Der Fall Tutanchamun

Artikel vom 03.08.2010  —  Autor: Zahi Hawass  —  Bilder: Kenneth Garrett

Mumien beflügeln unsere Phantasie und berühren unser Herz. Auch sie waren einst Menschen, die lebten und liebten – so wie wir. Wir sollten diese Toten ehren und in Frieden ruhen lassen. Wäre da nicht die wissenschaftliche Neugier: Um die Mumien der Pharaonen gibt es Rätsel, die wir nur lösen können, wenn wir sie genau untersuchen. Computertomografien von Tutanchamun aus dem Jahr 2005 zeigen, dass er nicht durch einen Schlag auf den Kopf starb, wie viele bis dahin glaubten. Unserer Analyse zufolge entstand das Loch in seinem Hinterkopf bei der Mumifizierung. Die Untersuchung ergab auch, dass Tutanchamun mit nur 19 Jahren starb – vielleicht schon bald nachdem er sich das linke Bein gebrochen hatte. Jetzt haben wir seine Mumie noch präziser erforscht. Das Ergebnis: spektakuläre neue Erkenntnisse über sein Leben und seinen Tod.

Für mich ist die Geschichte von Tutanchamun wie ein Theaterstück, an dessen Ende noch geschrieben wird. Der erste Akt des Dramas beginnt um 1390 v. Chr., mehrere Jahrzehnte vor Tutanchamuns Geburt, als der große Pharao Amenophis III. den ägyptischen Thron besteigt. Dieser König der 18. Dynastie, dessen Reich sich über 1900 Kilometer vom Euphrat im Norden bis zum vierten Nilkatarakt im Süden erstreckt, ist unvorstellbar wohlhabend. Mit seiner Königin Teje regiert er 38 Jahre lang; er verehrt die Götter seiner Ahnen, vor allem Amun. Ägyptens ausländische Besitzungen bringen dem Reich Wohlstand und Prosperität.

Geht es im ersten Akt um Tradition und Stabilität, handelt der zweite Akt von Revolte. Als Amenophis III. stirbt, folgt ihm sein zweiter Sohn nach: Amenophis IV., ein exzentrischer Visionär, der sich von Amun und den anderen offiziellen Göttern abwendet und stattdessen eine einzige Gottheit anbetet – Aton, die Sonnenscheibe. Im fünften Jahr seiner Regentschaft ändert er seinen Namen in Echnaton („der Aton dient“). Er erhebt sich selbst in den Status einer lebenden Gottheit, gibt das traditionelle religiöse Zentrum in Theben auf und lässt 290 Kilometer nördlich – wo heute Amarna liegt – eine große Kultstadt erbauen. Hier lebt er mit seiner Hauptgemahlin, der schönen Nofretete. Gemeinsam dienen sie Aton als Hohepriester. Amun wird aus dem staatlichen Pantheon verbannt, Aton ist alleiniger Gott. Ein bahnbrechender neuer Naturalismus prägt die Kunst dieser Epoche: Der Pharao lässt sich nicht mit idealisierten Gesichtszügen und jugendlich-muskulösem Körper darstellen wie die Pharaonen vor ihm, sondern seltsam unmännlich mit Hängebauch, wulstigen Lippen und länglichem Gesicht.


DVD-Trailer: Reise in das Totenreich der Pharaonen
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(NG, Heft 9 / 2010)


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