Arved Fuchs: So weit die Pfoten tragen

Bilder: Brigitte Ellerbrock

Neidisch blicke ich auf die 21 halbwilden grönländischen Schlittenhunde. Es ist minus 30 Grad, und es weht ein leichter Nordwind. Mich friert. Den Hunden macht diese Kälte nichts aus. Satt und zufrieden blinzeln sie zu mir herüber. Feiner Flugschnee sammelt sich wie Puderzucker auf ihrem Fell.

Es ist Ostern. Seit einer Woche leben wir in Zelten auf dem Eis. Die Häuser von Qaanaaq, einem 650-Seelen-Ort im äußersten Nordwesten Grönlands, sind verlockend nah. Aber wir müssen unseren Organismus an die Kälte gewöhnen – und das geht nur, wenn man draußen lebt. Mit steifen Fingern zurre ich die Aluminiumkisten mit unserer Ausrüstung auf den Schlitten fest.

Ohne sie würden wir keinen Tag überleben. Gemeinsam gehen wir nochmals die Checklisten durch. Es ist alles da. Morgen brechen wir auf. Wir – das sind meine Frau Brigitte Ellerbrock, mein alter Freund Brent Brody, der deutsche Kameramann Martin Varga und ich. Mit zwei Hundeschlitten wollen wir eine Expedition in eine Weltgegend machen, die so abgelegen ist, dass selbst die Grönländer sie als Avanersuaq bezeichnen – als das Land im entlegensten Norden. Die Region zwischen der Siedlung Qaanaaq und dem Washington-Land im Norden ist eine Art Niemandsland. Wildnis, wie sie einsamer nicht sein könnte. Durch das Inlandeis und das offene Wasser ist sie von jeder Ortschaft abgeschnitten.

Der Klimawandel hat die Landschaft grundlegend verändert. So kann man etwa auf dem Meereis entlang der Küste nicht mehr sicher reisen. Es ist inzwischen zu brüchig. Selbst die berühmte Sirius-Patrouille, die im Auftrag der Regierung mit Hundeschlitten regelmäßig den Nationalpark Nordostgrönland abfährt, dreht vorher um. Dies hier ist der unbekannteste Teil Grönlands.

„Erster Leithund in unserem Gespann ist ‚Mamarut’, unser Dolmetscher zwischen Mensch und Tier. Er ist schlau und hält sich aus Beißereien heraus.“

Bis Ende Mai wollen wir mit traditionellen Hundegespannen bis zum Washington-Land und wieder zurück fahren – rund 800 Kilometer. Der Hundeschlitten ist seit Urzeiten das klassische Transportmittel der Grönländer. Er ist für mich auch die schönste Art zu reisen.

Erst vor wenigen Tagen haben wir die Hunde von ihren Besitzern übernommen. Die grönländischen Namen der Tiere konnten wir uns nicht merken. Deshalb haben wir ihnen neue gegeben.

Der schwarze Rüde heißt nun „Blacky“, ein gescheckter Hund „Sparky“. „Mamarut“ wurde nach seinem Besitzer getauft. Wir haben die Tiere in zwei Schlittengespanne aufgeteilt. Brent und Martin führen eines mit elf Hunden, das andere übernehmen Brigitte und ich. Wir haben nun zwei eigenständige Hundefamilien, mit denen wir für die nächsten zwei Monate auf Gedeih und Verderb verbunden sein werden.

Wir Menschen bilden dabei gewissermaßen den Familienvorstand, aber noch haben die Tiere uns nicht akzeptiert. Wir gehen deshalb von einem zum anderen, reden, streicheln. Sie müssen sich an unsere Stimmen gewöhnen, unsere Witterung aufnehmen, Vertrauen fassen – aber gleichzeitig auch Respekt entwickeln. Jeder füttert von jetzt an nur seine Hunde, die Tiere registrieren das sehr genau.

Für NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND haben Arved Fuchs und sein Team von ihrer Grönland-Expedition 2012 gebloggt. Alle Blogeinträge finden Sie hier!

Auch Real-TV war mit dabei und hat die Expedition in einer beeindruckenden Dokumentation festgehalten:


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(NG, Heft 04 / 2013, Seite(n) 96 bis 109)

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