Brunelleschis Wunder: Der Dom von Florenz

Autor: Tom Mueller  —  Bilder: Dave Yoder

Er war kein gelernter Architekt, aber ein Genie: Also schuf Filippo Brunelleschi die Kuppel des Doms von Florenz . Und wir staunen noch heute.

Im Dach der Kathedrale klaffte ein riesiges Loch. Die Stadtväter von Florenz kannten das Problem – und ignorierten es seit Jahrzehnten. Man schrieb das Jahr 1418, als die Florentiner endlich beschlossen, Santa Maria del Fiore mit einer einzigartigen Kuppel zu krönen.

Die Bauarbeiten für die Kirche hatten bereits 1296 begonnen. Für das reiche Florenz, das sich durch sein Finanzwesen und den Handel mit Wolle und Tuch zu einem der wichtigsten wirtschaftlichen und kulturellen Zentren Europas entwickelt hatte, war der Dom ein Statussymbol. Und so sollte die größte Kuppel der Welt dieser Kathedrale den krönenden Abschluss verleihen. Doch auch viele Jahrzehnte später hatte anscheinend niemand eine brauchbare Idee, wie man eine Kuppel mit einem inneren Durchmesser von 45 Metern erbauen konnte – noch dazu auf Mauern in 55 Metern Höhe.

Auch andere Fragen machten den Bauherren zu schaffen. Ihre Pläne sahen keine gotischen Strebepfeiler und Spitzbögen vor, wie sie in den rivalisierenden Städten des Nordens üblich waren, so auch im verfeindeten Mailand. Das war damals für ein Gewölbe dieser Größe die einzige bekannte Lösung. Würde eine Zehntausende Tonnen schwere Kuppel auch ohne sie halten? Gab es in der Toskana genügend Holz für das Gerüst und die Verschalungen, die für die Formung des Mauerwerks notwendig waren? War es überhaupt möglich, auf acht tortenstückförmigen Keilen eine Kuppel zu bauen, ohne dass diese in sich zusammenfiel, wenn sich das Mauerwerk zum Scheitelpunkt hin krümmte? Niemand wusste es.

So lobten die besorgten Florentiner Stadtväter um die aufstrebende Medici-Familie 1418 einen Wettbewerb für den idealen Kuppelentwurf aus. Mit einem Preisgeld von 200 Goldflorinen für den Sieger – und der Aussicht auf ewigen Ruhm. Führende Architekten kamen nach Florenz, um ihre Pläne vorzulegen. Aber von Anfang an war das Projekt von Zweifeln, Ängsten, Geheimniskrämerei und Bürgerstolz begleitet, so dass sich bald Legenden darum rankten. Der Bau der Kuppel wurde zur Parabel auf den Florentiner Erfindergeist und ein zentraler Gründungsmythos der italienischen Renaissance.

In den ersten Chroniken dieser Geschichte kommen die Verlierer gar nicht gut weg. Einer der Bewerber wollte die Kuppel mit einem riesigen Mittelpfeiler stützen. Ein anderer schlug vor, sie aus „Schwammstein“ (möglicherweise spugna, einem porösen Vulkangestein) zu Brunelleschi, auf wundersame Weise genesen, auf die Baustelle zurück und erklärte Ghibertis Arbeit laut klagend für so mangelhaft, dass die Balken herausgerissen und ersetzt werden mussten. Sein Gehalt stieg bald darauf auf 100 Florinen jährlich, während das von Ghiberti bei 36 Florinen blieb.

Doch Ghiberti gab nicht auf. Um 1426 sandte sein Assistent, der Architekt Giovanni da Prato, den Dombauverwaltern ein großes Pergament, in dem er, detailliert und mit Illustrationen belegt, Kritik an Brunelleschis Arbeit übte. Dieser sei aus «Unwissenheit und Dünkel» von den Originalbauplänen für die Kuppel abgewichen, die deshalb «verunstaltet und der Gefahr des Einsturzes ausgesetzt» sei.

Video: Das Geheimnis des Florentiner Doms


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(NG, Heft 02 / 2014, Seite(n) 88 bis 99)

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