Aus der Traum vom billigen Öl

Artikel vom 01.06.2004  —  Autor: Tim Appenzeller  —  Bilder: Sarah Leen

Fast zwei Kilometer unter der Wasseroberfläche und weitere fünf Kilometer unter Schlamm und Gestein ruht der Schatz. Und oben mühen sich die Techniker auf der Discoverer Enterprise darum, zu ihm vorzudringen. Es ist Frühling 2003. Das Bohrschiff liegt nun schon seit mehr als zwei Monaten an dieser Stelle im Golf von Mexiko, 190 Kilometer südöstlich von New Orleans. Von hier aus wird eine Bohrung zu einem geschätzten Vorkommen von einer Milliarde Barrel Erdöl niedergebracht - zum größten Ölfeld, das in den vergangenen drei Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten entdeckt worden ist.

Alle paar Minuten läuft ein Zittern durch die 255 Meter lange "Enterprise", wenn ihre Motoren mit voller Kraft gegen die starke Strömung ankämpfen. Plötzlich knackt die Lautsprecheranlage, dann folgt eine Warnung vor kleinen Mengen Gas, die blubbernd aus den Tiefen der Erde nach oben steigen. Im Schatten des 22 Stockwerke hohen Bohrturms versammeln sich besorgte Ingenieure und Manager. "Wir haben ein instabiles Loch", sagt Bill Kirton, der das Projekt für den Ölmulti BP leitet. Der Bohrer hat bereits eine Tiefe von 5200 Metern unter dem Meeresboden erreicht. Statt senkrecht nach unten zu bohren, ist er um mehr als einen Kilometer zur Seite versetzt worden, vorbei an einer massiven Steinsalzformation.

Doch nun, nur 600 Meter vor dem Ziel, geht es nicht mehr weiter. Wasser ist in das Bohrloch eingedrungen. Bevor die Ingenieure weitermachen, wollen sie unbedingt verhindern, dass weiteres Wasser nachsickert. Andernfalls könnte Rohöl unkontrolliert hervorschießen. "Da unten liegt jede Menge davon, und es will raus", sagt Bohrungsleiter Cecil Cheshier. "Man könnte das Verfahren natürlich abkürzen und es darauf ankommen lassen - aber dann hat man unter Umständen einen Prozess am Hals, oder es gibt eine Ölpest im Golf von Mexiko. Und die Tiefseebohrungen würden dann wohl verboten werden."

Das Bohrloch, das der Crew Sorgen bereitet, ist nur eines von 25, die BP für dieses gigantische Ölfeld geplant hat. Das Feld heißt Thunder Horse und erstreckt sich über eine Fläche von mehr als 140 Quadratkilometern. Das gesamte Projekt wird vier Milliarden Dollar kosten. Zu ihm gehört eine schwimmende Plattform, die mehr als anderthalbmal so breit ist wie ein Fußballplatz. Von hier soll das Erdöl vom nächsten Jahr an zur Küste gepumpt werden. Aus jeder Quelle sollen mehrere zehntausend Barrel Öl pro Tag sprudeln.

Es ist heute schwieriger denn je zuvor, den Erdöldurst der Welt zu befriedigen. Auf die alten Förderstätten ist kein Verlass mehr. In den USA (ausgenommen Hawaii und Alaska) sind die Fördermengen nicht einmal mehr halb so groß wie auf dem Höhepunkt der Produktion im Jahr 1970. Im Norden von Alaska geht die Förderung ebenso zurück wie in der Nordsee. Unruhen in Venezuela und Nigeria bedrohen die Ölproduktion. Der Nahe Osten ist noch immer das wichtigste Fördergebiet, aber Kriege und Instabilität zeigen immer wieder, wie riskant es ist, von dieser Region abhängig zu sein. Deshalb suchen die Ölgesellschaften nach neuen Vorkommen. Sie nehmen dafür hohe Kosten in Kauf. Sie setzen auf Ölfelder wie "Thunder Horse" und wagen sich bis nach Westafrika und Russland vor. Letzten Endes wird sich die Suche nach weiterem billigem Erdöl aber als aussichtslos erweisen.


(NG, Heft 6 / 2004)
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