Die Elfenbein-Connection

Autor: Bryan Christy  —  Bilder: Brent Stirton

Im Januar 2012 stürmten etwa hundert Wilderer aus dem Tschad auf Pferden in den Nationalpark Bouba Ndjida in Kamerun und schlachteten mehr als 300 Elefanten brutal ab.

Ganze Herden auf einmal. Es war eines der schlimmsten Massaker, seit 1989 das globale Handelsverbot für Elfenbein in Kraft trat. Bewaffnet mit Kalaschnikows und Panzerfäusten, töteten die Männer die Elefanten mit militärischer Präzision. Man kann erkennen, welche Tiere flüchteten, welche Mütter versuchten, ihre Jungen zu schützen, wie eine völlig verschreckte Herde gemeinsam ihr Leben lassen musste. Es sind die vorerst letzten von Zehntausenden Elefanten, die wegen ihrer Stoßzähne jedes Jahr in Afrika getötet werden.

Doch wer handelt mit dem begehrten Elfenbein? Wer kauft es? Ein NATIONAL GEOGRAPHIC-Reporter begab sich auf die Spuren einer weltweit agierenden Connection, die eines auszeichnet: der Glaube an eine höhere Macht. Erste Station dieser Recherche: die Philippinen.

Monsignore liebt Elfenbein

In einer überfüllten Kirche leitet Cristobal Garcia, einer der bekanntesten Elfenbeinsammler der Philippinen, ein ungewöhnliches Ritual. Es ehrt die wichtigste religiöse Ikone des Landes, das Santo Niño de Cebu („Heiliges Kind von Cebu“). Die Zeremonie, die der Monsignore jedes Jahr auf der Insel Cebu abhält, heißt „Hubo“, nach einem Cebuano-Wort für „ausziehen“. Mehrere Messdiener entkleiden gemeinsam eine Holzstatuette des königlich gewandeten Jesukindes: die Nachbildung einer Heiligenfigur, die nach Überzeugung der Gläubigen 1521 vom Seefahrer Magellan auf die Insel gebracht wurde. Sie nehmen ihr die kleine Krone ab, ziehen die Stiefelchen aus, den Umhang und die Unterwäsche. Dann nimmt der Monsignore die Figur, während die Messdiener sie züchtig mit einem kleinen weißen Tuch verdecken, und taucht sie in mehrere Fässer mit Wasser. So produziert er das Weihwasser für seine Kirche.

Ich dränge mich durch die Menge nach vorn, um die Kommunion zu empfangen.

«Der Leib Christi», sagt Garcia.

«Amen», erwidere ich und öffne den Mund.

Garcia ist ein korpulenter Mann mit Knieproblemen und Silberblick. Mitte der achtziger Jahre soll er während seiner Amtszeit als Priester in der St.-Dominic-Kirche in Los Angeles, Kalifornien, einen jungen Messdiener sexuell missbraucht haben, woraufhin er angeklagt und entlassen wurde. Zurück auf den Philippinen, wurde er zum Monsignore befördert und zum Vorsitzenden der Erzbischöflichen Kommission für Religionsausübung ernannt. So stieg er zum Protokollchef der größten römisch-katholischen Erzdiözese des Landes auf – einer Gemeinde von fast vier Millionen Menschen, in einem Land mit 75 Millionen Gläubigen, der drittgrößten katholischen Bevölkerung der Welt.

Manche Filipinos glauben, Santo Niño sei Christus selbst. Im 16. Jahrhundert erklärten die Spanier, die Figur besitze Wunderkräfte, und benutzten sie, um das Land zu bekehren. Der gesamte philippinische Katholizismus fußt letztlich auf dieser einen hölzernen Statuette, die heute hinter Panzerglas in Cebus Basilica Minore del Santo Niño steht. Nahezu jeder Filipino besitzt ein Santo Niño. Viele glauben, dass das Maß späterer Gnade davon abhängt, was sie in ihre Ikone investieren. Für manche Gläubige ist daher eine Figur aus Fiberglas oder Holz nicht genug. Für sie muss es Elfenbein sein. Monsignore Garcia ist einer von ihnen.

Nach dem Gottesdienst erzähle ich Garcia, dass ich von NATIONAL GEOGRAPHIC komme, und wir verabreden uns, um über das Santo Niño zu sprechen. Das Ziel meines Treffens: Ich möchte verstehen, wie der Elfenbeinhandel in diesem Land funktioniert. Und Hinweise darauf erhalten, wer hinter den 4,9 Tonnen illegalen Elfenbeins steckt, die Zollbeamte 2009 allein in Manila beschlagnahmten. Informationen auch über die sieben Tonnen, die dort 2005 konfisziert wurden. Und über die für die Philippinen bestimmten 5,5 Tonnen, die 2006 in Taiwan sichergestellt wurden.

Ausgehend von durchschnittlich zehn Kilo Elfenbein pro Tier entsprechen diese Beschlag- nahmen etwa 1745 getöteten Elefanten.

Das Vorzimmer zu Garcias Büro ist ein Miniaturmuseum, dominiert von großen religiösen Figuren in Glasvitrinen. Es gibt eine elfenbeinerne „Jungfrau Maria vom Rosenkranz“, die einen Jesus aus Elfenbein auf dem Arm hält. Zudem eine fast lebensgroße „Mutter des guten Hirten“, die neben einem Jesus aus Elfenbein sitzt. Neben Garcias Schreibtisch hängt ein Elfenbein-Christus am Kreuz.

Laut der „Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora“ (CITES), der Organisation, die 1989 das Handelsverbot für Elfenbein verabschiedete und die Regeln für den internationalen Handel mit Wildtieren und -pflanzen festlegt, sind die Philippinen nur ein Durchgangsland für Elfenbein, das nach China geht. Doch CITES verfügt nur über beschränkte Ressourcen: Bis zum vergangenen Jahr hatte die Organisation lediglich einen einzigen Vollzugsbeamten, zuständig für die Überwachung von mehr als 30.000 Tier- und Pflanzenarten. Und es gibt durchaus andere Einschätzungen: So sagte Jose Yuchongco, Chef der philippinischen Zollfahnder, 2009 einer Zeitung in Manila: «Die Philippinen sind ein beliebtes Ziel für geschmuggelte Elefantenstoßzähne. Vielleicht weil die philippinischen Katholiken diese Heiligenfiguren aus Elfenbein so besonders schätzen.» Auf Cebu ist die Verbindung zwischen Elfenbein und Kirche so stark, dass das Wort für Elfenbein, garing, eine zweite Bedeutung hat: „religiöse Statue“.


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(NG, Heft 10 / 2012, Seite(n) 86 bis 113)

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