Bruder Roboter

Autor: Chris Carroll  —  Bilder: Max Aguilera-Hellweg

Auf einen getippten Befehl hin richtet sich die Mädchengestalt zögernd auf. Druckluft zischt unter ihre Haut aus Silikon, Motoren winkeln ihre Arme an, ihre Mundwinkel heben sich zu einem spröden Lächeln. Ihre Augen erkunden den Raum, in dem sie auf einem Sockel steht, fixiert, mit Kabeln an den Fußgelenken. Sie blinzelt, dann wendet sie sich mir zu. Unwillkürlich erwidere ich ihren – seinen (?) – mechanischen Blick. «Kaum zu glauben», sagt sie, «dass ich ein Roboter bin, oder? Sehe ich nicht aus wie ein Mensch?»

Ihre programmierte Begrüßung lenkt leider meine Aufmerksamkeit auf die vielen Merkmale, in denen sie sich von einem Menschen unterscheidet. Die Androidin „Actroid­DER“ wurde in Japan von der Kokoro Company entwickelt; man kann sie für Firmenveranstaltungen mieten. Doch obwohl bereits 250.000 Dollar in ihre Entwicklung investiert wurden, bewegt sie sich noch recht ruckartig, ihre starren Züge lassen das hübsche Gesicht ziemlich einfältig erscheinen. Und sie zeigt ein seltsames Verhalten: Es sieht aus, als würde sie zwischen ihren Sätzen immer wieder wegdösen – als stünde sie unter Drogen und nicht unter Strom.

An der Carnegie­Mellon­Universität in Pittsburgh soll der Automat nun so etwas wie Persönlichkeit erhalten. Das ist jedenfalls das Ziel von fünf optimistischen Doktoranden am Zentrum für Unterhaltungstechnologie der Universität. Ein Semester lang haben sie Zeit, aus der Roboterfrau mehr Frau und weniger Roboter zu machen. Für den Anfang haben sie ihr einen neuen Namen gegeben: „Yume“ – das japanische Wort für Traum.

«Bei Kokoro hat man ihren Körper schon recht natürlich gestaltet, aber das allein reicht nicht», sagt Christine Barnes, eine der am „Yume“­Projekt Beteiligten. «Wir wollen mehr als Naturtreue, wir wollen Glaubwürdigkeit.»

Die Actroid­Androiden gehören zu einer neuen Generation von Robotern: Es sind künstliche Wesen, die nicht mehr nur als programmierte Industriemaschinen arbeiten sollen, sondern als zunehmend selbständige Akteure. Sie sollen in Haushalten, Schulen und Büros Aufgaben übernehmen, die bisher Menschen erledigen. Ihre Vorboten sind die automatischen Staubsauger, die von allein hin und her fahren und unsere Teppiche reinigen, aber auch knuddelige elektronische Haustiere, die auf Kommando „Sitz“ oder „Platz“ machen, aber niemals ihr Geschäft auf dem Bettvorleger. Schon bald könnte es Roboter geben, die uns das Kochen abnehmen, die Wäsche zusammenlegen und auf Kinder oder ältere Verwandte aufpassen, während wir sie aus der Ferne über einen Computer kontrollieren. «In fünf oder zehn Jahren», sagt Reid Simmons, Professor für Robotertechnik an der Carnegie­Mellon­Universität, «werden solche automatischen Helfer für uns schon beinahe alltäglich sein.»

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(NG, Heft 9 / 2011, Seite(n) 56 bis 75)


Extras

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