Der Computer aus Holz

Autor: Jakob Vicari  —  Bilder: Jörg Block
Holzcomputer_Teaser

Bild: Karsten Schischke Vergrößern

Es war einmal ein Baumschössling, der träumte davon, ein Computer zu werden: «Es gibt Häuser aus Holz und sogar Autos. Warum denn nicht Holzcomputer?» Andere Jungbäume lachten ihn aus. Mit Glück konnte man es in diesem Wald zum Konzertflügel bringen. Mit Pech endete man als hölzerner Kaffeebecher.

Doch zwei Männer ließen den Traum des Schösslings wahr werden: Paul Maher, der Inhaber des irischen Computerherstellers MicroPro. Und der Berliner Fraunhofer-Forscher Karsten Schischke. Zusammen entwickelten sie einen nachhaltigen Laptop in einem Gehäuse aus Holz und nannten ihn „Iameco D4R“ (sprich: „I am eco“, „Ich bin öko“). Der „Holzcomputer“ war Realität geworden.

«Eigentlich», sagt Schischke, «mehr aus der Not geboren.» Der Computerhersteller MicroPro hatte schon früher nachhaltige Tischrechner konstruiert. Sie steckten bereits in einem Holzgehäuse und waren, anders als viele andere Rechner, reparierbar. Die Nachfrage blieb allerdings bescheiden, denn alle Welt hatte jetzt Mobilcomputer. Aber wie entwickelt man einen hölzernen Laptop? Hier kommt Karsten Schischke ins Spiel.

Schischke forscht in Berlin an einem selbst in Fachkreisen kaum beachteten Zweig der Hochtechnologie: der Nachhaltigkeit. Wie auch die Einrichtung, an der er arbeitet, einen Namen trägt, den wohl nur wenige gehört haben: Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration. Mit Holz hat Schischke dort normalerweise wenig zu tun. Der Fachmann für Technischen Umweltschutz bewertet Computer auf ihre Nachhaltigkeit und entwickelt Systeme, die weniger Energie und Rohstoffe benötigen. Daher kannte ihn Maher. Das Berliner Institut hatte schon seinen ersten Versuch mit Holzcomputern bewertet. Schischke optimierte mit seinen Ideen vor allem das Innenleben des nachhaltigen Laptops. Das Bild vom Holzcomputer empfindet er zuweilen sogar als hinderlich, um zu erklären, was den „Iameco“ so grün macht: «Er hat nämlich viel mehr zu bieten als eine grüne Schale.»

30 Prozent weniger Treibhausgase, zu 70 Prozent recycelbar – der Holzcomputer bietet mehr als eine grüne Schale.

Wo andere Computer zum Beispiel einen surrenden Lüfter haben, der zusätzlich Strom verbraucht, um die Wärme des Rechners abzuführen, haben die „Iameco“-Modelle Kupferlochbleche mit blumenförmiger Aussparung auf der Unterseite. Zudem muss für die Lüfter konventioneller Computer normalerweise ein Stück der vorher aufwendig hergestellten Leiterplatte wieder ausgestanzt werden. Über Sparideen dieser Art freut sich der Öko-Entwickler. Denn an solche Details denkt in der IT-Industrie sonst niemand. Es braucht schon Tüftler wie Maher und Schischke, damit das eigentlich Naheliegende gemacht wird.

Maher hätte die Laptops nun in gewöhnliche Metall-Gehäuse stecken können. Doch um sie wirtschaftlich herstellen zu lassen, reichten die Stückzahlen nicht aus. Also fertigt ein lokaler Schreiner für jeden Computer ein elegantes Gehäuse aus Holzabfällen. Das passt ja auch viel besser.

Im Vergleich zu konventionellen Computern werden bei der Produktion des „Iameco D4R“ an die 30 Prozent Treibhausgase eingespart und 75 Prozent weniger Wasser verbraucht. Er lässt sich reparieren und zu 70 Prozent recyclen. ZeroWIN heißt die Initiative, die für den Nachschub an Ersatzteilen sorgt, wenn etwas kaputtgeht oder ausgetauscht werden soll. Auch die Rechenleistung lässt nichts zu wünschen übrig. «Den Laptop muss man vielleicht mal schleifen und polieren», sagt Schischke, «aber im Prinzip kann er ewig halten.»

Das sollte er auch, denn solange er noch nicht in Serie hergestellt wird, hat er seinen Preis: «Wenn Sie so einen Laptop einzeln bestellen», sagt Schischke, «kostet er etwa 7000 Euro». Eine Menge Holz, selbst für einen Traum.

Karsten Schischke, 42, hat Technischen Umweltschutz in Berlin studiert. Kurz vor Weihnachten ist er Vater geworden, was ihn nochmals bestärkt, nachhaltige Technik für künftige Generationen zu entwickeln. Am Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration denkt er über umweltfreundliche technische Systeme nach. MicroPro ist ein irisches Computerunternehmen mit Sitz in Dublin; mehr über dessen ökologische Produktpalette gibt es unter hier.

Nachhaltig auf dem Holzweg:

Trendige Armbanduhren
Das italienische Label WeWood fertigt die Gehäuse seiner Armbanduhren aus Abfallholz der Möbelproduktion. Sie sehen gut aus und sind auch angenehm zu tragen. Die Uhren gibt es in acht unterschiedlichen Hölzern, das Design ist je nach Wahl sportlich oder elegant. Sie kosten zwischen 90 und 120 Euro.

Ein Stück Wald im Büro
Im Erzgebirge werden aus Holz gewöhnlich Räuchermännchen und Weihnachtsengel gefertigt. Das deutsche Label Woody’s stellt dort in Gornau Zubehör für Apple-Computer und Tablets her, Tastaturen aus Massivhölzern wie Walnuss, Kirsche oder Ahorn. Das Holz stammt aus kontrolliertem Anbau, ist frei von giftigen Substanzen und mit Naturwachs veredelt.

Fair telefonieren
Großes Vorbild der Holzcomputer-Entwickler ist das erste fair produzierte Smartphone. Den niederländischen Entwicklern des Fairphone gelang es, bessere Produktionsbedingungen zu einem breit diskutierten Thema zu machen. Per Crowdfunding warben sie um Unterstützer für ihre Idee – mit Erfolg. Mittlerweile sind die Smartphones im Handel, zum Jahresende 2013 waren bereits 25.000 verkauft.


(NG, Heft 2 / 2014, Seite(n) 20 bis 21)

In unserer neuen Serie stellen wir kluge, nachhaltige Erfindungen vor. Den Anfang macht Anke Domaske, die ungenutzte Milch zu Kleidern verarbeitet. mehr...

  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus