Carsten Peter: Ein Fotograf sucht die Extreme

Autor: Interview: Siebo Heinken  —  Bilder: Carsten Peter

Carsten Peter ist der mutigste aller NATIONAL GEOGRAPHIC-Fotografen. Ein Interview über Extreme der Natur, Demut und ein erfülltes Leben.

Herr Peter, was mögen Sie lieber: Hitze oder Kälte?

Beides. Vor allem alle Extreme.

Vor einiger Zeit waren Sie tief im Krater des Nyiragongo im Kongo : in einem der gefährlichsten Vulkane der Welt. Dort ist es so heiß, dass Ihnen die Schuhsohlen geschmolzen sind.

Allerdings. Der Nyiragongo liegt zwar relativ hoch, über 3000 Meter, und die Temperaturen sinken nachts bis auf den Gefrierpunkt. Wenn du aber in den Krater einsteigst, wird es kontinuierlich wärmer. Und wenn du direkt am Lavasee stehst, ist die Strahlungshitze nicht auszuhalten. Da brauchst du einen Schutzanzug.

Was empfanden Sie, als Sie allein in diesem Inferno standen?

Ich war ja zunächst mit meinem Freund und Kletterpartner Chris Heinlein unterwegs, der aber krank wurde. So blieb ich ganz allein auf der zweiten Terrasse, wo wir unser Zelt aufgeschlagen hatten, knapp 300 Meter unter dem Kraterrand. Es war ziemlich unheimlich. Gasschwaden machten es immer wieder schwer, mich zu orientieren, und oft musste ich eine Gasmaske tragen. Nachts war alles in ein mysteriöses orangefarbenes Licht getaucht.

Waren Sie mit den anderen Expeditionsteilnehmern in Kontakt?

Ja, per Funk. Vor allem am Lavasee war das sehr wichtig, denn so konnten sie mir vom Kraterrand aus sagen, wo Gasblasen aufstiegen. Es kommt dort manchmal zu Explosionen mit gefährlichen Lavafontänen.

Gibt es unten ein anderes Gefühl als Bedrohung?

Aber ja. Sogar sehr bewegende Momente und Dinge, die mich komplett überrascht haben. Zum Beispiel eine Art „Infrasound“. Da ist ein runder Krater mit einem Lavasee in der Mitte, der als eine Art riesige Membran funktioniert. Und plötzlich erfasst ein „Ton“ den ganzen Körper. Du kannst ihn nicht hören, aber spüren. Du fühlst den Vulkan. Das war eine sehr ergreifende Situation. Wie auch der erste Augenblick, als ich auf dem Damm des Lavasees stand: Er war recht schmal im Vergleich zu den Millionen Kubikmetern feuriger Lava vor mir. Und niemand konnte sagen, ob er möglicherweise weg­ bricht. Er erodiert ja von den Seiten her und wird dadurch schmaler. Dann der Blick über die Fläche eines der größten Lavaseen der Welt. Unglaublich. Ich hätte dieses erhabene Gefühl gern noch länger ausgekostet. Aber nicht gern erlebt, wenn er plötzlich überläuft und sich leert.

Empfinden Sie Angst?

Manchmal. Ich versuche aber, immer auf der sicheren Seite zu bleiben. Vor allem wäre es gefährlich, in Panik zu geraten oder unvernünftig zu reagieren. In einem Krater geht die größte Gefahr von Steinschlag aus. Ich hatte weniger Angst vor der Lava als davor, von einem losen Stein getroffen zu werden.

Seit wann haben Sie diese Lust am Abenteuer?

Schon immer (lacht)! Solange ich denken kann, wollte ich in Bereiche vordringen, die Un­ bekanntes oder Ungewöhnliches boten. Ich wollte Dinge entdecken. Als Kind habe ich Tiere gefangen und Blüten mit dem Mikroskop untersucht. Meine ersten Ausflüge auf eigene Faust führten mich in die Moore unweit meines Elternhauses. Und dann ging es einfach weiter. Ich habe begonnen, Höhlen zu erforschen, bin getaucht und mit dem Gleitschirm geflogen. Die Höhlenforschung bietet in Deutschland viele Möglichkeiten, Neues zu entdecken.

