Aufschrei der Herzen

Autor: Elizabeth Rubin  —  Bilder: Lynsey Addario

Vor 25 Jahren wurde ein afghanisches Mädchen mit grünen Augen auf der Titelseite von NATIONAL GEOGRAPHIC zur Ikone. In ihrem Blick spiegelte sich das Schicksal Afghanistans und der Flüchtlinge, die wie sie dem Krieg zwischen den von der Sowjetunion unterstützten Kommunisten und den von den USA unterstützten muslimischen Glaubenskriegern zu entkommen suchten. Heute steht abermals das Bild einer jungen Frau symbolisch für das Geschehen in Afghanistan – das Bibi Aishas. Ihr Ehemann schnitt ihr Nase und Ohren ab, um sie für ihre Flucht vor ihm und seiner Familie zu bestrafen. Aisha war geflohen, weil sie geschlagen und missbraucht worden war.

Warum begegnen Ehemänner, Väter, Schwäger und selbst Schwiegermütter Frauen aus ihrer eigenen Familie mit derartiger Brutalität? Sind solche Gewalttaten die Folge davon, dass eine in Traditionen wurzelnde Gesellschaft nach Jahren der Abschottung und der Kriege plötzlich ins 21. Jahrhundert geworfen wurde? Sind es bestimmte Afghanen, die solche Gewalttaten verüben? Die Volksgruppen der Hazara, Tadschiken, Usbeken oder Paschtunen unterscheiden sich deutlich voneinander. Die Paschtunen sind die größte und konservativste Gruppe.

Im Siedlungsgebiet der Paschtunen, einem Bogen von der Provinz Farah im Westen bis nach Kunar im Nordosten, war – und ist vielfach bis zum heutigen Tag – der Alltag nach dem Rechtssystem des Paschtunwali, der „Sitten der Paschtunen“, organisiert. Grundlage ist die Ehre eines Mannes, die sich nach seinem Besitz an zar (Gold), zamin (Land) und zan (Frauen) bemisst. Ein ehrenwertes Leben beruht auf den Prinzipien melmastia (Gastfreundschaft), nanawati (Asyl oder Schutz) und badal (Gerechtigkeit und Vergeltung).

Je großzügiger die Gastfreundschaft eines Paschtunen ist, desto mehr Ehrbarkeit erwirbt er sich. Klopft ein Fremder oder ein Feind an seine Tür, ist es für den Hausherrn eine Ehrensache, ihn aufzunehmen. Falls sich jemand an seinem Land, seinen Frauen oder seinem Gold vergreift, ist es eine Ehrensache, dafür Vergeltung zu üben. Ein Mann ohne Ehre ist ein Mann ohne Schatten, ohne Vermögen, ohne Würde. Für paschtunische Frauen gilt es hingegen als unangemessen, Gastfreundschaft zu gewähren oder Vergeltung zu üben. Sie sind selten Handelnde: Sie sind Vermögenswerte, mit denen man handelt und um die man streitet.

Diskutieren Sie mit!
In Afghanistan erleben viele Frauen unsägliches Leid. Seit der Entmachtung der Taliban durch die internationalen Truppen hat sich die Situation zwar etwas gebessert, bleibt aber kritisch. Immer wieder werden nun Forderungen laut, die deutschen und anderen westlichen Soldaten aus dem Land an Hindukusch abzuziehen. Was meinen Sie: Würde man dadurch das Feld den Taliban überlassen? Welche Folgen hätte das zum Beispiel für die Frauen in Afghanistan? Zur Diskussion.

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(NG, Heft 12 / 2010)


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