Der Fall Menander

Autor: Angelika Franz  —  Bilder: Berthold Steinhilber

Der Fall könnte eigentlich als gelöst gelten. Es gibt 18 Leichen, und wir kennen den Täter. Sein Name: Vesuv. Die meisten Opfer tötete er an einem einzigen Tag im Jahr 79 n. Chr. mit heißer Asche, glühenden Gesteinsbrocken und bis zu 800 Grad heißen Luftströmen. Doch einige starben erst Wochen oder Monate später. Damit aber endet unser Wissen darüber, was in jenem Jahr in der Casa del Menandro, dem Haus des Menander, in Pompeji geschah.

Niemand hat das Unglück geahnt. Der 24. Oktober vor 1932 Jahren: In den Gassen der Stadt am Golf von Neapel herrscht wie immer ge­schäftiges Treiben. Im Hafen an der Sarnomündung laden Arbeiter Waren von den Fluss­kähnen aus dem Hinterland, aus Acerrae, Nola und Nuceria, auf die größeren Seeschiffe um. Die Becken mit Fischsoße, dem beliebten garum, dampfen in der Sonne. Ab und an hallen Ham­merschläge aus einer Villa: letzte Reparaturen der Schäden vom großen Erdbeben 17 Jahre zuvor. Alltag in einer wohlsituierten mittelgroßen Stadt zur Zeit des alten Rom. Nichts deutet auf ein Inferno hin.

Der Albtraum beginnt gegen 13 Uhr. Die Erde grollt. Doch kaum jemand hebt den Blick – an Erdbeben ist man gewöhnt. Wer trotzdem hinüberschaut zum Vesuv, der sieht eine Rauch­wolke. Plinius der Jüngere schreibt später in einem Brief an den Historiker Tacitus: «Eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Gestalt. (...) Sie sah ihrer ganzen Gestalt nach nicht an­ders aus als ein Baum, und zwar wie eine Pinie. Sie hob sich nämlich wie auf einem sehr hohen Stamm empor und teilte sich dann in mehrere Äste.» Erst als Asche, dann immer mehr glü­hende Gesteinsbrocken vom Himmel fallen, wird den Bewohnern Pompejis klar, dass sie fliehen müssen: in die Ferne – oder aber in die Häuser. Im Haus des Menander suchen 15 Men­schen Schutz.

Am darauffolgenden Tag hat Pompeji aufgehört zu existieren. Auch Herculaneum, Stabiae und Oplontis gibt es nicht mehr. Der Vulkan hat sie unter 3,3 Kubikkilometern Asche und Gestein begraben. Tausende Menschen sind tot.

Jens-Arne Dickmann forscht seit langem in Pompeji, ist mit einer Studie über das gehobene Wohnen in dieser römischen Provinzstadt pro­moviert worden. Jetzt steht der Archäologe von der Universität Heidelberg wieder zwischen den Ruinen. Sein Fall ist die Casa del Menandro, seine Fragen sind die eines Kriminalisten: Was trug sich vor fast 2000 Jahren in dem Stadthaus zu? Wer waren die Verschütteten? Was ist ihnen zugestoßen und wann? Überhaupt: Wie haben die Menschen hier eigentlich gelebt? Dickmann wendet sich mir zu. «Lange Zeit haben sich die Forscher vor allem für die kunstgeschichtlichen Aspekte archäologischer Funde interessiert», sagt der wissenschaftliche Berater der großen Pompeji-Ausstellung in Halle. «Heute sind wir bemüht, die spezifi­schen Lebensformen einer vergangenen Kultur zu rekonstruieren.» Der Fall „Haus des Menan­der“, dessen er sich für die Schau annahm, ist für ihn eine Art cold case: ein ungeklärter Kriminal­fall, für dessen Lösung er nun die Indizien neu bewertet.

In den Jahrhunderten nach dem verheeren­den Vulkanausbruch gerät Pompeji allmählich in Vergessenheit. Erst Anfang des 18. Jahrhun­derts findet man die Ruinen. Und Schätze: Mün­zen, Schmuck, Fresken. Die neapolitanischen Könige sind begeistert. Ohne Rücksicht lassen Karl III. und Ferdinand IV. graben und die Wertgegenstände bergen. Ein Graus für Johann Joachim Winckelmann aus Stendal, den For­scher und Begründer der Klassischen Archäo­logie. Sein Tadel bleibt ungehört.

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(NG, Heft 12 / 2011, Seite(n) 72 bis 96)


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