Antikenhandel: "Es geht um Milliarden!"

Autor: Siebo Heinken  —  Bilder: Benno Kraehahn
Müller-Karpe_Main

Bild oben: Michael Müller-Karpe neben Repliken parthischer Statuen im Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz. Die Originale wurden im Museum von Mossul (Irak) womöglich vom „Islamischen Staat“ zerstört.

Deutschland ist eine Drehscheibe des illegalen Antikenhandels, sagt der Kriminalarchäologe Michael Müller-Karpe.

Herr Müller-Karpe, Sie sind ein scharfer Kritiker des Antikenhandels. Aber werden dadurch nicht auch wertvolle Kunstschätze aus chaotischen Regionen in Sicherheit gebracht?
Das Problem sind die Raubgrabungen. Denn die Plünderer vernichten die Informationen, die im Fundkontext enthalten sind. Stellen Sie sich vor, Sie entnehmen einzelne Buchstaben aus einem Aufsatz. Ohne den Kontext verliert das „A“ oder das „B“ den Informationsgehalt. Und wenn viele Buchstaben fehlen, ist schließlich der ganze Text nicht mehr lesbar.

Was hat das für Folgen?
Wir verlieren das Wissen über Menschen, von denen wir durch die Zeit getrennt sind und auf deren Schultern wir stehen.

Was hat Sie dazu gebracht, sich mit Raubgrabungen und dem illegalen Antikenhandel zu beschäftigen?
Ich habe lange als Archäologe im Irak gearbeitet. Als 1990 die Truppen von Saddam Hussein in Kuwait einmarschierten und das Wirtschaftsembargo verhängt wurde, konnte man die Antikenwächter nicht länger bezahlen. Plünderer, oft arme Bauern, die ihre Familien satt bekommen mussten, haben viele archäologische Stätten innerhalb weniger Monate in Mondlandschaften verwandelt.

Was hat das in Ihnen ausgelöst?
Es war ein einschneidendes Erlebnis. Ich habe mich gefragt, welchen Beitrag ich leisten kann, um einen weiteren kulturellen Aderlass zu verhindern. Die Plünderer und Hehler betreiben ihr Geschäft nur, solange es Käufer gibt, die gar nicht so genau wissen wollen, wo die Artefakte herkommen. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass der Handel mit Antiken zweifelhafter Herkunft unterbunden wird.

Sie kooperieren dabei mit der Polizei ...
... und dem Zoll und der Staatsanwaltschaft. Die Behörden sind auf den Sachverstand von Spezialisten angewiesen. Strafverfolgungsbehörden und Archäologen können sich gegenseitig ergänzen. Das ist die Idee der Kriminalarchäologie, für die wir uns am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz engagieren.

Was genau sind Ihre Aufgaben?
Ich erstelle zum Beispiel Gutachten und bin Sachverständiger bei Prozessen.

Prüfen Sie auch Auktionskataloge?
Nicht mehr systematisch. Da ärgere ich mich nur. Denn die Antiken, die von Auktionshäusern gehandelt werden, stammen ja nicht vom Dachboden und auch nicht aus Familienbesitz, sondern in aller Regel aus Raubgrabungen. Im Irak, in Syrien und der Türkei gibt es seit 1869 ein Grabungs- und Exportverbot für Antiken. Ohne amtliches Dokument hat seither kein einziges archäologisches Objekt diese Länder mehr legal verlassen. Wenn also im Auktionskatalog nur „bayerische Privatsammlung“ als Herkunft angegeben ist, heißt das nichts anderes, als dass es dieses Dokument nicht gibt.

Die Antiken sind also illegal?
Im Grunde können sie nur aus illegaler Quelle stammen.

Ist der illegale Antikenhandel in den vergangenen Jahren gewachsen?
Ja. Früher haben Kuriositätenkabinette, später dann Museen und private Sammler solche Artefakte gekauft. Dann sind sie auch zu Spekulationsobjekten geworden. Nach dem Platzen der Immobilienblase haben sich viele Investoren auf diesen Markt gestürzt, denn er gilt als sicher und bietet Gewinnspannen, die anderswo undenkbar sind. Bereits in den 1990er-Jahren wurden archäologische Objekte für das Zwanzigfache ihres Schätzpreises versteigert. Man konnte sein Kapital innerhalb weniger Stunden vervielfachen!

Wie viel Geld wird genau umgesetzt?
Laut einem 2013 veröffentlichten Bericht der Bundesregierung rangiert der Markt für geplündertes Kulturgut weltweit an dritter Stelle der illegalen Erwerbsquellen. Anderen Schätzungen zufolge hat er den Waffenhandel überholt und wird nur vom Drogenschmuggel übertroffen. Da geht es um Milliarden.

