Es herrschte Hochbetrieb an diesem glühend heißen Junitag in der Niederlassung von BP in Houma, Louisiana. In dem Bürogebäude, das seit der Explosion der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ als Einsatzzentrum diente, waren ernst dreinblickende Männer und Frauen in farbigen Westen hektisch zugange: leitende Manager von BP und ihre Berater in Weiß, das Logistikteam in Orange, Mitarbeiter der Umweltbehörde aus Washington oder aus Louisiana in Blau. Reporter hatte man in violette Westen gesteckt, um sie jederzeit gut im Blick zu haben. An den Wänden des größten Kontrollraums zeigten riesige Videoleinwände die Ausmaße des Ölteppichs und den Standort der Schiffe, die ihn bekämpfen sollten. Hin und wieder lief auf einem Bildschirm ein Spiel der Fußballweltmeisterschaft.
Mark Ploen, der silberhaarige stellvertretende Einsatzleiter, trug eine Weste in Weiß. Seit 30 Jahren ist er als Berater an der Bekämpfung von Ölkatastrophen von Alaska bis zum Nigerdelta beteiligt. Nun traf er lauter Leute, mit denen er schon gegen die Ölpest im Einsatz war, die der Tanker „Exxon Valdez“ vor zwei Jahrzehnten in Alaska verursacht hatte. «Das ist ja das reinste Klassentreffen», entfuhr es ihm.
80 Kilometer vor der Küste und rund 1500 Meter unter dem Meeresspiegel spuckte das „Macondo“-Ölfeld von BP alle vier Tage eine Ölmenge aus, die jener der „Exxon Valdez“ entsprach. Am 20. April hatte explodierendes Gas an dieser Bohrstelle die „Deepwater Horizon“, eine der technisch höchstentwickelten Ölbohrplattformen der Welt, in einen Haufen verkohlten und verbogenen Schrotts am Meeresgrund verwandelt. Die Industrie hatte stets so getan, als könne eine derartige Katastrophe gar nicht passieren – und die staatlichen Aufsichtsbehörden sahen das genauso.
Seit 1979, als es an der Ölbohrstelle „Ixtoc I“ im flachen Wasser der Bucht von Campeche zu einer Explosion kam, war im Golf von Mexiko nichts Vergleichbares mehr vorgefallen. Die Bohrtechnologie hatte sich seither so sehr weiterentwickelt und die Nachfrage nach Öl blieb für die Ölfirmen so unwiderstehlich, dass sie längst vom Kontinentalschelf in immer tiefere Gewässer vorgedrungen waren.
Viele aus der Ölbranche und von den Behörden hielten die Gefahr einer Havarie von Öltankern wie der „Exxon Valdez“ für viel größer. Die US-Aufsichtsbehörde für Ölbohrungen im offenen Meer (Minerals Management Service, MMS, mittlerweile wurde sie in Bureau of Ocean Energy Management, Regulation and Enforcement umbenannt), hatte die Ansicht vertreten, die Gefahr eines Öl- oder Gasausbruchs, eines sogenannten Blowout, sei geringer als ein Prozent. Selbst wenn es dazu käme, würde dabei nicht viel Öl austreten. Große Ölbohrunfälle seien zur Seltenheit geworden, sagte Ploen. «Bis jetzt.»
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