Als der Ranger Matthias Schlote mich am alten Forsthaus im Kessbachtal absetzt, hat es bereits zu dämmern begonnen. Eine halbe Stunde sind wir im Allrad-Subaru der Parkverwaltung mit jaulendem Motor Fahrspuren und Forstpisten hinaufgeschaukelt, unter dem blasser werdenden Licht der gerade ergrünten Buchen, durch dunkle Dome aus Fichten und Tannen, vorbei an blühenden Rosskastanien. Ein wenig düster liegt das Gebäude mit seinen braunen Holzwänden und der umlaufenden Veranda auf der Lichtung.
Stille breitet sich aus, als Schlote gewendet hat und das Motorgeräusch von den Bäumen verschluckt worden ist. Eine unsichtbare Misteldrossel wiederholt monoton ihre Strophe. Meine Schritte knarren auf den Dielen, als ich den Rucksack hineintrage. Es riecht nach Holz, nach Feuchtigkeit, Leder und Hund; es sind die Gerüche einer Vergangenheit, die ich heute Nacht am eigenen Leib ergründen will: Waldeinsamkeit. Ich trete noch einmal hinaus, ins letzte Licht dieses Maitags. Hangabwärts am Rand der Wiese ruhen in dichter Packung die Buchen. Sie werden noch überragt von den schlanken Federn uralter Kiefern. Einige von ihnen haben ihre Nadeln verloren. Schwarz stehen sie da, wie verloschene Fackeln.
Die Lichtung mit dem Kesselbacher Forsthaus liegt tief im hessischen Nationalpark Kellerwald, einem der ursprünglichsten Waldgebiete Deutschlands. Schon Kaiser Wilhelm II. hat hier am Edersee nach seinen Jagdpartien gerastet. Er stärkte sein stets pflegebedürftiges Selbstbewusstsein an dem, was spätestens seit der Romantik vor 200 Jahren als nationaler Mythos galt: der innigen Einkehr in eine verwunschene Natur.
Später öffne ich die Fenster und lasse den schwachen Schein der Dämmerung in den Raum. Es gibt kein elektrisches Licht. Auf einer Matratze breite ich meinen Schlafsack aus. Von draußen wehen die Stimmen der Vögel herein. Auch in Ludwig Tiecks romantischem Kunstmärchen vom „Blonden Eckbert“ spielt ein Vogel die Hauptrolle. «Waldeinsamkeit, / die mich erfreut, / So morgen wie heut, / In ewger Zeit...», singt er. Als Nacht die Forsthütte einhüllt, drinnen nichts mehr zu erkennen ist und draußen die Stimmen verstummt sind, setze ich mich fröstelnd an den rohen Tisch, klappe mein Notebook auf und beginne zu arbeiten. Waldeinsamkeit – eben hatte sie mich noch wie ein wärmender Mantel umfangen. Doch im blauen Schein des Bildschirms scheint sie zu einer Erinnerung entrückt.
Die Natur und die Deutschen – was ist davon geblieben? Spielt der Wald noch seine besondere Rolle in unserer kollektiven Psyche – oder haben wir ihn vergessen? Solche Fragen sind gerade heute von mehr als historischem Interesse. Es lohnt sich, darüber eine Nacht in einem Forsthaus im Wald, im Innersten des deutschen Mythos, zu vergrübeln. Denn gegenwärtig erleben die Natur, aber auch romantische Gefühle eine Renaissance wie lange nicht. Zugleich aber verschwinden Tiere und Pflanzen, also die Gegenstände des Naturempfindens, weiter ungebremst.
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