Welche Rolle spielt Deutschland?
Die Bundesrepublik gilt als eine Drehscheibe des illegalen Antikenhandels. Wir haben es hier mit mafiösen Strukturen und einem globalen, kriminellen Netzwerk zu tun. Weil die Strafverfolgungsbehörden hierzulande allzu oft wegschauen, und weil wir Gesetze haben, die das Gegenteil dessen bewirken, was sie eigentlich erreichen sollten, machen wir es den Kriminellen leider sehr leicht.

Was meinen Sie damit?
Die Unesco hat schon 1970 eine Konvention zum Kulturgüterschutz verabschiedet. Deutschland hat sie erst 2007 in nationales Recht umgesetzt. Mit dem sogenannten Kulturgüterrückgabegesetz hat man aber die Ziele der Konvention ins Gegenteil verkehrt. Der Schutz wurde auf einzelne Objekte beschränkt, die von den Herkunftsstaaten gemeldet und dann im Bundesanzeiger veröffentlicht werden sollten. Händleranwälte argumentieren seither, dass alle Objekte, die nicht in dem Amtsblatt gelistet sind, legal handelbar seien. Es liegt aber im Wesen von Raubgrabungsfunden, dass sie in keiner Liste auftauchen.

Gerade wurde ein neues Gesetz beschlossen, das die Kulturgüter besser schützen soll. Wird es die Lage verbessern?
Nein. Kulturgüter, die vor dem 26. April 2007 eingeführt wurden – also dem Tag, an dem Deutschland endlich der Unesco-Konvention beitrat –, sollen künftig für eine Rückgabe nicht mehr in Betracht kommen. Funde aus Raubgrabungen, die vor diesem Stichtag eingeführt wurden, werden damit zur regulären Handelsware. Davon sind auch „Blutantiken“ betroffen, die der Finanzierung von Terroristen und Warlords dienen. Mohammed Atta, einer der Selbstmordpiloten des 11. September, hat während seines Studiums in Hamburg mit antikem Raubgut aus Afghanistan gehandelt. Gleichzeitig werden die rechtmäßigen Eigentümer der Antiken, in der Regel das Herkunftsland, de facto enteignet.

Wer steckt dahinter?
Der Antikenhandel hat eine mächtige, finanzkräftige Lobby und ein Interesse daran, dass in Deutschland weiterhin mit geplündertem Kulturgut gehandelt werden kann.

Weshalb ist diese Lobby so einflussreich?
Wer viel Geld hat, kann sich gute Anwälte leisten. Und vielleicht sammelt mancher Abgeordnete oder Richter auch selbst oder hat Beziehungen zu Sammlern oder Händlern.

Auf welchem Weg kommt das Raubgut aus Syrien oder dem Irak nach Deutschland?
Zunächst geht es in die Nachbarländer wie die Türkei, den Iran oder Libanon. Von dort werden die Objekte in ein Zollfreilager in Dubai oder Genf geliefert. Dann geht es weiter nach München – ein Hotspot –, nach Köln, Berlin, Frankfurt.

Wer sind die Hehler?
Ein Hehler ist nicht nur jemand, der gestohlene Dinge erwirbt oder vertreibt, sondern jeder, der in diesen Prozess involviert ist. Das ist ein delikater Punkt. Am Handel mit Funden aus Raubgrabungen sind auch Archäologen beteiligt, die ihre Expertise zur Verfügung stellen. Denn ein Käufer interessiert sich nur für teure Artefakte, wenn er darauf vertrauen kann, dass es sich wirklich um ein antikes Original handelt. Diese Sicherheit kann nur ein Archäologe bieten.

Wer sind die Händler?
Das sind Unternehmen, die Antiken ungeklärter Herkunft anbieten, auch in Auktionen. In jüngster Zeit läuft das Geschäft zunehmend über das Internet ab.

Warum werden diese Objekte nicht einfach beschlagnahmt?
Antikenhehlerei gilt vielfach noch als Kavaliersdelikt. Da gibt es Argumente wie: „Wer wird denn schon geschädigt, die ursprünglichen Besitzer sind doch seit Jahrtausende tot.“ Archäologische Objekte haben aber immer einen Eigentümer, meist das Land, in dem sie gefunden wurden. Die Verletzung von Eigentumsrechten ist im Grunde aber nur eine Art Kollateralschaden. Das eigentlich Verwerfliche ist die unwiederbringliche Zerstörung des Fundkontextes mit den darin erhaltenen Informationen über die Wurzeln unserer Zivilisation.

