Bhutan - ein Volk hat die Wahl

Artikel vom 01.08.2009  —  Autor: Brook Larmer  —  Bilder: Lynsey Addario

Zuerst hört man nur die klaren Töne der zeremoniellen Trompete. Dann nähern sich die buddhistischen Pilger. Über Thimphu, der Hauptstadt des Himalajakönigreichs Bhutan, ist soeben die Sonne hinter den Bergen versunken, und das abendliche Gebetsritual soll beginnen. Etwas abseits stehen Bauern in abgetragenen Umhängen. Drei Tage waren sie von ihren abgelegenen Dörfern unterwegs, um zum ersten Mal die Stadt zu besuchen. Nahe der Platzmitte hat sich eine Gruppe buddhistischer Mönche versammelt, die Arme eingehakt. Ihre von Betelnüssen gefärbten Zähne passen zu den dunkelroten Gewändern. Dann kommt Bewegung auf. Mönche, Bauern und Stadtbewohner drängeln vorwärts, um einen Blick auf die Hauptattraktion zu erhaschen: In ihrer Mitte steht ein kleiner Junge; sein leuchtend orangefarbenes Hemd hängt ihm auf die Knie.

Mönche im Kloster Wangdi Phodrang

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Chencho (links) teilt sich ein Zimmer im Kloster Wangdi Phodrang mit sechs Mönchen.

Der Junge heißt Kinzang Norbu und ist sieben Jahre alt. Er bewegt sich zu seiner eigenen Musik. Als der Rhythmus schneller wird, wirft er sich auf den Boden und dreht sich auf dem Rücken so schnell, dass seine Gestalt zu einem safrangelben Nebel verschwimmt. Die Menschen um ihn herum sind mit der uralten Mystik von Bhutan groß geworden, dem Land der fliegenden Tigerin und des heiligen Narren. Jetzt fragen sich manche, ob Norbu wohl die wirbelnde Inkarnation eines buddhistischen Heiligen ist. Doch der Junge ist Botschafter einer ganz anderen Welt. Aus den Lautsprechern eines weißen Macintosh-Laptops tönen keine buddhistischen Gesänge, sondern die ersten Takte des anzüglichen Popsongs „Hips Don’t Lie“. Als Norbu schließlich in einen freihändigen Kopfstand übergeht, werden die Symbole der globalen Jugendkultur sichtbar: rote, knöchelhohe Nike-Turnschuhe, schlabbrige Adidas-Sweatpants, ein abwaschbares Tattoo. In gezackten englischen Buchstaben steht der Name, den er und seine Kumpel sich gegeben haben: B-Boyz.

Als die Musik zu Ende ist, geht Norbu verschmitzt lächelnd davon. Seine Freunde pfeifen und kreischen laut. Die rotzahnigen Mönche grinsen verdattert. Die Bauern starren den Jungen nur an. Wäre er ein maskierter Festtagstänzer, der sich der Erleuchtung entgegenwirbelt - ja, das könnten sie verstehen. Doch mit seiner ausgelassenen Vorstellung hat ihnen Norbu eben mal die neue Philosophie eines Landes präsentiert, das sich mit dem Unmöglichen abmüht: vom Mittelalter ins 21. Jahrhundert zu springen, ohne die Balance zu verlieren.

Wasserpumpe in Nimshon

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Die Wasserpumpe ist der Treffpunkt in Nimshon. Das Dorf liegt im Nationalpark Jigme Singye Wangchuck in den schwarzen Bergen. Strom und Telefon gibt es kaum, die nächste Straße ist einen halben Tagesmarsch entfernt - in Bhuten immer noch eher Normalfall als Ausnahme.

Mehr als tausend Jahre hat dieses kleine Reich - von den Einheimischen Druk Yul („Land des Donnerdrachens“) genannt - in selbstgewählter Isolation überlebt. Bhutan ist so groß wie die Schweiz und liegt eingezwängt in den Gebirgstälern zwischen zwei riesigen Staaten: Indien und China. Abgeschnitten von der Außenwelt - durch die geographischen Verhältnisse wie durch bewusste Politik -, hatte das Land bis in die 1960er Jahre keine Straßen, keine Elektrizität, keine Autos, kein Telefon, ja nicht einmal eine Post. Selbst heute erinnert seine faszinierende Landschaft an eine Gegend, in der die Zeit stehen geblieben ist: Uralte Tempel hängen an nebel­umwallten Klippen; heilige, noch nie bestiegene Gipfel erheben sich über urtümlichen Flüssen und Wäldern; in einem hölzernen Landhaus wohnen der gütige Monarch und eine seiner vier Ehefrauen, die allesamt Schwestern sind. Kein Wunder, dass manche Besucher in Bhutan das letzte Paradies auf Erden zu erkennen meinen. Doch da war auch die andere Seite. Als König Jigme Singye Wangchuck 1972 den Thron bestieg, gehörte Bhutan zu den Ländern mit den meisten Armen, den meisten Analphabeten und der höchsten Säuglings­sterblichkeit der Welt - alles Folgen der selbstgewählten Isolation.

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(NG, Heft 8 / 2009)
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