Der Schreikranich: Amerikas größter Vogel

Autor: Jennifer S. Holland  —  Bilder: Klaus Nigge

Ein kleines rotes Flugzeug fliegt in schwindelerregenden Kreisen dicht über den Baumwipfeln der Wälder und Moore im Nationalpark Wood Buffalo in Kanada. Als Pilot Jim Bredy seine Maschine erneut in die Kurve legt, halten seine beiden Passagiere Ausschau nach weißen Flecken am Boden: nach erwachsenen Schreikranichen und deren noch rostbraunen Jungen. Diese Wildnis hier ist die Sommerheimat des letzten frei lebenden ziehenden Schwarms der am stärksten gefährdeten Kranichart der Welt.

Der Flug dient dazu, den aktuellen Bestand zu zählen. Neben Bredy tun das Tom Stehn von der amerikanischen Naturschutzbehörde Fish and Wildlife Service (FWS) sowie Lea Craig-Moore vom kanadischen Wildlife Service (CWS). Alle drei sind besorgt. Im Frühjahr 2008 war diese Population 266 Vögel groß gewesen. Nun, ein Jahr später, sind es 57 Tiere weniger. Allein im Überwinterungsgebiet im Süden von Texas sind 23 wohl verhungert. Eine Dürre hatte Blaukrabben und eine Pflanze namens Bocksdorn dezimiert. Deren Beeren sind neben den Krabben die Hauptnahrungsquelle der Vögel. Viele kamen vermutlich unterwegs um, nach Kollisionen mit Überlandleitungen.

Trotzdem geht es den Whoopers – den Schreihälsen – längst nicht so schlecht wie früher. Auch dank Ernie Kuyt. Der Biologe vom CWS startete vor 42 Jahren eine Rettungsaktion für den größten Vogel Nordamerikas, der vom Scheitel bis zu den Zehen anderthalb Meter misst. Kuyt ließ sich damals von einem Hubschrauber in der sumpfigen Landschaft absetzen – einem Gebiet mit Seggen und Teichen, durchsetzt mit Bauminseln aus Schwarzfichten und Weiden. Der Biologe stapfte durch einen Morast, der ihm leicht die Entschlossenheit hätte rauben können. Schließlich erspähte er im Zentrum eines flachen Tümpels ein gewaltiges Nest. Darin ein Paar fleckiger, birnengroßer Eier. Seinen Sammelbehälter hatte Kuyt im Hubschrauber vergessen. Daher steckte er ein Ei behutsam in eine Wollsocke. An diesem zerbrechlichen Schatz hing möglicherweise das Schicksal der gesamten Art. Er brachte das Ei heil nach Hause – und setzte damit einen Markstein in den Bemühungen um die Rettung der Schreikraniche. Mit diesem Ei begann ein Aufzuchtprogramm, das bis heute unverzichtbar ist, wenn die Spezies überleben soll.

Seite 1 von 2

(NG, Heft 6 / 2010)

Von meinem Hochsitz überblicke ich ein Feuchtgebiet im Herzen von Wisconsin. In der Ferne sehe ich einen langbeinigen Vogel. Wie ein helles Fragezeichen hebt er sich vom smaragdgrünen Gras ab. Dann kommt ein zweiter aus dem schützenden Schilf. Es sind Einjährige, anderthalb Meter groß, mit schneeweißem Gefieder und eleganten schwarzen Flügelspitzen. mehr...

Extras

Bildband-Tipp: Das grosse Wunder der Tierwanderungen
Millionen Tiere, Tausende von Kilometern, Hunderte von Geschichten - dieser packende Bildband veranschaulicht die großen Tierwanderungen, die jedes Jahr auf der Erde stattfinden. Was veranlasst die Tiere, loszuziehen? Welche unsichtbare Macht führt sie ans Ziel? Dieses Buch gibt erstaunliche Antworten. mehr...

Buch-Tipp: Enzyklopädie der Tiere
Von der Evolutionsgeschichte unserer Fauna bis zu den kuriosesten Spielarten der Natur: In unserer Enzyklopädie der Tiere werden neueste wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich aufbereitet. mehr...

  • Artikel bookmarken
  • Firefox
  • IE
  • del.icio.us
  • Mister Wong
  • Yahoo MyWeb
  • Google
Userkommentare

DISQUS ist ein Angebot von disqus.com und unabhängig von nationalgeographic.de - siehe insoweit die Hinweise zum Datenschutz der DISQUS-Kommentarfunktion

blog comments powered by Disqus