Das andere Tibet

Autor: Matthew Teague  —  Bilder: Carolyn Drake

Die ersten Sekunden des Zwischenfalls in Urumqi wirkten – verglichen mit den Ereignissen der Vorwoche – fast unbeschwert. Nichts deutete darauf hin, was kommen würde. Eine frische Brise wehte an diesem Sommertag in der Stadt und lockte die Menschen aus ihren Häusern. Einige der Läden blieben geschlossen, weil ihre Fenster zerbrochen waren. Die Essensverkäufer aber schoben ihre Karren auf die Straßen wie immer. Sieben Tage zuvor waren bei Kämpfen zwischen Uiguren und Chinesen fast 200 Menschen ge­tötet worden. Bei einem der blutigsten Zusammenstöße in China seit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Dort, mitten in Peking, hatten im Juni 1989 chi­nesische Soldaten mit Panzern eine friedliche Studentendemonstration brutal beendet. Im Sommer 2009 – 20 Jahre danach – schickte die Regierung Zehntausende Polizisten in die Hauptstadt des Uigurischen Autonomen Ge­biets Xinjiang, um dort einzugreifen – diesmal in einen Konflikt zwischen Han-Chinesen und Uiguren. Die Han dominieren die chinesische Gesellschaft, doch die Uiguren, ein zentralasia­tisches Volk, das eine Turksprache spricht, weh­ren sich gegen die Unterdrückung ihrer Kultur.

Am 13. juli 2009 stehen im Uigurenviertel von Urumqi bewaffnete chinesische Polizisten an jeder Straßenecke. Das Einzige, was man hört, sind die Durchsagen aus den Lautsprechern der Kleinlaster, die langsam durch die Marktstraßen fahren und verkünden, dass es eine neue ethni­sche Harmonie gebe. Falls an diesem Montag noch Unruhen in der Stadt schwelen sollten, so ist davon nichts zu sehen.

Die meisten Uiguren sind Muslime, und um die Mittagszeit stehe ich gerade vor einer zentral gelegenen Moschee und frage mich, wie viele Besucher sich wohl drinnen versammelt haben mögen. Wie als Antwort auf meine Frage quillt plötzlich eine Menschenmenge heraus, Hunderte Gläubige strömen auf die Straße. Einen Augenblick später sind alle verschwunden.

Dann treten drei Männer aus der Moschee. Einer trägt ein blaues Hemd, einer ein schwar­zes, einer ein weißes. Ihre Gesichter sind heiter. Sie wenden sich nach Süden. Alle drei schwin­gen Holzknüppel über dem Kopf, wie Tambour­majore, die ihre Taktstöcke wirbeln lassen und denen die Kapelle davon marschiert ist. Sie laufen an den Reihen der Marktstände entlang. Die Leute dort rufen ihnen zu, egal was sie vor­hätten, sie sollten damit aufhören.

Nach zwei Häuserblocks machen die Männer wieder kehrt. Kurz bevor sie an mir vorbeikommen, überqueren sie die Straße. Immer noch halten sie ihre Knüppel in die Höhe, die aussehen wie rostige Schwerter. Kaum sind die drei über die Straße gegangen, beginnen sie zu rennen, direkt auf eine Gruppe bewaffneter Chinesen zu. Der Mann in Blau sprintet voraus; die Polizisten laufen ihnen entgegen.

Plötzlich hallt ein Schuss durch die Straße. Doch die drei Uiguren halten auch im Ange­sicht des Todes nicht inne. Sie werfen sich ih­rem Ende entgegen.

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(NG, Heft 02 / 2011, Seite(n) 66)
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