Die Geburt der Zivilisation

Autor: Charles C. Mann  —  Bilder: Vincent J. Musi

In der Südtürkei kann man zur Wiege der Zivilisation reisen. In weißen, klimatisierten Bussen geht es über holprige Serpentinen bis zu einem steinernen Tor. Die Touristen – meist Türken, manchmal auch Westeuropäer – fingern an ihren MP3-Spielern und Was­serflaschen und scheren sich wenig um die An­weisungen und Erklärungen der Reiseleiter. Ihr Ziel ist der Gipfel des Hügels. Oben auf dem Göbekli Tepe angekommen, stehen sie plötzlich da wie Comicfiguren, die Münder zu einer Reihe staunender O geöffnet. Wie gebannt schauen sie auf Dutzende riesi­ger Steinpfeiler, in mehreren Ringen angeordnet, einer gegen den anderen gelehnt. Die Stätte erinnert ein wenig an Stonehenge. Doch die Anlage auf dem Göbekli Tepe wurde viel früher erbaut. Und sie besteht nicht etwa aus grob behauenen Steinblöcken wie der Kultort in Südengland, sondern aus sorgfältig bearbeiteten Kalksteinpfeilern. Sie sind reich mit Tierfiguren verziert: mit Gazellen, Schlangen, Füchsen, Skorpionen und furchterregenden Kei­lern. Errichtet wurde das Ensemble vor etwa 11600 Jahren, 7000 Jahre vor Stonehenge und dem Bau der Pyramiden von Giseh.

Auf dem Göbekli Tepe steht die älteste be­kannte Tempelanlage der Welt – ja, die älteste bekannte monumentale Architektur überhaupt. Das erste Bauwerk, das größer und komplexer als eine Hütte war. Als diese Pfeiler aufgerichtet wurden, gab es, so weit wir wissen, nichts ver­gleichbar Großes auf der Welt. Nach einem Moment verblüfften Schweigens zücken die Touristen auf dem mythischen Hügel ihre Kameras und Handys. Vor elf Jahrtausen­den hatte natürlich niemand solche Geräte. Den­noch haben sich die Dinge weniger geändert, als man annehmen könnte. Große religiöse Zentren waren schon immer Wallfahrtsziele für spiritu­elle Reisende, die oft lange Strecken zurücklegen, um Einzigartiges zu schauen, um berührt oder geheilt zu werden. Der Göbekli Tepe könnte die erste dieser Pil­gerstätten gewesen sein.

Für die hier arbeitenden Archäologen ist der Fall ziemlich klar: Der menschliche Sinn für das Heilige und nicht zuletzt auch unsere Vor­liebe für grandiose Inszenierungen schufen die Grundlage für die Zivilisation. Zu der Zeit, als der Göbekli Tepe entstand, lebten die meisten Menschen in kleinen noma­dischen Gruppen, die Wildpflanzen suchten und Tiere jagten. Doch um so eine Tempelanlage zu errichten, mussten mehr Leute an einem Ort zusammenkommen als vermutlich jemals zuvor. Und, noch überraschender: Diese Men­schen schafften es, bis zu 16 Tonnen schwere Felsblöcke zu brechen, zu bearbeiten und einige hundert Meter weit zu transportieren – dabei verfügten sie weder über das Rad noch über Lasttiere. Die Pilger, die zum Göbekli Tepe ka­men, kannten auch noch keine Schrift, kein Metall, keine Keramik. Wer sich diesem Tem­pelbezirk näherte, auf den müssen die Pfeiler wie mächtige Riesen gewirkt haben. Und die im Feuerschein zitternden Tierfiguren wie Boten aus einer Geisterwelt – die sich der Mensch wohl erst vorzustellen begann.

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(NG, Heft 06 / 2011, Seite(n) 38)
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