Vulkane sind eine andere Kategorie ...

Ich habe schon als Junge immer Vulkanbilder namhafter Fotografen bewundert. Meine erste Reise als Jugendlicher ohne meine Eltern führte dann auf den Stromboli. Ich bin viel zu nah herangegangen und stand völlig ahnungslos direkt am Kraterrand, als es plötzlich eine Explosion gab. Die Lavafetzen sind mir um die Ohren geflogen, und ich bin nur noch weggerannt. Aus der sicheren Distanz habe ich dann weiter fotografiert. Seither war ich auf vielen Vulkanen. Da ich schon lange Höhlenforschung betreibe, lag es irgendwann nahe, beides zu kombinieren und die Seiltechniken auf Vulkane anzupassen.

Wann haben Sie begonnen zu fotografieren?

Mit ungefähr 15 bekam ich meine erste, noch ganz einfache Kamera. Ich war von Anfang an wie besessen von der Fotografie. Seither hat sie mich nicht mehr losgelassen. Ich war aber auch schon früh sehr selbstkritisch, und das hat mich geprägt. Ich wollte immer aus meinen Fehlern lernen und neue Ideen entwickeln, wie ich extreme Natur noch besser fotografieren kann.

Sie sind studierter Biologe. Verstehen Sie sich mehr als Wissenschaftler oder als Fotograf?

Ich bin nicht mehr so sehr Wissenschaftler. Dennoch forsche ich auch, kartiere zum Beispiel Höhlen, die noch nicht begangen wurden. Ich sehe mich vor allem als Fotograf. Der Abenteueraspekt ist aber immer mit dabei. Das ist für mich das Salz in der Suppe.

Haben Sie eine besondere Beziehung zur Natur?

Ich bin ein absoluter Naturverehrer und versuche, mich für die Natur einzusetzen. Daher gibt es auch gewisse Dinge, die mich sehr frustrieren, was den Naturschutz betrifft. Ich war zum Beispiel vor einiger Zeit auf dem Vulkan Erta Ale im Afar­Dreieck, einem Teil des Ostafrikanischen Grabens. Seit meiner ersten Reportage von dort vor etwa zehn Jahren hat sich einiges verändert. Es gibt deutlich mehr Tourismus. Leider sind viele Besucher sehr unachtsam und lassen ihre Wasserflaschen und anderen Müll zurück. Das ärgert mich. Ich habe dann eine Belohnung auslobt und gemeinsam mit meinen lokalen Helfern mehr als 750 Flaschen eingesammelt und entsorgt.

Bedeutet das, dass Sie mit Ihrer Fotografie auch etwas bewirken wollen?

Auf jeden Fall! Ich möchte den Respekt vor der Natur fördern. Nachdem meine Reportage über ein nur teilweise erkundetes Höhlensystem in Vietnam erschienen war, schrieben mir Einheimische: «I’m proud to be a Vietnamese.» Auch in den sozialen Netzwerken gibt es immer viel Feedback. Die Menschen schätzen meine Arbeit und meine Einstellung. Vielleicht trägt sie ja dazu bei, dass sorgsamer mit der Umwelt umgegangen wird.

Gekürzte Version! Lesen Sie das ganze Interview in der Juni-Ausgabe von NATIONAL GEOGRAPHIC.

Eine Auswahl von Carsten Peters spektakulären Fotostrecken für National-Geographic finden Sie hier:

Tief in Down Under
Expedition in die Blue Mountains

Im Bauch von Vietnam
Abstieg in die Höhle Son Doong

Einmal Hölle und zurück
Der Nyiragongo - Afrikas gefährlichster Vulkan

Seine Fotografien in NG-Büchern:
On Location

Carsten Peter im Netz:
Auf seiner Website sowie in seinem Facebook-Auftritt finden Sie zahlreiche Informationen zu Workshops, Vorträgen und Projekten des NG-Fotografen.


(NG, Heft 06 / 2012, Seite(n) 42 bis 57)

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Extras

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Bildband-Tipp: On Location
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