Auf den Spuren von König Artus

Autor: Christian Schüle  —  Bilder: Gerd Ludwig
Auf den Spuren von König Artus

Waffen klirren, Pferde schnauben. Aus dem ganzen Land sind die Ritter gekommen, um sich zu messen, hier in Westminster. Einer von ihnen soll der neue König von Britannien werden. Unter den stärksten Männern ist auch Sir Kay. Als der Wettstreit vor den Toren der Stadt beginnt, bittet er seinen 15-jährigen Pflegebruder, ihm sein Schwert zu geben, doch der hat es nicht bei sich. Er eilt zurück in die Stadt – und sieht einen großen Stein, in dem ein prachtvolles Schwert steckt. Mühelos zieht er es heraus und bringt es Kay.

Woher hat der Junge die Waffe? Als die Ritter später zum Findling ziehen, lesen sie die Inschrift: „Wer dieses Schwert herauszieht, wird der rechtmäßige König Britanniens sein.“ Doch wie können sie dem Knaben glauben? Er soll seine Tat beweisen.

Der Junge steckt das Schwert zurück. Ein Ritter nach dem anderen tritt an und zieht. Reißt. Nimmt alle Kraft. Die Waffe scheint mit dem Stein verwachsen. Dann packt Kays Bruder den Griff – und zieht das Schwert ein zweites Mal heraus: wie aus Butter.

Magische Kräfte müssen im Spiel sein. Göttlicher Beistand. Die Vornehmsten knien nieder vor dem Wunderkind.

So oder ähnlich beginnt nach verschiedenen Überlieferungen ein bis heute lebendiger Mythos, eine der großen Legenden der Menschheitsgeschichte. Ein paar Jahre später wird der Junge zum stärksten aller Männer, ja, zum edelsten aller Könige. Sein Name: Artus.

Cornwall, Anfang des 5. Jahrhunderts. Das Römische Reich ist im Niedergang, und auch aus dem Südwesten Britanniens ziehen sich die Truppen zurück. Sie hinterlassen ein Vakuum. Unter den einheimischen Stämmen entwickeln sich Rivalitäten. Ihre Anführer sind untereinander verfeindet, es herrscht Krieg um Einfluss, Land, Macht. Und ein neuer Feind ist im Anmarsch: die Angeln und Sachsen aus dem heutigen Norddeutschland, Dänemark und den Niederlanden. Immer weiter dringen sie vor, plündern, töten. Wie sollen die einheimischen Stämme ihre gerade gewonnene Freiheit verteidigen? Vor allem: Wer hat in dieser dramatischen Lage die Kraft und Persönlichkeit, die Zerstrittenen gemeinsam in den Kampf gegen die Invasoren zu führen?

Da tritt einer der Stammesführer hervor und schart die Besten um sich. Großgewachsen sei er gewesen, so heißt es, charismatisch und unerschrocken. Dazu: edel und gerecht. Er schwört seine Landsleute auf den Widerstand ein. Von zwölf Schlachten gegen die Angelsachsen verliert er nicht eine. Sein Schwert „Excalibur“ macht ihn unverwundbar. Sein Name: Arthur. Wir kennen ihn als Artus.

Für Britannien sind dies historisch verbürgte Schicksalstage – ein Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit. Und genau in dieser Situation formt ein unerschrockener, nobler Anführer aus verfeindeten Stämmen eine Einheit. Seine Geschichte gleicht der des Jesus von Nazareth. Nie hat es in der abendländischen Kultur einen größeren irdischen Helden gegeben als ihn.

Wer war Artus? Was ist Mythos, was historisch belegt? Meine Reise auf den Spuren dieses bis heute wirkmächtigsten aller Könige führt nach England, in die Region Cornwall, nach Cadbury, Slaughterbridge und Glastonbury.

Zuerst aber nach Tintagel: ans Ende der Welt. Von der Landstraße biegt die Fore Street zur Küste ab. Unten tobt der Atlantik, Wellen rollen gegen den Fels, die Gischt spritzt. Hier, auf dieser Halbinsel, soll Artus als uneheliches Kind von Uther Pendragon und seiner heimlichen Geliebten Igerne, der Gemahlin des Herzogs Gorlois von Cornwall, gezeugt und geboren worden sein. Der Bastard wurde von dem in einer nahen Höhle lebenden Druiden, Propheten und Zauberer Merlin erzogen – von jenem Mastermind mit magischen und prophetischen Kräften also, der zu Ehren der Toten die Monolithen des Steinkreises nach Stonehenge brachte und Artus auch die Tugenden lehrte. Der Magier wurde später zur Hauptfigur von Theaterstücken und Romanen, die BBC benannte eine Fantasy­ Serie nach ihm.

