Sanft gewellt erhebt sich der Mount Washington über den Wäldern von New Hampshire – weit hinter den Dörfern mit Backsteinhäusern, leer stehenden Fabriken und kalten Großstädten. Aber eigentlich doch nicht allzu weit entfernt. Gerade noch in Reichweite. Im Sommer kann man schnell mal hinauffahren. An einem klaren Tag sieht man vom Gipfel aus womöglich das eigene Haus und am Horizont den Atlantik. Der Berg steht doch fast bei uns im Hinterhof, sagen die Menschen. Wie gefährlich kann er schon sein?
Sehr gefährlich! Zwar ist er, verglichen mit den Riesen der Rocky Mountains, nur ein größerer Hügel. Aber er liegt am Treffpunkt dreier Sturmbahnen, auf denen der Wind Richtung Meer rast. Etwas über 1900 Meter hoch, ist der Mount Washington das größte Hindernis auf diesem Weg. Und so wie ein Felsblock aus einem ruhigen Fluss eine tosende Stromschnelle machen kann, so wirkt der Berg im Winter auf die ihn überfließenden Luftströme.
Bild: José Azel Vergrößern
Das Licht aus der Wetterstation und der Widerschein entfernter Städte erhellen die Januarnacht. Eine Eiskruste überdeckt Wege und Parkplätze. Im Sommer lockt der Weg viele Tourengeher an. Weniger sportliche Besucher erreichen ihn auch mit dem Auto.
Im Sommer ahnt man nichts davon. Millionen Menschen schwärmen in die White Mountains, wenn das Wetter gut ist – für Neuengland-Verhältnisse. Etwas Regen, gut. Gelegentlich Hagel. Dann strömen Ausflügler die steilen Flanken empor. Andere nutzen eine Zahnradbahn oder fahren mit dem Auto die zwölf Kilometer lange Serpentinenstraße hinauf. Der Parkplatz auf dem Gipfel des Mount Washington steht oft voller Motorräder, es gibt einen Imbiss, ein Museum, eine Aussichtsterrasse.
Wenn es Winter wird, bleiben die Besucher fern. Denn dann zeigt sich der Mount Washington von einer anderen Seite. Über ihm tobt ein Wetter, wie man es sonst selten findet. "Stop", warnen Schilder an den Wegen zum Gipfel: "Im Gebiet vor Ihnen herrschen die schlimmsten Wetterbedingungen in den USA. Schon viele Wanderer sind hier an Erschöpfung gestorben, auch im Sommer. Bei schlechtem Wetter jetzt umkehren." Die Temperatur kann auf unter minus 30 Grad absinken, der Sturm kreischt über den Fels. 1934 wurde hier die höchste je gemessene Windgeschwindigkeit am Boden verzeichnet: 372 Stundenkilometer. Nur wenige Meteorologen harren jetzt noch auf dem Gipfel aus, verschanzt im Betonbau der Wetterwarte.
Es ist diese Kombination aus üblen Stürmen und leichter Erreichbarkeit, die den Mount Washington zu einem der gefährlichsten Gipfel des amerikanischen Kontinents macht. Im Wetterbericht im Fernsehen spielt er regelmäßig die Hauptrolle. Er ist immer für ein Gespräch im Café gut. Er ist ein Killer.
Natürlich fühlen sich manche gerade deshalb von ihm besonders angezogen.
Mein Bruder Jon ist Berufsbergsteiger im Westen der USA, ein Bergführer auf vergletscherten Gipfeln, wo die Luft so dünn ist, dass sie für manche Menschen tödlich sein kann. Aber an diesem Morgen Ende Januar sind wir unterwegs zu dem Berg, der uns das Klettern gelehrt hat. Wir hatten uns lange nicht mehr gesehen. Zuletzt, vor über einem Jahr, war ein alter Bruderzwist wieder entbrannt, und wir hätten uns fast geprügelt. Jetzt wollten wir ein paar Tage gemeinsam wandern und den Mount Washington besteigen.
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Der Meterologe Mike Finnegan bekämpft Eis mit Eisen und schlägt gefrorenen Nebel von einer Instrumentenhalterung. Da das Eis bei manchen Stürmen blitzschnell entsteht, müssen die Männer auch bei solch harten Wetterbedingungen rund um die Uhr zum Enteisen ins Freie.
Für uns beide war dieser Gipfel immer der Mount Everest der Ostküste – eine gefährliche, eine unwiderstehliche Herausforderung. Ich hatte hier zusammen mit meinen drei Brüdern das Einmaleins des Bergsteigens gelernt. Wir konkurrierten miteinander, wagten Aufstiege bei aberwitzigen Wetterbedingungen und versuchten, uns gegenseitig auszustechen. Wie es unter Brüdern so vorkommt. Ich bin der Älteste von uns vieren, und als Teenager begann ich, im Winter allein in die Berge zu gehen. Jon, der Jüngste, lag mir jedes Mal in den Ohren, ihn mitzunehmen. Ich aber wollte keine Zugeständnisse machen. Schon damals fing es an: Wir waren eher Rivalen als Freunde.
Als wir den Berg vor 15 Jahren zum ersten Mal gemeinsam bestiegen, war Jon zwölf. Es war ein perfekter Januartag. Auf dem Gipfel schossen wir ein paar Fotos. Mir war nicht aufgefallen, dass mein Bruder nicht genug gegessen hatte. Er war nicht mehr in bester Verfassung, aber er war zu stur oder zu durchgefroren, um etwas zu sagen. Dann zogen während unseres Abstiegs Wolken und Nebel auf, alles versank in grauweißer Suppe. Fast eine Stunde lang irrten wir auf einem eisbedeckten Grat umher. Wir stolperten bis an den Rand einer Schlucht und hatten Glück, dass wir nicht abrutschten. Wir orientierten uns an der Kante und fanden schließlich, eher zufällig, zum Weg zurück.
Ich weiß noch, dass ich die Tour damals als ein Abenteuer mit glücklichem Ende sah, von dem wir lange zehren und spannende Geschichten erzählen würden. Für Jon dagegen war es der Anfang, ein Kick, die Weichenstellung in seinen späteren Beruf. Wenn wir heute zurückblicken, können wir nur den Kopf darüber schütteln, was wir alles falsch gemacht hatten.
Vor allem hätten wir mehr miteinander reden müssen. Und früher umkehren. Ich war der Erfahrenere; die Fehler lagen fast alle bei mir.
Nach dem College hatte ich ein Jahr lang am Fuß des Mount Washington die Leute im Schneeschuhlaufen, Skifahren und Campen unterrichtet. Irgendwann aber wandte ich mich anderen Dingen zu. Jon dagegen erlag dem Lockruf der Berge: Seine Gipfel wurden höher, die Routen anspruchsvoller. Heute führt er professionell Bergsteiger in den Rockies, in Alaska und Nepal. Als ich den Auftrag annahm, über den Mount Washington zu schreiben, bat ich ihn also, mich zu begleiten. "Prima", war seine Antwort. "Das wird so ähnlich, als würde man an den Schauplatz einer früheren Untat zurückkehren."
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