Berlin – Die Stadt, die immer wird

Autor: Adam Nicolson  —  Bilder: Gerd Ludwig
Berlin_Main

Berlin ist für mich eine zutiefst inspirierende Stadt. Hier herrscht zwar nicht die schwüle, filmreife Atmosphäre der Verführung wie in Paris.

Auch gibt es nicht jene Adrenalinstöße, die Manhattan dem Besucher verabreicht. Aber es gibt etwas anderes, das für Metropolen einzigartig ist. Das sich stärker anfühlt und viel tiefer geht.

Alteingesessene Berliner mögen sich über eine so blauäugige Sicht auf ihre Stadt amüsieren, aber für mein Empfinden scheint das moderne Berlin seinen Weg in die Zukunft mit einem Optimismus und einer Offenheit zu gehen, die man so anderswo selten findet. Dies ist nicht Silicon Valley und auch nicht das geldstrotzende Ungeheuer London. Es ist: eine Modellstadt. Trotz ihrer schmerzlichen Vergangenheit könnte sie – im Kleinen – ein Vorbild dafür werden, wie man die moderne Welt ins Lot bringt.

Es war nicht unbedingt zu erwarten: Berlin, die Stadt des Traumas, der Grausamkeit und des Leids, 40 Jahre lang eine Insel, über Jahrzehnte kaum enger verbunden mit dem Rest des Kontinents als eine Raumstation mit der Erde, führt Europa jetzt möglicherweise in eine zivilisierte, offene, großzügige Zukunft. Wie kommt es, dass Berlin sich auf dem Weg zum Glück befindet?

Zum Teil hat es genau mit dieser brutalen und schwierigen Vergangenheit zu tun. Nirgendwo auf der Welt treten die Beispiele für politischen Ehrgeiz, für Tyrannei, Unterdrückung und menschliches Versagen noch immer so deutlich zutage. Wer durch die Straßen Berlins geht, wird auf Schritt und Tritt an die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts erinnert, als diese Stadt ein Machtzentrum war. Mag Bismarck auch die berühmten Worte gesprochen haben, Deutschland solle nicht der „Schulmeister“ in Europa werden – hier findet man allerorten die Lektionen der Geschichte:

Albert Speers große, halbleere Bauten in Tempelhof; die Einschusslöcher in den Gebäuden der Museumsinsel; die mahnenden Mauerfragmente; die „Stolpersteine“ in Erinnerung an ermordete Juden. Das ist die Botschaft: Versuch zu herrschen, und du wirst leiden. Versuch zu zerstören, und du wirst zerstört. Versuch das Zentrum der Welt zu werden, und du wirst deine Stadt zerstückelt und geteilt vorfinden. In diesem Sinn ist das großartige Holocaust-Denkmal in der Mitte Berlins eigentlich kaum notwendig. Die Straßen selbst sind Mahnmale der Grausamkeiten und Katastrophen. Hier zu leben fühlt sich manchmal an, als würde man in einem Aquarium der Vergangenheit schwimmen.

Andere große Städte verbergen die Übel ihrer Geschichte. Berlin zeigt sie mit erstaunlichem Mut. Die Stadt „trägt ihre Wunden wie Sterne“, wie Virginia Woolf bereits über London schrieb, als es 1940 von der deutschen Luftwaffe beschossen wurde. Berlin erlangt heute seine wunderbare Würde, indem es auf einer ganz elementaren Ebene eine Vergangenheit akzeptiert, die es hinter sich lassen muss.

Die historische Schichtung dieser Stadt ermöglicht Erlebnisse, an die man sich erinnert. Etwa meine Begegnung mit dem jungen Internet-Unternehmer Simon Schäfer, der an der Rheinsberger Straße eine „Factory“ für Start-ups eröffnet hat. Es reicht ihm nicht, dass man aus seinem neuen Gebäude über den ehemaligen Verlauf der Mauer blickt. In seinem Büro hängt einer der Leuchter aus „Erichs Lampenladen“, dem abgerissenen Palast der Republik, Sitz der DDR-Volkskammer, im Herzen des alten Ost-Berlin. So vermischen sich nicht nur hier Vergangenheit und Gegenwart.

Mehr über Gerd Ludwig erfahren Sie hier.

Wütend wird demonstriert, als ein schickes neues Apartmenthaus am Spreeufer gebaut werden soll. Es bedeutet nämlich, dass ein paar Meter jener Mauer entfernt werden müssen, die die Welt vor 25 Jahren unbedingt niederreißen wollte. Wenn Sophia Brandl, eine wasserstoffblonde Zugereiste aus München, zur Gartenarbeit auf den „Stadtacker“ geht, einen gemeinschaftlichen Gemüsegarten auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, dann gewinnen ihre Kohlrabi und Kartoffeln zusätzliche Bedeutung gerade daraus, dass sie in Hochbeeten auf der ehemaligen Rollbahn für Nazi-Flugzeuge wachsen. „Hier gibt es ein gutes Karma“, sagt Brandl. „Ich komme und finde Offenheit. Frieden. Ich kann atmen. Natürlich ist dies eine Stadt mit vielen emotionalen Wüsten, aber überall gibt es solche Oasen. Dies ist eine Metropole der Möglichkeiten.“

TED-Video: Berlin durch die Augen einer Drohne


In der Berliner DNA wurde Herrschaft durch Chance ersetzt, und diese genetische Veränderung ist Teil der seltsamen Atmosphäre. Einst hieß es hier: „Das musst du tun.“ Jetzt: „Das kann ich machen.“ Berlins Erfahrung mit Autorität war in der Vergangenheit so qualvoll und traumatisch, dass diese Stadt nun Wege in ein bürgerliches Leben sucht, die man in jeder anderen europäischen Hauptstadt für nahezu anarchisch halten würde. Kürzlich wollte der Berliner Senat die weite Fläche des Flugfelds in Tempelhof bebauen, wo heute Lerchen singen und Wildblumen blühen – aber in einem Volksentscheid sprachen sich die Berliner dagegen aus. Anders als in London, Paris oder Rom ist die Stadtregierung machtlos gegen den Bürgerwillen, auch wenn er nur von wenigen initiiert wurde. An Sophia Brandls Entzücken über frische Luft kann man erkennen, welche Art von Stadt Berlin sein will.

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(NG, Heft 11 / 2014, Seite(n) 72 bis 87)

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