Asien: Wo Sterben noch kein Abschied ist

Autor: Amanda Bennett  —  Bilder: Brian Lehmann
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Hinter einem goldenen Vorhang an der Tür liegt Petrus Sampe auf seinem Holzbett, reglos, eine rot gemusterte Decke bis unter das Kinn gezogen. Seine Ehefrau, Elisabeth Rante, schleicht in das Zimmer. „Papa ... Papa“, flüstert sie. „Wir haben Besuch von weither.“ Im Zimmer duftet es nach Sandelholz. Von einem Bild an der Wand schaut Jesus Christus mit einem Lamm herab. Petrus’ zweitältester Sohn Jamie tritt lautlos näher, er hält ein Tablett in der Hand. „Hier ist dein Reis, Papa“, sagt er. „Hier ist dein Fisch. Hier sind die Chillies.“

Es ist eine rührende Familienszene, wie sie sich überall auf der Welt abspielen könnte – und doch nicht. Petrus Sampe, ehemaliger Beamter der Stadt Rantepao auf der indonesischen Insel Sulawesi, ist schon fast zwei Wochen tot. Seither liegt die Leiche im Haus der Familie, und das wird noch ein paar Tage so weitergehen. Das ist üblich beim Volk der Toraja im Hochland von Sulawesi. Die Leichen werden mit einer Formaldehydlösung behandelt, damit sie nicht verwesen. Angehörige bringen den Toten dreimal am Tag Essen und den Nachmittagstee. Sie sprechen mit ihnen, berühren sie. „Wir tun das, weil wir sie lieben“, sagt Yokke, der älteste Sohn von Petrus Sampe.

Vier Tage später, nach diversen Huldigungen für den Toten, einem christlichen Gottesdienst und einem Essen mit Schweinefleisch, Gemüse und Reis für mehr als hundert Menschen, heben Angehörige Petrus aus dem Bett in einen Sarg. Jemand dreht ein Video, Kinder aus der Nachbarschaft versuchen, einen Blick auf den Leichnam zu erhaschen. Bis zur Beerdigung, vier weitere Monate, wird Petrus in dem Sarg im Haus seiner Familie bleiben, und sie werden ihn als to makula’ behandeln – als Kranken. „Die Seele unseres Vaters ist immer noch im Haus“, sagt Yokke.

Der Tod ist für die Toraja kein so abruptes, endgültiges Ereignis wie für uns im Westen; er ist nur ein Schritt in einem langen, allmählichen Prozess. Angehörige werden nach dem Tod noch Wochen, Monate oder sogar Jahre zu Hause versorgt. Oft wird die Bestattung so lange hinausgezögert, wie es dauert, die Mittel für das aufwendige Totenfest aufzutreiben.

NG-Video: Leben mit den Toten


Die prachtvollsten Begräbnisfeiern dauern mehrere Wochen. Zu diesen Zeremonien reisen Toraja von überall auf der Welt in ihre Heimat und reihen sich ein in Trauerzüge aus hundert oder mehr Motorrädern und Autos, die den Verkehr zum Erliegen bringen. Oft endet die tiefe Verbundenheit mit einem Angehörigen auch nicht mit der Bestattung. Manche Toraja holen ihre Verwandten regelmäßig aus den Gräbern und ziehen ihnen frische Kleidung an oder bedecken sie mit einem neuen Leichentuch. Der Tod ist hier viel stärker als bei uns Teil des Lebens.

Lesen Sie die ganze Reportage in der März-Ausgabe von NATIONAL GEOGRAPHIC.


(NG, Heft 3 / 2017, Seite(n) 124 bis 139)
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