Zu Artus’ Lebzeiten im 5. Jahrhundert war Tintagel ein hoch entwickelter Handelsort. Archäologen konnten nachweisen, dass auf einem Plateau oberhalb der Klippen die Hauptfestung der kornischen Könige lag. Die Forscher fanden Gräber und jüngst auch mediterrane Tongefäße, auf exakt jene Zeit datierbar. Damals landeten Schiffe von Spanien bis Kleinasien ihre Fracht aus Wein und Olivenöl hier an und tauschten sie gegen den wertvollen Rohstoff Zinn, der nahebei gewonnen wurde. Wer damals in Tintagel lebte, war wohlhabend und einflussreich.

Heute ist Tintagel ein trostloses Nest am Meer, vor allem bei Regen. 1800 Menschen, Teashop, Pasties-Takeaway, ein indisches Tandoori-Restaurant. Der Artus-Tourismus ist der größte Wirtschaftsfaktor der Region; von diesem Mythos lebt der Ort nicht schlecht, seit der Puddingfabrikant und Millionär Frederick Thomas Glasscock kurz vor dem Ersten Weltkrieg im Geist des Königs die Welt vor dem Abgrund retten wollte und sein unternehmerisches Talent der Verbreitung einer neuen Moral widmete.

Er gründete den „Orden der Gefährten von den Rittern der Tafelrunde“ und ließ in der Fore Street eine Villa zur Burg ausbauen. 1933 wurden die „King Arthur’s Great Halls“ eingeweiht. Seither tagen hier Freimaurer-und-Artus-Logen, und jedes Jahr kommen 20000 Besucher in diese Welt der Huldigung, in derer fenster- und lichtloser, mit rotem Stoff tapezierter Vorhalle es nach altem Holz, Teppich und Leder riecht.

In der „Großen Halle der Tugend“ steht ein monumentaler Königsthron aus Granit mit neun Säulen über einer runden Tafel. Die Analogie zum Hochaltar einer Kathedrale ist so zwingend wie jene der Artus-Überlieferung zu den Motiven der christlichen Heilsgeschichte. Seit je knüpfen Christen ihre Hoffnung auf Erlösung an den Messias Jesus; die frühen Briten verbanden sie mit dem Kämpfer Artus. Gerade mal 500 Jahre auseinander, wirken die beiden wie zwei Versionen derselben Idee: Jesus der himmlische König der Könige und Messias in der christlichen Lehre; Artus der irdische König der irdischen Könige und Erlöser der Briten. Er ist jener Archetypus, den die Literaten seit je für die großen Themen ihrer Zeit heroisierten: für den Widerstand gegen Invasoren, für Romantik und Liebe, Nobilität und Ehre.

Der Mönch Geoffrey von Monmouth schrieb Artus in seinem um 1135 verfassten Werk „Historia Regum Britanniae“ magische Kräfte aus keltisch-paganischer Mythologie zu. Knapp vier Jahrzehnte später entwarf der französische Dichter Chrétien de Troyes eine ideale höfische Welt, stilisierte den König zur tragischen Figur und brachte ihn mit dem Heiligen Gral, einem wundertätigen Gefäß in Form einer Schale, und den christlichen Tempelrittern in Verbindung. Um 1460 stellte Sir Thomas Malory in seinem Werk „Le Morte d’Arthur“ alle Erzählungen über Artus zusammen und stattete ihn mit den Tugen- den des edlen Ritters aus. Alfred Lord Tennyson adaptierte Malorys Geschichte 1848 schließlich für das viktorianische Zeitalter.

Video: Die Suche nach König Artus


Unsere Themenseite Großbritannien finden Sie hier. Mehr über Tor Webster, den Tourguide aus Glastonbury, erfahren Sie auf seiner Homepage.

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(NG, Heft 1 / 2014, Seite(n) Seite 38 bis 61)

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