Der Ruf des Tigers

Autor: Caroline Alexander  —  Bilder: Steve Winter

Ranthambore-Nationalpark, Indien

Der Morgen dämmert, noch hält sich der Nebel im Wald. Wir sehen vor uns nur ein paar Meter der unbefestigten Straße aus roter Erde. Wie aus dem Nichts erscheint in dem rotgolden leuchtenden Nebel eine Tigerin. Sie bleibt stehen, schubbert ihre rechte Wange an einem Baum neben der Straße. Dann überquert sie den Weg und tut dasselbe mit der linken Seite ihres Gesichts. Schließlich dreht sie sich um und betrachtet uns mit einem Blick unendlicher Gleichgültigkeit.

Doch dann reckt sie sich an dem Baum in die Höhe, krallt sich in die Rinde und zeigt uns ihr ganzes prachtvolles Profil, ihre herrliche, gold und schwarz gestreifte Flanke. Panthera tigris ist die größte aller Großkatzen. Und eines der schönsten Tiere überhaupt.

Tiger können – ohne Schwanz gemessen – mehr als zwei Meter lang werden und mehr als 200 Kilogramm wiegen. Ihre bis zu zehn Zentimeter langen Krallen ziehen sie wie eine Hauskatze ein, ihre Reißzähne zermalmen sogar Knochen. Tiger beschleunigen kurzfristig auf 55 Kilometer pro Stunde, ihre Sprungkraft ist unglaublich. Kürzlich wurde ein Tiger gefilmt, als er vom Boden aus dreieinhalb Meter hoch sprang, um einen Wildhüter auf dem Rücken eines Elefanten anzugreifen. Tiger können in der Nacht fabelhaft sehen, eine Membran in der Rückseite ihrer Augen reflektiert einfallendes Licht durch die Netzhaut. Das erklärt auch die im Dunkeln geisterhaft glühenden Augen. Das dumpfe Brüllen eines Tigers – Aaaaaaauuuuunnnn! – trägt mehr als eineinhalb Kilometer weit.

Bis zu dieser Begegnung im Nebel waren schon Wochen vergangen, in denen ich in Asien nach Tigern Ausschau gehalten hatte: in abgelegenen Wäldern, in tropischen Waldgebieten und – auf einer früheren Reise – in Mangrovensümpfen. Dennoch hatte ich noch nie eine der großen Katzen zu Gesicht bekommen. Zum Teil lag das sicher an der Fähigkeit dieser Tiere, sich wie ein Phantom zu bewegen. Ein Tiger ist so stark, dass er ein Beutetier töten und wegschleppen kann, das fünfmal so viel wiegt wie er selber. Und doch schleicht er im hohen Gras, im Wald und sogar im Wasser mit geradezu gespenstischer Lautlosigkeit. Von Menschen, die den Angriff eines Tigers miterlebt – und überlebt – haben, hört man immer wieder, das Raubtier sei «aus dem Nichts» gekommen.

Dass man sie so selten sieht, hat aber noch einen anderen Grund: Selbst in einem idealen Tigerrevier gibt es nur wenige Tiger. Solange ich zurückdenken kann, gilt diese Art als bedroht. Ihre Seltenheit ist inzwischen beinahe ebenso ein Merkmal wie ihr geflammtes Fell. Doch mit der Prognose, der Tiger werde auch weiterhin „selten“ oder „bedroht“ sein, werden wir uns nicht mehr lange selber belügen und beruhigen können. Die Tiger stehen in freier Wildbahn vor der Ausrottung. «Was wir jetzt beschließen, entscheidet über Leben oder Tod», sagt Tom Kaplan, einer der Mitbegründer der Organisation Panthera, die sich weltweit für den Erhalt der Großkatzen einsetzt.

Die Ursachen der Bedrohung sind bekannt: Die wachsende menschliche Bevölkerung zerstört die Lebensräume der Tiger, und dort, wo es sie noch gibt, werden sie aus Armut oder Profitgier gewildert – vor allem für den unersättlichen chinesischen Schwarzmarkt mit seiner Volksmedizin, die Potenz und Gesundheit durch Produkte aus dem Tigerkörper verspricht.

Weniger bekannt ist, dass der Artenschutz trotz vieler Millionen an Spendengeldern jahrzehntelang nur stümperhaft betrieben wurde. Offiziell sollen heute in 13 asiatischen Staaten insgesamt knapp 4000 Tiger in freier Wildbahn leben, nach Ansicht vieler Naturschützer sind es einige hundert weniger. Dabei wurde bereits 1969 weltweit Alarm geschlagen, und Anfang der achtziger Jahre streiften noch etwa 8000 Tiger frei durch die Wälder. Seitdem ist ihr Bestand um die Hälfte geschrumpft – trotz lautstark geäußerter Sorgen und internationaler Schutzkampagnen.

Entschlossen, einmal im Leben einen Tiger in seiner natürlichen Umgebung zu sehen, war ich nach Nordindien, in den Ranthambore-Nationalpark gekommen, eines von 40 Tiger-Schutzgebieten des Landes. Schon nach zehn Minuten wurde mein Wunsch erfüllt, in den vier Tagen meiner Exkursion brachte ich es auf neun Sichtungen. Das schöne Tier, dem ich am ersten Tag im Nebel begegnet war, eine dreijährige Tigerin, ich sah sie noch ein zweites Mal. Keine Rolle spielte dabei für mich, dass ich in den meisten Fällen eine Beobachterin unter vielen war, die aus einer langen Autoschlange spähten. Tiger in der Natur zu sehen ist heute vor allem ein touristisches Ereignis. In Ranthambore stieg ich im Morgengrauen in einen Jeep. In dem warteten ein Wildhüter, ein Fremdenführer und – am wichtigsten in diesem umkämpften Geschäft – ein erfahrener Fahrer, der sich stets rücksichtslos an die Spitze des Autokonvois setzte und mir so zu jener ersten Begegnung verhalf.

Die Hälfte aller wilden Tiger weltweit lebt in Indien. Die jüngste Zählung aus dem Jahr 2010 kam auf 1909 Tiere – 400 mehr als bei der vorherigen Schätzung. Das hört sich gut an, spiegelt nach Ansicht der meisten Fachleute allerdings weniger ein Wachstum der Population wider als verbesserte Methoden, um den Bestand zu zählen und hochzurechnen.

41 dieser Tiger leben in Ranthambore. Mein Wildführer, Raghuvir Singh Shekhavat, macht mich bei einem Ausflug im Geländewagen mit der Artenvielfalt im Park vertraut: Besonders markant sind die Languren aus der Gruppe der Schlankaffen, die Axishirsche, Wildschweine, Zwergohreulen, Eisvögel und Edelsittiche. Dann verschafft er mir eine Ahnung von der Arbeit der Tigerschützer.

Auf einer Lichtung hält er den Jeep neben einem Leinwandzelt an. «Möchten Sie sehen, wie die Parkaufseher hier hausen?», fragt er und hebt die Klappe am Zelteingang hoch. Dahinter stehen drei schmale Feldbetten. «Das ist die Küche», sagt er und deutet auf einen Stapel Konserven und Schüsseln. «Von dreißig Berufsjahren verbringt man mindestens fünf in so einem Zelt.» Die Wildhüter sind jeden Tag am frühen Morgen bis zu 15 Kilometer zu Fuß unterwegs. Wenn sie Prankenspuren sehen, machen sie davon Abgüsse aus Gips.

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(NG, Heft 12 / 2011, Seite(n) 98 bis 123)


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