Der erste Mensch

Autor: Jamie Shreeve  —  Bilder: Tim D. White

Seit fast sechs Millionen Jahren haben unsere Vorfahren die Gegend am Mittleren Awash in Äthiopien ununterbrochen besiedelt. Heute legt die Erosion ihre fossilen Knochen wieder frei. Die Funde belegen, wie sich primitive Primaten Schritt für Schritt zu den Herren des Planeten entwickelten. Nirgendwo kann man besser erforschen, wie wir zu Menschen wurden.

In der Afar-Wüste kann ein Mensch auf viele Arten ums Leben kommen: Durch Krankheit, Löwen oder den Biss einer Schlange. Er kann hier, im Zentrum Äthiopiens, von einem Felsvorsprung stürzen oder in eine Schießerei zwischen verfeindeten Clans geraten.

Aber das Leben in Afrika ist beinahe überall mehr gefährdet als anderswo auf der Welt. Auf­fällig an der Afar-Region ist aber, dass die Über­reste der Toten hier zuweilen erstaunlich lange überdauern. Millionen von Jahren. Dazu trägt eine geologische Besonderheit bei: Die Senke von Afar liegt unmittelbar über einem Riss der Erdkruste, der immer breiter wird. Vulkane , Erdbeben und die langsame Anhäufung von Sedimenten – Ablagerungen von Schutt und Staub – haben vor Urzeiten zusammengewirkt und viele Knochen begraben. Viel später faltete sich der Erdboden wieder hoch, und die Erosion legt nun die fossilierten Gebeine wieder frei. «Hin und wieder haben wir dann Glück und finden das, was von ihnen übrig geblieben ist», sagt der Paläoanthropologe Tim White von der Universität von Kalifornien in Berkeley.

White leitet zusammen mit seinen äthiopischen Kollegen Berhane Asfaw und Giday Wolde-Gabriel das Forschungsprojekt „Mittlerer Awash“. Der Name bezieht sich auf einen Abschnitt des Flusses Awash in der Afar-Region. Im Oktober 2009 hatten die Forscher eine Sensation publik gemacht – 15 Jahre nachdem sie dort, an einem Ort namens Aramis, rund 30 Kilometer nördlich des heutigen Yardi-Sees, das Skelett eines Frühmenschen gefunden hatten, der vor 4,4 Millionen Jahren gestorben war.

Die Tote war weiblich und gehört zur Spezies Ardipithecus ramidus. Deswegen wurde sie kurz „Ardi“ getauft. Die Überreste sind mehr als eine Million Jahre älter als das Skelett von „Lucy“, jener weltberühmten Frau der schon moderneren Gattung Australopithecus. Von „Ardi“ erhoffen sich die Forscher neue Aufschlüsse über eine Kernfrage der Evolution: Wie sah der Vorfahr aus, den wir Menschen mit dem Schimpansen gemeinsam haben?

Für den, der die Entwicklung vom Affen über frühe Menschenformen bis hin zu jener Art nachvollziehen will, die heute das Schicksal der Erde bestimmt, gibt es auf der ganzen Welt keinen besseren Ort als den Mittleren Awash. Neben der Fundstätte bei Aramis haben Bodenschichten aus 14 weiteren Zeitabschnitten Fossilien von Homininen freigegeben. (Das ist der biologische Sammelbegriff für die lebenden und ausgestorbenen Mitglieder der menschlichen Abstammungslinie.) Zusammen mit den Menschenaffen gehören die Homininen zur übergeordneten Gruppe der Hominiden. Viele dieser Fundstellen liegen hier geografisch so dicht beieinander, dass man die Geschichte der Evolution des Menschen innerhalb weniger Tage buchstäblich zu Fuß durchwandern kann. White lädt mich ein, sein Team zu begleiten, um das zu beweisen. Wir haben vor, am Yardi-See in der Jetztzeit zu beginnen und von dort immer tiefer in die Vergangenheit zu gehen. Dabei sollten wir Schritt für Schritt, Art für Art und Merkmal für Merkmal bei den Fossilien immer weniger von dem finden, was uns zu Menschen macht.

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(NG, Heft 8 / 2010, Seite(n) 36)

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Extras

Buch-Tipp: Die Evolution des Menschen
"Die Evolution des Menschen - Woher wir kommen, wohin wir gehen" rekonstruiert die Entwicklungsgeschichte anhand wegweisender Fundstücke und Forschungsergebnisse. Eine aufregende Reise zu unseren Wurzeln, die ergründet, warum unsere entfernten Verwandten ausstarben und wir nicht, und die den Blick für die Zukunft schärft. mehr...

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