, eine 51 Jahre alte Hausfrau aus dem fernen Nordosten des Landes, der wir eines Tages in Pjöngjang auf der ersten Minigolf-Anlage des Landes begegnen. Sie ist überwältigt von solcher Großzügigkeit und sagt: «Ich habe mich entschlossen, meine Pflicht zu erfüllen und beim Aufbau eines wohlhabenden und mächtigen Staates mitzuhelfen.» Kein Wunder, dass die Nordkoreaner oft wie stalinistische Roboter erscheinen.

Manchmal stößt man erst durch Zufall auf ein Thema, das die Menschen dazu bringt, etwas offener zu sein. Wie „Vom Winde verweht“. Das Land schwelgt in dem vor 77 Jahren erschienenen Roman und erkennt sich in der Saga vom Bürgerkrieg und der willensstarken, bildschönen Frau wieder, die gelobt, nie mehr Hunger zu leiden. Mehr als eine Million Nordkoreaner haben Schätzungen zufolge im Koreakrieg ihr Leben verloren, Hunderttausende fielen der Hungersnot in den neunziger Jahren zum Opfer. Die Regierung ließ „Vom Winde verweht“ aus nie ganz klar gewordenen Gründen Mitte der neunziger Jahre übersetzen, als Nordkorea gezwungen war, ohne sowjetische Hilfe zu überleben.

In einem Land, das wenig Auswahl an nicht regimekonformer Unterhaltung bietet, zog der Roman die Hauptstadt in seinen Bann. Heute gibt es kaum einen Erwachsenen in Pjöngjang, der ihn nicht gelesen hätte. Ein Führer im Großen Studienhaus des Volkes sieht das Buch als Beweis, dass Frauen in den Vereinigten Staaten schlecht behandelt werden. Ein Bürokrat in Kaesong verklärt den Roman zum marxistischen Sittengemälde. Eine Frau mit Eheproblemen sagt mir, dass Scarlett O’Haras kühle Sturköpfigkeit ihr Stärke vermittelt habe. Das Buch ist Unterhaltung und Trost und Inspiration. Ein Fenster, durch das man nach Amerika schaut.

Manchmal verbirgt sich die Wahrheit mitten in den potemkinschen Kulissen.

Manchmal verbirgt sich die Wahrheit über den nordkoreanischen Alltag mitten in den potemkinschen Kulissen selbst. Zum ersten Mal sah ich es an einem Sonntagabend in Pjöngjang. In einer erkennbar gestellten Darbietung tanzten 500 Paare im Schatten dreier sich in den Himmel streckender Steinfäuste. Die Männer trugen kurzärmlige Hemden und Krawatten, die Frauen glänzende Polyestergewänder. Sie wirbelten geübt im Kreis, aber kaum jemand lächelte. Die meisten hatten den leeren Gesichtsausdruck, den man von Massenkundgebungen kennt. Offizielle liefen herum und blafften jeden an, der nicht im Rhythmus blieb. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand mit diesen steifen Tänzen das Leben feiern könnte.

Ein paar Nächte später öffnete ich um zwei Uhr morgens das Fenster meines Hotelzimmers. Die Straßen waren verlassen – keine Bewacher, keine Soldaten. In der Ferne spielte Musik. Ich beugte mich hinaus und konnte ein paar Häuserblocks entfernt Lichter erkennen. Durchs Fernglas sah ich Dutzende Leute, die in einem Hof zusammengekommen waren. Flaschen machten die Runde, Zigaretten glimmten, Menschen tanzten. Es war derselbe Tanz, den ich schon einmal gesehen hatte – nur bewegten sich diese Nachtschwärmer mit einem Schwung, der ahnen ließ, wieviel Spaß sie dabei hatten.

Feierten sie einen Geburtstag? Eine Beförderung? Eine Hochzeit? Ich werde es nie erfahren. Aber es zeigte mir, dass sich die Menschen in Nordkorea ganz anders verhalten, wenn sie nicht wissen, dass ein Journalist sie beobachtet.

«Wir sind ganz normal», versicherte mir kurze Zeit später ein ehemaliger nordkoreanischer Schwarzmarkthändler, der inzwischen in Seoul lebt. «Bitte vergesst das nicht! Menschen leben, Menschen konkurrieren um Jobs, Menschen streiten sich. Das, was einfach das Leben ausmacht, gibt es hier genauso wie in Südkorea oder in den Vereinigten Staaten.»

Oder überall sonst.

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(NG, Heft 10 / 2013, Seite(n) 134 bis 153)