Der Killerberg

Autor: Neil Shea  —  Bilder: José Azel
Frage des Monats
Was ist die höchste je gemessene Windgeschwindigkeit auf dem Gipfel des Mount Washington?
1)
2)
3)

Mindestens ein Dutzend Bergwanderer verirren sich jedes Jahr in den White Mountains. Sie werden vom Sturm überrascht oder sind unzureichend ausgerüstet. Manche können auch gar nicht mit ihrer teuren neuen Ausrüstung umgehen. Immer mehr bringen statt Erfahrung oder Landkarten das Handy mit. Sie glauben, Rettung sei immer nur einen Tastendruck entfernt. "Sie gehen weiter, auch wenn es schlimm wird", sagt ein erfahrener Bergretter. Nicht weit von der Stelle, an der Jon und ich nun angehalten haben, hat sich vor 15 Jahren ein Drama abgespielt.

Im Januar 1994 erfror dort ein junger Bergwanderer. Er hieß Derek Tinkham, und als er starb, war er auf derselben Traverse wie wir, auf dem Weg zum selben Gipfel. Tinkham und sein Bergkamerad Jeremy Haas waren trotz schlechten Wetters und hereinbrechender Dunkelheit nicht umgekehrt. Die Temperatur sackte in den Keller, der Wind wurde stärker, Tinkhams Kräfte schwanden. Schließlich konnte er nicht mehr. Haas packte ihn, so gut es eben ging, in seinen Schlafsack. Dann ließ er ihn zurück, um Hilfe zu holen.

Der Wind wurde zum Orkan, Haas kam nur noch auf allen vieren voran. Bei minus 30 Grad wurden seine ungeschützten Hautpartien taub. Nach stundenlanger Quälerei erreichte er die Wetterstation auf dem Mount Washington. Die Mannschaft fand ihn. Er hatte schwere Erfrierungen, seine Hände schwollen zu schwarzen Stümpfen an. Aber er lebte.
Haas war der Erfahrenere der beiden, und viele sagten, er hätte es besser wissen, er hätte früher umkehren müssen, und später hätte er seinen Freund nicht allein zurücklassen dürfen. Ein Bergungsteam fand Tinkham am folgenden Tag, halb in seinem Schlafsack, sein Gesicht eine verzerrte Maske, die die Männer jahrelang nicht vergessen sollten.

Mount Washington

Bild: José Azel Vergrößern

Das Licht aus der Wetterstation und der Widerschein entfernter Städte erhellen die Januarnacht. Eine Eiskruste überdeckt Wege und Parkplätze. Im Sommer lockt der Weg viele Tourengeher an. Weniger sportliche Besucher erreichen ihn auch mit dem Auto.

Auf meinem Rucksack sitzend erinnere ich mich an die Tage nach Tinkhams Ende, als jeder, den ich kannte, nur ein Thema hatte: Wetter, Arroganz und Tod. Die Tragödie hatte Jon und mich nicht vom Bergsteigen abgehalten. Wir waren sicher, uns könnte so etwas nie passieren. Und nun sitzen wir hier. Vor uns ein Schneefeld, das mit einer Eiskruste bedeckt ist. Wir entscheiden uns für eine Route. Jon geht voraus. Nach wenigen Schritten versinkt er bis zur Hüfte im Schnee. Er versucht, sich aus dem Loch zu stemmen, behindert von seinem Rucksack. Er geht noch einen Schritt, versinkt wieder. Später übernehme ich die Führung: Schritt, einsinken, Schritt, einsinken. Es ist kräftezehrend.

Eine Stunde lang kämpfen wir uns von Loch zu Loch. Schließlich erreichen wir eine Felsplatte, auf der die Schneeschicht dünner wird. Aber jetzt setzt der Wind mit Macht ein. Jon ist ein Dutzend Meter vor mir, als er plötzlich stürzt. Er bleibt liegen, ein farbiger Klecks in all dem Weiß. Ist er verletzt? Jede Hilfe wäre Kilometer entfernt. Langsam stützt er sich auf seine Stöcke und rappelt sich wieder hoch.

Ich denke an Tinkham, während wir schweigend weitergehen – sprechen, das ist bei diesem Sturm nicht möglich. Immer wieder sinken wir ein, stürzen. In regelmäßigen Abständen überprüfe ich die Taubheit meiner Hände. Wo der Schnee locker und pulvrig ist, quietscht er unter unseren Steigeisen wie brechendes Styropor. Eis ist musikalischer. Klimpernd und klingelnd schwirren hochgeschleuderte Stücke, scharf wie die Scherben von Christbaumkugeln, in die Tiefe.

Jon gesteht mir später, dass er mich den ganzen Tag beobachtet hat. Ihm, dem Bergführer, sei keiner meiner Fehler entgangen. Ich habe seit Jahren keinen Berg mehr im Winter erstiegen, und man merkte es mir an. Aber er verliert kein Wort darüber, solange wir unterwegs sind. "Wie sagt man seinem Bruder, dass er etwas falsch macht?", fragt er. "Es war schließlich kein Wettkampf. Es war etwas, was wir gemeinsam zu bewältigen hatten."


(NG, Heft 12 / 2009)


Extras
  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus