Die der Kälte trotzen

Autor: Michael Finkel  —  Bilder: Fritz Hoffmann

Als Jesper Olsen stürzt, ist es finster. Und kalt. Im Winter sieht man im Norden Grönlands drei Monate lang keinen einzigen Sonnenstrahl. Die Durchschnittstemperatur liegt bei 30 Grad unter null. Der Wind ist brutal. Jesper ist gut ausgerüstet. Er hat sich auf die wilden Hunde eingestellt, auf das zerklüftete Gelände, auf die schmalen Langlaufskier. Sogar auf einen möglichen Sturz. Doch als er die steile der Scheide an seinem Gürtel – und dringt tief in seinen rechten Oberschenkel.

Eben hat Jesper noch versucht, den schweren Schlitten hinter den 13 Hunden zu steuern, jetzt liegt er auf dem Eis. Seine Skihose ist zerrissen, Blut läuft an seinem Bein herunter. Und das alles 800 Kilometer nördlich des Polarkreises, in einer der einsamsten, lebensfeindlichsten Regionen der Erde . Sein Partner Rasmus Jørgensen hat von dem Unfall nichts mitbekommen. Er ist ein wenig vorausgefahren, seine Stirnlampe schneidet einen hellen Keil in die Dunkelheit zwischen den Gipfeln und der vagen Küstenlinie.

Jesper wollte Grönland erkunden, seit er als Feldwebel der Kongelige Livgarde die Soldaten vor drei Palästen der dänischen Königin befehligte. Das war vor sechs Jahren. Zur Paradeuniform des damals 23-Jährigen gehörten eine riesige Bärenfellmütze und eine Jacke mit blin­kenden Messingknöpfen.

Jesper hat hellblaue Augen, dunkelblonde Haare und den Körper eines Athleten. Wach­posten zu kontrollieren, war nicht gerade sein Lebenstraum. Er suchte das Abenteuer. «Ich fordere mich gern», sagt er. 2008 verließ er die königliche Wache und ging zur Kopenhagener Polizei. Erst jetzt hatte er den Mut, sich bei Sirius zu bewerben: einer militärischen Spezialeinheit, die in Dänemark dafür bekannt ist, ihre Leute an ihre körperlichen und mentalen Grenzen zu bringen.

Grönland ist seit 1721 dänisches Protektorat. Seit 60 Jahren gehört es zu den Aufgaben von Sirius, die Insel zu überwachen. Min­destens einmal alle fünf Jahre fährt das zwölfköpfige Team so gut wie jeden Zentimeter der wilden, 14000 Kilome­ter langen Küstenlinie ab. Damit unter­streichen die Sirius-Männer entspre­chend internationaler Gepflogenheiten den Hoheitsanspruch Dänemarks.

Sirius ist die einzige militärische Hundeschlittenpatrouille der Welt. Die Soldaten sind schlecht bezahlt, und es gibt keinen Urlaub. Der Auftrag besteht vor allem darin, mit einem Partner und den Hunden 26 Monate lang unterwegs zu sein und dabei mehr als 8000 Kilometer zurückzulegen. Verletzungen sind alltäglich, genau wie Hunger, Er­schöpfung und Erfrierungen. Die Teams werden von Eisbären belauert. Familie und Freunde sind weit weg. Nicht einmal einen Baum bekommen die Männer zu Gesicht.

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(NG, Heft 1 / 2012, Seite(n) 72 bis 85)


Extras

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