Wie gehen Hehler und Händler genau vor?
Sie tun alles, um die wahre Herkunft zu verschleiern. Der tatsächliche Eigentümer kann dann seinen Anspruch nur schwer oder gar nicht nachweisen. Denken Sie an römische Artefakte. Das Imperium Romanum hat mehr als 30 Nachfolgestaaten. Wenn in einem Auktionshaus eine römische Statuette aus „bayerischem Privatbesitz“ angeboten wird, kann keiner dieser Staaten Eigentumsansprüche stellen, weil man dem Objekt nicht ansieht, ob es in Griechenland, Spanien oder Deutschland aus der Erde geholt wurde. Man kann aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass es aus illegalen Quellen stammt – denn Gesetze zum Schutz des archäologischen Erbes gibt es überall.

Wie werden falsche Herkunftsnachweise für Antiken produziert?
Ganz einfach: Man denkt sich eine Geschichte aus und verfasst in krakeliger Handschrift ein Schriftstück, in dem steht, dass das Objekt bereits in den 1960er-Jahren Teil einer bestimmten Sammlung gewesen sei. Das Ganze ist unterzeichnet von einer Person, die natürlich längst verstorben ist.

Damit kommt man durch?
Die Zollbehörden sind überlastet und die Staatsanwaltschaften allemal. Sie sind oft dankbar, wenn ihnen Textbausteine zugeliefert werden, mit denen sie eine Einstellung des Strafverfahrens begründen können. Es fehlt das Bewusstsein dafür, dass dieses Geschäft dem Gemeinwohl schadet.

Anders als bei Waffen und Drogen?
Genau. Niemand kann sich damit brüsten, vom Schmuggel von Drogen, Waffen oder Menschen zu profitieren. Aber Sie können immer noch bei einer Party mit Ihrem exquisiten Geschmack angeben, wenn Sie archäologische Stücke aus Raubgrabungen auf dem Sideboard stehen haben.

Wer sind die Käufer?
Oft sind das Menschen, die sich im Prinzip für Archäologie interessieren, aber ausblenden, dass sie Raubgrabungen sponsern. Manchen geht es um Geldanlage und Profit.

Obwohl viele Antiken aus Kriegsgebieten stammen?
Allerdings. Man muss sich klarmachen, dass man nicht nur Kulturzerstörung finanziert, sondern unter Umständen auch das Messer, mit dem die Gurgel einer Geisel durchgeschnitten wird. Das ist ein zusätzlicher Aspekt, der auch Menschen, die mit Kultur nichts am Hut haben, einleuchten sollte.

Ist das den Beteiligten egal?
Offenbar. Ich habe aber den Eindruck, dass es zunehmend Interessenten gibt, die Fragen stellen. Ein Antikenhändler hat mir per einstweiliger Verfügung – unter Androhung eines Ordnungsgeldes von 250.000 Euro – die Wiederholung der Aussage verbieten lassen, der Antikenhandel fördere mit Objekten, an denen Blut klebe, die Zerstörung archäologischer Stätten und finanziere damit den Terrorismus. Er hatte argumentiert, er werde dadurch in seinen Geschäften beeinträchtigt. Die Verfügung wurde inzwischen auf meine Beschwerde hin aufgehoben. Für mich ist das ein Indiz, dass die Händler in Panik sind.

Weshalb?
Hintergrund ist das Völkerstrafgesetzbuch, das seit 2002 in Kraft ist. Darin geht es um Kriegsverbrechen und deren Finanzierung. Laut Paragraf 9 zählt dazu auch das Plündern archäologischer Stätten und Sammlungen in Kriegsgebieten. Der zentrale Punkt in diesem Gesetz: Diese Taten verjähren nicht!

Welche Folgen könnte das haben?
Wenn sich bei den Strafverfolgungsbehörden herumspricht, dass die Verbrechen von Kriegsparteien, insbesondere Terrorgruppen wie dem „Islamischen Staat“ oder Al-Qaida, auch durch den Handel mit Artefakten finanziert werden, die aus Raubgrabungen stammen, dann ist die Branche natürlich akut gefährdet. Denn der Antikenhandel profitiert bislang von kurzen Verjährungsfristen. Hehlerei gilt in Deutschland zum Beispiel bereits nach fünf Jahren als verjährt. Bisher war kein Staatsanwalt bereit zu ermitteln, wenn damit zu rechnen war, dass man die Straftaten nicht mehr ahnden kann. Das könnte sich nun ändern.

Lesen Sie auch unsere Titelgeschichte zum Thema Grabplünderungen.


(NG, Heft 8 / 2016, Seite(n) 56 bis 59)

In Ägypten, Syrien und im Irak zerstören Grabräuber das Erbe der Menschheit. Eine Spurensuche in der Schattenwelt des globalen Antikenhandels. mehr...

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