Alkohol - Der Stoff unserer Träume

Autor: Andrew Curry  —  Bilder: Brian Finke
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Alkoholische Getränke galten lange nur als Nebenprodukt der Zivilisation, nicht als ein zentraler Bestandteil. Doch einige Wissenschaftler stellen diese These mittlerweile infrage. Sie haben gezeigt, dass Alkohol eine der weltweit meistproduzierten und meistgenossenen Substanzen der Geschichte ist – und sogar der Vorgeschichte, denn die Menschen tranken schon Alkohol, als sie die Schrift noch lange nicht erfunden hatten.

Erst vor Kurzem haben chemische Analysen gezeigt, dass die Chinesen bereits vor 9000 Jahren aus Reis, Honig und Früchten eine Art Wein herstellten. Im Kaukasus und im Zāgros-Gebirge im Iran gehörten Weintrauben zu den ersten Früchten, die domestiziert wurden. Bereits vor 7400 Jahren stellte man dort Wein her.

Unsere Liebesbeziehung zum Alkohol datiert zurück in eine Zeit, in der es weder Ackerbau noch Brauereien noch Flaschen gab. Ja, vielleicht ist unsere Neigung zum Trinken sogar ein fest veranlagtes Evolutionsmerkmal, das uns von den meisten Lebewesen unterscheidet. Der quasi magische Stoff, der in allen alkoholischen Getränken enthalten ist, wird von Hefen erzeugt: einzelligen Pilzen, die Zucker aufnehmen und Kohlendioxid sowie Ethanol ausscheiden, den einzig trinkbaren Alkohol. Es handelt sich um eine Form der Gärung. Die meisten modernen Hersteller von Bier, Wein oder Sake verwenden gezüchtete Varianten der Hefe-Gattung Saccharomyces (Zuckerhefen). Die gebräuchlichste ist Saccharomyces cerevisiae (Backhefe), deren Name sich von dem lateinischen Wort für „Bier“, cerevisia, ableitet. Doch Hefen sind vielfältig und kommen überall vor, und sie vergären reifes wildes Obst vermutlich schon seit 120 Millionen Jahren – damals tauchten die ersten Früchte auf der Erde auf.

Aus heutiger Sicht verfügt Ethanol über eine sehr reizvolle Eigenschaft: Es trägt dazu bei, dass Serotonin, Dopamin und Endorphine im Gehirn ausgeschüttet werden, Chemikalien, die bewirken, dass wir uns glücklich und weniger angespannt fühlen. Für unsere fruchtfressenden Vorfahren hatte das Ethanol in faulendem Obst noch drei weitere positive Eigenschaften. Erstens sondert es einen starken, unverwechselbaren Geruch ab, durch den die Früchte leicht ausfindig zu machen sind. Zweitens ist es leichter verdaulich, wodurch es den Primaten möglich war, mehr Kalorien aufzunehmen. Drittens tötet das antiseptische Ethanol krank machende Mikroben ab. „Als unsere Vorfahren begannen, gegorene Früchte vom Waldboden zu essen, änderte das vieles“, sagt Nathaniel Dominy, Bio-Anthropologe am Dartmouth College in New Hampshire. „Wir sind von vornherein anfällig für Alkohol.“

Von der Steinzeit an haben die bewusstseinsverändernden Eigenschaften von Alkohol unsere Kreativität beflügelt und die Entwicklung von Sprache, Kunst und Religion gefördert, sagt der Biomolekular-Archäologe Patrick McGovern von der University of Pennsylvania. Wenn man die großen Wandlungen in der Geschichte der Menschheit, von der Entstehung des Ackerbaus bis zur Entstehung der Schrift, genauer betrachte, stoße man immer auf mögliche Verbindungen zum Alkohol. „Es gibt überall auf der Welt Belege dafür, dass alkoholische Getränke für die menschliche Kultur eine wichtige Rolle spielen“, sagt McGovern. Trinken sei ein so integraler Bestandteil des Menschseins, dass unsere Spezies, wie er nur halb im Scherz hinzufügt, eigentlich Homo imbibens heißen sollte – der Trinkende.

Die ganze Titelgeschichte lesen Sie in der Februar-Ausgabe von NATIONAL GEOGRAPHIC.


(NG, Heft 2 / 2017, Seite(n) 34 bis 55)
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