Anthropozän - Das Zeitalter des Menschen

Autor: Elizabeth Kolbert  —  Bilder: Jens Neumann/Edgar Rodtmann
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Auch mit der Einführung der Landwirtschaft hat der Mensch die Welt verändert. Etwa 38 Prozent des nicht von Eis bedeckten Bodens dienen heute dem Anbau von Nutzpflanzen. Das hat Folgen auf die Umwelt, wird aber langfristig ebenfalls nur schwache Spuren hinterlassen.

Künftige Geologen werden das Ausmaß der industriellen Landwirtschaft wahrscheinlich am deutlichsten erkennen können, wenn sie die Ablagerungen von Blütenstaub analysieren. Wo über Jahrzehntausende eine Vielfalt von Pollen herrschte, treten plötzlich monochrome Schichten von Mais-, Weizen- und Sojapollen auf. Auch die weltweite Abholzung der Wälder könnte sich in den Sedimenten ablesen lassen. Zum einen, weil auf baumlosen Flächen die Erosion stark zunimmt und der Regen viel mehr Boden in die Flüsse schwemmt, der sich schließlich in den Mündungsbereichen in dicken Schichten ablagert. Deutlicher aber wird wohl das zweite Zeichen der Entwaldung sichtbar sein: Die Abholzung raubt zahllosen Tier- und Pflanzenarten den Lebensraum. Biologen rechnen vor, dass heute in vergleichbaren Zeitabschnitten hundert- bis tausendmal so viele Arten aussterben wie im größten Teil der vergangenen 500 Millionen Jahre. In späteren Ablagerungen aus unserer Zeit wird man dann plötzlich keine fossilen Überreste dieser Arten mehr finden.

Andere dagegen könnten in Regionen auftauchen, wo es sie nie zuvor gegeben hat. Da der Mensch seit wenigen Jahrzehnten so viel Öl und Kohle verheizt, um sich mit Energie zu versorgen, steigt der Anteil des atmosphärischen Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) auf Werte, wie es sie in Millionen Jahren nicht gegeben hat. Das treibt die Durchschnittstemperaturen auf immer neue Rekordwerte, und einige Pflanzen- und Tierarten verschieben ihren Lebensraum schon jetzt in Richtung der Pole.

Lange nachdem unsere Städte, Fabriken und Autos zu Staub zerfallen sind, werden die Folgen der verstärkten Freisetzung von CO2 an anderer Stelle sichtbar bleiben. Denn ein Teil des Kohlendioxids wird von den Weltmeeren aufgenommen und in Kohlensäure umgewandelt. Irgendwann ist das Wasser dann so sauer, dass die Kalkschalen von Schnecken und Muscheln sich auflösen und die Korallen keine Riffe mehr bilden können. Geologen, die in einigen hunderttausend Jahren auf die Gesteinsablagerungen unserer Zeit schauen, werden fehlende Kalkschichten registrieren, die sogenannte Riff-Lücke. Jedes der letzten fünf großen Artensterben ist durch so eine Riff-Lücke markiert. Das bislang jüngste Massensterben ereignete sich vor 65 Millionen Jahren. Es wurde vermutlich durch den Einschlag eines Meteoriten verursacht und hatte das Ende der Dinosaurier zur Folge. Manche Experten sagen, dass das, was heute mit den Ozeanen geschieht, unsere Umwelt ebenso abrupt und tiefgreifend verändern könnte wie jener katastrophale Meteoriteneinschlag.

Doch wenn wir tatsächlich in eine neue Epoche eingetreten sind, wann hat sie begonnen? Seit wann ist der Einfluss des Menschen so groß, dass das Anthropozän seinen Namen verdient?
William Ruddiman, ein Paläoklimatologe an der Universität von Virginia, lässt diese Epoche schon mit der Einführung des Ackerbaus vor etwa 8000 Jahren beginnen. Seiner Ansicht nach sind die Menschen seit jener Zeit die beherrschende – und verändernde – Kraft auf diesem Planeten. Würde man ihm folgen, könnte man beinahe die gesamte Epoche des Holozän, das vor 11500 Jahren begann, in Anthropozän umbenennen. Für Paul Crutzen fängt es dagegen erst mit dem späten 18. Jahrhundert an, mit der Industrialisierung. Andere Wissenschaftler legen den Beginn der neuen Epoche in die Mitte des 20. Jahrhunderts, als Bevölkerungszahl und Konsum rasch anstiegen.

Zalasiewicz leitet zurzeit eine Arbeitsgruppe der Internationalen Stratigraphischen Kommission (ICS), deren Aufgabe es ist, offiziell zu bestimmen, ob das Anthropozän es verdient, in die Lehrbücher aufgenommen zu werden. Dieser Prozess wird wohl Jahre dauern. Und bis dahin könnte die Entscheidung womöglich leichter fallen. Einige seiner Kollegen sagen nämlich, das Anthropozän habe noch gar nicht begonnen. Nicht, weil der Mensch den Planeten erst wenig verändert hat, sondern weil sich der Einfluss erst in den kommenden Jahrzehnten messbar niederschlagen werde.

Jenem Mann aber, der die Debatte ins Rollen gebracht hat, geht es eigentlich überhaupt nicht um wissenschaftliche Definitionen. Paul Crutzens Ziel ist es vielmehr, uns alle auf die Folgen unseres Tuns aufmerksam zu machen – um vielleicht das Schlimmste noch zu verhüten. «Ich hoffe», sagt er, «dass der Begriff „Anthropozän“ als Warnung verstanden wird.»

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie auf unserer Übersichtsseite zu "7 Milliarden" .

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(NG, Heft 03 / 2011, Seite(n) 64)

Im Jahr 2011 werden auf der Erde sieben Milliarden Menschen leben – und es werden immer mehr. Ihr Streben nach einem besseren Leben wird die Energie- und Rohstoffvorräte unseres Planeten aufs Äußerste beanspruchen. Wie wird die Welt dann aussehen? In einer großen Serie suchen wir Antworten auf die drängendsten Fragen. mehr...

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