Das Gold der Angelsachsen

Autor: Caroline Alexander, Mitarbeit: Frederik Jötten  —  Bilder: Robert Clark

Eines Tages, vielleicht auch eines Nachts, Mitte oder Ende des 7. Jahrhunderts, reisten Unbekannte auf einer alten Römerstraße, durch von Wald gesäumtes Heideland im angelsächsischen Königreich Mercia. Viel­leicht waren es Soldaten, vielleicht Diebe, die abgelegene Gegend war jahrhunder­telang für Wegelagerei berüchtigt. In jedem Fall waren es keine gewöhnlichen Reisenden. Auf einer Anhöhe hielten sie, gingen von der Straße auf eine kleine Wald­lichtung – und vergruben einen Schatz.

1300 Jahre lag er dort, die Waldlichtung war längst Weide- und Ackerland geworden. Dann, 2009, fragten Schatzsucher den Landwirt Fred Johnson, ob sie seinen Boden mit Metalldetek­toren absuchen könnten – in England ein be­liebtes Hobby. «Ich sagte einem von ihnen, ich hätte dort mal einen Schraubenschlüssel verlo­ren, den könne er ja suchen», flachst Johnson. Aber am 5. Juli 2009 stand Terry Herbert an der Tür des Bauernhofs und teilte Johnson mit, er habe Gold aus angelsächsischer Zeit gefunden.

Der Staffordshire Hoard, der Schatz von Staf­fordshire, wie der Fund schon bald genannt wurde, elektrisierte die Öffentlichkeit wie die Experten. Bis dahin waren solche spektakulären Entdeckungen vor allem in Grabstätten gemacht worden, so etwa in Sutton Hoo, im County Suf­folk. Dort war 1939 das Grab eines mächtigen angelsächsischen Herrschers aus dem 7. Jahr­hundert gefunden worden, bis 2009 der größte Fund aus der Ära. Aber der auf Johnsons Acker geborgene Schatz war keine Grabbeigabe. Er besteht ausschließlich aus Gold, Silber und dem Halbedelstein Granat – das ist viermal mehr Edelmetall als in Sutton Hoo und die 25-fache Anzahl an mit Granat verzierten Schwertknäu­fen. Sie sind außergewöhnlich filigran gearbeitet und verziert. «Das waren Objekte, mit denen Männer einst Eindruck machen wollten», sagt Nicholas Brooks, ein emeritierter Historiker der Universität Birmingham. Für ihn ist es «Angeberschmuck, der Begleiter eines Königs».

Als der Schatz katalogisiert worden war, hatte man etwa 3500 Fundstücke gezählt, darunter gut 300 Schwertgriff-Verzierungen, 92 Schwertknäufe und zehn Schwertscheiden-Anhänger. Auffällig: Er enthält keine Münzen und keinen Frauenschmuck und nur drei Stücke, die nicht zur offensichtlichen Kampfausstattung eines Krie­gers gehörten, zwei goldene Kreuze und einen schmalen Streifen aus Gold, in den ein Bibel­spruch eingraviert ist. Noch auffälliger: Viele der Gegenstände wurden offenbar absichtlich verbo­gen oder zerbrochen. Der Schatz war also ein Depot nicht mehr benutzbarer, doch hochwertiger Waffen, vergraben vor 13 Jahrhunderten in einer politisch unruhigen Region. Aber warum?

Kelten, römische Kolonisatoren, brand­schatzende Wikinger, normannische Eroberer kamen und gingen, und alle hinterließen ihre Spuren in der Landschaft, der Sprache und der Kultur Britanniens. Aber vor allem die sechs Jahrhunderte der angelsächsischen Herrschaft, die kurz nach dem Rückzug der Römer um 410 n. Chr. begann und bis zur normannischen Er­oberung im Jahre 1066 dauerte, prägten, was wir heute England nennen.

Stämme der Barbaren waren seit Mitte des 3. Jahrhunderts durch Europa nach Westen gezogen und hatten vermutlich schon damals vereinzelt Orte in Britannien angegriffen. Im frühen 5. Jahrhundert bedrohten diese Stämme das Imperium, deshalb waren die Römer nach 350-jähriger Herrschaft gezwungen, Garnisonen in der Provinz Britannia aufzugeben, um An­griffe nahe Rom zurückzuschlagen. Als die Römer abzogen, begannen die Stämme der Sko­ten von Westen und die Pikten von Norden mit Angriffen über die Grenzen. Um sich zu vertei­digen, warben die Britannier auf dem Kontinent germanische Truppen als Söldner an.

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(NG, Heft 11 / 2011, Seite(n) 46 bis 68)


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