Bagdad nach dem Sturm

Autor: Brian Turner  —  Bilder: Lynsey Addario

Ich bin nicht als Kriegstourist nach Bagdad zurückgekehrt, der seinen Blick auf die Traumata dieser Stadt richtet, doch es fällt mir schwer, dies zu vermeiden. Als ich das letzte Mal hierherkam, war ich GI und trug eine Tarnuniform und eine Waffe. Damals, 2003 und 2004, waren fast 150000 US-Soldaten im Irak stationiert. In den Jahren danach habe ich mich oft gefragt, wie es für die Menschen dort wohl sein mag, sich das eigene Leben zurückzuerobern - für einen Schweißer, einen Studenten, einen Taxifahrer, eine alte Frau oder für ein Paar, das vielleicht gerade heiraten will. Und wie es wohl wäre, ohne kugelsichere Weste und 210 Schuss Munition durch die Straßen von Bagdad zu laufen.

Damals begleitete meine Einheit lange Konvois, die Nachschub lieferten und sich nur mühsam fortbewegten. Aufständische griffen uns an, ihre Autos waren vollgepackt mit Sprengstoff. Rußflecken auf den Straßen markierten noch lange die Stellen, wo Fahrzeuge ausgebrannt waren. Immer wieder musste ich diese dunklen Wundmale anstarren. Einmal schrie unser Truppführer den Schützen und mich plötzlich an, im Gefechtsstand unseres Radpanzers in Deckung zu gehen – und schon explodierten Mörsergeschosse um uns herum, und tödliches Schrapnell regnete auf uns herab. Wir durchquerten den Kugelhagel mit pochendem Herzen. Natürlich habe ich diese Bilder wieder vor meinen Augen, als wir durch die Stadt fahren. Aber dies ist nicht mehr das Bagdad, das ich kannte. Am Rande der Abu-Nuwas-Straße in der Nähe des Tigris, wo früher fast täglich Scharf-schützen lauerten, hört man heute keinen Kriegslärm mehr, sondern die Rufe von Kindern, die auf einer Wiese Fußball spielen. Auf der Haifa-Straße, wo von 2006 bis 2008 Schiiten und Sunniten einander erbittert bekämpften, stehen junge Männer im Eingang eines Marktgebäudes und plaudern miteinander, während irakische Popmusik aus einem Ghettoblaster dröhnt. In der Nähe der Universität tragen lachende junge Frauen Bücher und Hefte unter dem Arm, ihre Kopftücher sind bunte Farbtupfer vor den öden Fassaden der Gebäude. Überall in Bagdad vernimmt man die Klänge einer Stadt, die langsam wieder ihre Stimme findet.

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(NG, Heft 08 / 2011, Seite(n) 103 bis 123)


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