11 Fragen zur Zwillingsforschung

Über Zwillinge hat wohl jeder schon Aussagen gehört, bei denen man sich unsicher ist, ob sie wirklich zutreffen. Wir haben einige der häufigsten Fragen gesammelt und sie dem Zwillingsforscher Andreas Busjahn in Berlin vorgelegt.

Herr Busjahn, stimmt es eigentlich, dass ...

... eineiige Zwillinge identische Fingerabdrücke haben?

Das stimmt nicht. Je früher sich ein befruchtetes Ei in zwei Embryonen spaltet, umso unterschiedlicher entwickeln sich die Fingerabdrücke. Bei einer späten Trennung können sie sich zwar sehr ähneln, Computer finden die Unterschiede aber heraus. Ein krimineller Zwilling sollte es also vermeiden, Fingerabdrücke zu hinterlassen, in der Hoffnung, Bruder oder Schwester mit der Tat belasten zu können. Nicht zu unterscheiden ist dagegen der genetische Fingerabdruck, etwa aus einer Blut- oder Speichelprobe. Deshalb versagt bei eineiigen Zwillingen auch ein Vaterschaftstest, wenn die Mutter Zweifel über den Erzeuger ihres Kindes haben sollte.

... Zwillingsgeburten mit dem Alter der Mutter zunehmen?

Das stimmt für mehreiige Zwillinge. Am häufigsten kommen sie bei Frauen zwischen 35 und 37 Jahren vor. Eine mögliche biologische Begründung ist, dass mit dem Alter der Mutter das Risiko einer Fehlgeburt oder einer Missbildung steigt und dass die Natur durch ein zweites befruchtetes Ei die Chance erhöht, doch noch ein gesundes Kind zur Welt zu bringen.

... in Asien seltener Zwillinge zur Welt kommen?

Das stimmt. Ein Vergleich der Geburten mehreiiger Zwillinge hat ergeben, dass sie am häufigsten in Afrika vorkommen, weniger häufig in Europa und am seltensten in Asien sind.

... Zwillingsgeburten oft eine Generation überspringen?

Es stimmt, dass es bei mehreiigen Zwillingen familiäre Häufungen gibt. Die Anlage zu einem doppelten Eisprung zeigt sich aber nur bei den Töchtern. Das könnte der Grund für den Mythos vom Generationensprung sein: Die Söhne einer Mutter mit der Anlage zu Zwillingsgeburten haben nicht öfter Zwillinge als andere Männer, die Töchter dieser Söhne aber bekommen tatsächlich oft wieder Zwillinge.

... eineiige Zwillinge in der Embryonalentwicklung eher beide überleben als mehreiige?

Das stimmt, weil eineiige Zwillinge dieselben Gene haben. Bei mehreiigen Zwillingen kann es in der Gebärmutter eher zu Konkurrenz um Platz und Nährstoffe kommen, wenn einer der beiden dominanter oder gesünder ist.

... ein Klon von mir im Prinzip wie ein eineiiger Zwilling ist?

Das stimmt so nicht. Wenn ein erwachsener Mensch einen Klon von sich machen ließe, wäre der ihm weniger ähnlich als ein eineiiger Zwilling. Das Erbgut ist zwar gleich, aber ein Mensch sammelt im Laufe seines Lebens Mutationen an. Außerdem würde der Klon in einer anderen Mutter heranwachsen, was in der Embryonalentwicklung zu großen Unterschieden führen kann. Epigenetische Einflüsse dagegen (Rauchen, Stress, Ernährung), die die Funktion des Erbguts im Laufe des Alterns verändern, würde man an seinen Klon aber nicht weitergeben.

... nach dem Tod eines Zwillings auch der andere bald stirbt?

Das kann vorkommen, wenn die Todesursache genetisch bedingt ist (Freude an Risikosportarten, Anlage zu Bluthochdruck). Das er­ klärt auch, warum sogar manche eineiige Zwillinge, die sich gar nicht kennen, beinahe zeitgleich sterben. Man kennt das Phänomen aber auch bei mehreiigen Zwillingen, die extrem symbiotisch leben. Dann kann sich der Tod des einen wie der Verlust eines langjährigen geliebten Ehepartners auswirken.

... Zwillinge länger leben als der Durchschnitt ihres Jahrgangs?

Das stimmt nicht generell, wohl aber für männliche eineiige Zwillinge. Sie leben im Durchschnitt länger als andere Männer. Das ist ein sozialer Effekt: Frauen profitieren davon nicht, weil sie in der Regel ein größeres Netz an Freunden und Bekannten haben, das sie nach dem Tod eines Partners auffängt. Die meisten Männer haben das nicht – außer Zwillinge. Sie haben einen „lebensverlängernden“ Partner.

... Zwillinge unter sich eine Art eigene Sprache entwickeln?

Das kann vorkommen, ist aber meines Wissens nicht häufiger als bei anderen Geschwistern, die sich damit von ihren Eltern oder anderen Kindern abgrenzen wollen.

... es zwischen Zwillingen ein geistiges Band gibt, dass einer immer spürt, wenn dem anderen etwas widerfährt?

Das ist nicht nachweisbar. Ich erkläre das gern mit dem Warteschlangeneffekt an der Kaufhauskasse. Die vielen Einkäufe, bei denen man mit seinem Wagen problemlos weiterrückt, fallen einem nämlich meistens nicht auf. Nur wenn es in der eigenen Schlange mal stockt, denkt man automatisch: «Immer bei mir.» So ähnlich ist es mit der geistigen Verbindung: Man denkt viel öfter an einen Partner, als man bewusst wahr­nimmt. Nur die seltenen Fälle eines zeitgleichen Ereignisses werden als Besonderheit abgespeichert, zum Beispiel wenn der eine anruft und der andere sagt: «Komisch, gerade habe ich an dich gedacht ...»

... das wirklich die einzige Erklärung ist?

Nun, es gibt tatsächlich eine Spekulation, die sich aus der modernen Quantenphysik ableitet. Dort kennt man das Phänomen der verschränkten Teilchen: Wenn man ein Elementarteilchen spaltet und von einem der beiden Teilchen die Eigenschaften ändert, nimmt auch das andere Teilchen die veränderten Eigenschaften an, selbst wenn es ganz woanders ist und kein messbarer Kontakt dazwischen besteht. Jetzt kann man darüber nachdenken, ob in dieser Weise eineiige Zwillinge nicht doch „auf einer Wellen­ länge liegen“. In einem ähnlichen quantenphysikalischen Feld sozusagen.


(NG, Heft 03 / 2012, Seite(n) 90 bis 91)

Sie haben den gleichen Blick. Die gleiche Haarfarbe. Aber einer mag still, der andere aufgeschlossen sein. Warum unterscheiden sich auch eineiige Zwillinge? Die Antwort liefert Erkenntnisse über uns alle. mehr...

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