Der Gepard: Gejagter Jäger

Autor: Roff Smith  —  Bilder: Frans Lanting
Gepard-Main

Die Spannung in der Menschenmenge steigt. Aufgeregte Hände justieren Ferngläser, Kameraobjektive fokussieren auf eine Akazie. Nicht weniger als elf Safaribusse sind hier im Serengeti-Nationalpark in Tansania auf engem Raum versammelt, unter Sonnenschutzplanen drängen sich die Touristen. Sie warten. Seit einer halben Stunde sitzt die Gepardenmutter „Etta“ mit ihren vier Jungen im Schatten und beobachtet eine Herde von Thomson-Gazellen auf einer nahe gelegenen Anhöhe. Plötzlich erhebt sich die Gepardin in geschmeidiger Grazie. Die Gazellen werden nervös.

Als sie losrennen, setzt „Etta“ zum Sprint an. Die schlanke Katze ist so schnell, dass man ihr mit den Augen kaum folgen kann. Wie ein Geschoss rast sie durch das kniehohe Gras. Sekunden später ist das Drama vorüber. „Etta“ hat eine junge Gazelle gerissen und schleift den warmen Körper zu ihren Jungen hinüber. Die kommen ihr hungrig entgegen – dichtauf gefolgt von den Safaribussen. Die Fahrer wetteifern um die besten Kamerapositionen für ihre Passagiere.

Menschen sind von Geparden fasziniert. Die schönen, exotischen Katzen, schnell wie ein Sportwagen, umgänglich und gelehrig, sind gefragte Medienstars, die Lieblinge von Filmemachern und Werbeagenturen auf der ganzen Welt: Von luxuriösen Modeaufnahmen bis zur exklusiven Autoreklame zieren Geparde zahllose schicke Fotomotive.

Einen Film vom Lauf des Gepard in Zeitlupe und ein Gespräch mit dem Direktor des Zoos von Cincinnati sehen Sie hier:


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Und weil man sie in unserer Alltagskultur so häufig sieht, glauben viele Menschen, um die Geparde müsse man sich keine Sorgen machen. Das stimmt aber nicht. Von allen Großkatzen sind sie am stärksten bedroht. Sie sind selten, und es werden immer weniger.

Die Letzten ihrer Art

Noch vor wenigen Jahrhunderten streiften Geparde durch die Savannen von Indien, an den Küsten des Roten Meeres und durch Afrika . Bis der Mensch immer mehr Raum beanspruchte. Heute ist der Asiatische Gepard – die Zierde der Königshöfe in Indien, Persien und Arabien – so gut wie ausgestorben. In Afrika ist die Anzahl der Geparde allein in den vergangenen hundert Jahren um 90 Prozent gesunken. Bauern und Hirten haben die Katzen vertrieben, Jäger haben sie zum Vergnügen abgeschossen, Wilderer fingen die Jungen für den lukrativen Handel mit exotischen Haustieren. In freier Wildbahn leben heute nur noch knapp 10.000 Geparde.

Die Überlebenden stehen inzwischen selbst in den afrikanischen Wildparks unter Druck. Sie sind scheuer als ihre Vettern, sind zarter gebaut, können als einzige Großkatzen nicht schaurig brüllen und werden von den Löwen, die sowohl körperlich als auch zahlenmäßig überlegen sind, an den Rand gedrängt. Im Serengeti-Nationalpark in Tansania und im benachbarten Naturschutzgebiet Masai Mara in Kenia leben mehr als 3.000 Löwen und schätzungsweise 1.000 Leoparden, aber nur 300 Geparde.

Auch die meisten Touristen wollen anfangs vor allem Löwen sehen. „Auf die Geparde achten die Leute erst auf ihrer zweiten Safari“, erzählt der Fremdenführer Eliyahu Eliyahu. „Doch das Problem ist, dass es dort, wo man große Löwenrudel hat, nie viele Geparde geben wird.“

Perfekte Sprinter

Dabei sind Geparde etwas besonderes. Unter allen Großkatzen gehören sie einer eigenen Gattung an, die nur eine Art umfasst: sie selbst. Der Gattungsname Acinonyx kommt von den griechischen Begriffen für „Dorn“ und „Klaue“. Er bezieht sich auf die eigenartigen, halb einziehbaren Krallen. Löwen und Leoparden können ihre Krallen – wie unsere Hauskatze – völlig einziehen. Ausgefahren dienen sie dazu, das Fleisch ihrer Opfer zu zerreißen oder auf Bäume zu klettern. Die Krallen der Geparde ähneln dagegen eher den Spikes an den Schuhen eines Rennläufers, und sie erfüllen eine ähnliche Funktion: Sie ermöglichen einen festen Stand und einen explosiven Sprint.

An einem Gepard ist alles auf Beschleunigung ausgelegt. Auf der Autobahn kämen ein Gepard und ein Lamborghini beide in weniger als drei Sekunden von null auf 100, aber der Sportwagen müsste dabei einen Rückstand aufholen, denn der Gepard beschleunigt schon mit den ersten Sätzen auf mehr als 70 Kilometer pro Stunde. Ihre biegsame Wirbelsäule und ihre langen Beine katapultieren die Großkatze dabei in Sprüngen von mehr als siebeneinhalb Meter Länge vorwärts. Ein Mensch, der das mit einem Sprung schafft, hat schon fast die Olympiaqualifikation in der Tasche. Ein Gepard macht vier solche Sätze innerhalb einer Sekunde!

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(NG, Heft 11 / 2012, Seite(n) 90 bis 111)

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