"Ich kann das Meer riechen", sagt der Mann. Seemannsgarn! Der Typ sitzt in einer schalldichten Zelle im Norden Malaysias, sieben Kilometer vom nächsten Salzwasser entfernt. Alles, was ich in diesem feuchten Gefängnis wahrnehme, ist der schwache Geruch von Salmiakgeist, mit dem der Boden gewischt wird. Überhaupt, was kann man diesem Kerl glauben? Mal besteht er auf seiner Unschuld, dann gibt er zu, ein Krimineller zu sein. Mal hat er drei Kinder, dann sind es vier. Sein Pass lautet auf den Namen Johan Ariffin, aber die malaysischen Behörden bezweifeln, dass das stimmt. Sein Alter ist mit 44 angegeben und der Wohnort mit Batam, einer indonesischen Insel unweit von Singapur. Männer wie er kommen häufig von dort, sagt ein Wärter. Immerhin.
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Die Aufpasser mögen sich unsicher sein, wer er ist, aber sie wissen genau, was er ist: ein lanun (mit langem u gesprochen) - und das übersetzt man am besten mit Pirat. Die malaysische Wasserschutzpolizei nahm ihn und neun Komplizen fest, nachdem die Bande den Tanker "Nepline Delima" gekapert hatte. Das Schiff war mit einer Ladung von 7000 Tonnen Dieselkraftstoff im Wert von umgerechnet etwa 2,2 Millionen Euro in der Straße von Malakka unterwegs. Der Überfall war einer von mehreren Angriffen, die 2005 auf dem 804 Kilometer langen Wasserweg gemeldet wurden, der die indonesische Insel Sumatra von der Malaiischen Halbinsel trennt. Die Straße von Malakka ist seit je Teil der kürzesten Verbindung zwischen Indien und China.
An Angriffszielen gibt es keinen Mangel. Angaben des Schiffsversicherers Lloyd’s of London zufolge passieren jährlich etwa 70 000 Handelsschiffe dieses Nadelöhr der Weltwirtschaft; sie haben ein Fünftel aller auf dem Seeweg beförderten Handelsgüter und ein Drittel der weltweiten Rohöllieferungen an Bord. Die geographischen Gegebenheiten machen es so gut wie unmöglich, diesen Wasserweg zu schützen. Er verläuft zwischen Malaysia und Indonesien, deren Beziehungen angespannt sind. Das macht die Situation zusätzlich kompliziert. Am Nordausgang ist die Straße 402 Kilometer, nahe dem südlichen Ende, wo Singapur liegt, nur noch 16 Kilometer breit. Kriminelle haben die Auswahl unter Hunderten von unbewohnten Mangroveninseln, wo sie sich verbergen können.
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Im Jahr 1981 wurde das International Maritime Bureau (IMB) eingerichtet, unter anderem, um die Piraterie zu bekämpfen. Seinen Unterlagen zufolge gab es in der Straße von Malakka und den umliegenden Gewässern seit 2002 genau 258 Piratenüberfälle. 200 Menschen wurden als Geiseln genommen, acht Matrosen ermordet. Im Juni 2005 stufte Lloyd’s die Meerenge als Kriegsgebiet ein. Die Regierungen von Malaysia, Singapur und Indonesien reagierten, indem sie die Sicherheitsmaßnahmen in ihren Gewässern verstärkten. Im August 2006 hob die Schiffsversicherung die Einstufung wieder auf. Doch das Zählen von Piratenüberfällen ist eine zweifelhafte Angelegenheit. Noel Choong, der Direktor des Piracy Reporting Centre beim IMB, schätzt, dass die Hälfte aller Piratenüberfälle gar nicht gemeldet wird. "Nicht selten bringt der Schiffseigner den Kapitän davon ab, den Überfall mitzuteilen", sagt er. "Man will schlechte Presse vermeiden und verhindern, dass das Schiff durch die Untersuchung aufgehalten wird." Folglich kann niemand mit Sicherheit sagen, wie viele Piraten in der Straße von Malakka überhaupt noch aktiv sind.
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Johan Ariffin sitzt eine Haftstrafe von sieben Jahren ab. Ein vom indonesischen Konsulat bestellter Rechtsanwalt war bislang sein einziger Besucher. Die Wärter lassen mich nicht direkt an ihn heran. Ich sitze hinter einer verkratzten kugelsicheren Scheibe, durch die ich in eine Gesprächszelle sehen kann. Die Wärter führen ihn herein. Ariffin entspricht keineswegs der beeindruckenden Figur, die ich erwartet habe. Er ist kaum anderthalb Meter groß, mit offenem Hemdkragen und verblichenem tätowiertem Herzen auf einer schlaffen Brust. Er wirkt eher wie ein kleiner Taschendieb. Dass ein Ausländer ihn sehen will, verwirrt ihn. Ich erkläre ihm über einen Dolmetscher, dass ich über seinen Fall gelesen habe. Dass ich vom anderen Ende der Welt hergekommen bin, um mir seine Geschichte anzuhören. Um zu erfahren, wie er ein lanun geworden ist. Und wie eine Handvoll Männer ein Schiff von der Größe der "Nepline Delima" kapern kann.
Ariffin sitzt schweigend da, das Hemd verschwitzt. Sein Blick wandert zwischen mir und dem Dolmetscher hin und her. "Der Rechtsanwalt hat mir mein ganzes Geld abgenommen", sagt er schließlich. "Ich habe keine Seife. Seit ich hier bin, habe ich mir die Zähne nicht geputzt." Ich biete ihm an, den Wärtern einige Toilettenartikel für ihn zu übergeben. Seine Stimmung hellt sich auf. Langsam beginnt er, seine Geschichte zu erzählen. Zumindest eine Version davon.
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