Die Karawane zieht weiter

Autor: John Lancaster  —  Bilder: Steve McCurry
Frage des Monats
Was waren die Lohar, Indiens heutige Nomaden, ursprünglich?
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Wann die Nomaden weiterziehen wollen? Die Antwort auf meine Frage ist immer dieselbe: morgen. Irgendwann ist es so weit. Als ich ins Lager komme, beladen sie gerade ihre Wagen. Schließlich setzt sich die Karawane auf ein unausgesprochenes Signal hin in Bewegung, eisenbeschlagene Räder rattern übers Pflaster. Entgegenkommende Fahrzeuge – meist Motorräder oder klapprige Dieselautos, die jugards – machen Platz, als die Lohar die schmale Straße entlangziehen, vorbei an Feldern mit wogendem Winterweizen.

Es fällt schwer, sich dem Zauber dieses Anblicks zu entziehen. Dies ist schließlich ein verlorener Stamm auf Wanderschaft. Wenn man die stotternden, in Indien gebauten Hondas und die orange-weißen Mobilfunkmasten ausblendet, sind die Lohar wieder jene stolzen Kunsthandwerker der Rajputen, die vor beinahe einem halben Jahrtausend aus Chittaurgarh geflohen sind. Was würden diese Zeitreisenden aus dem Mittelalter einbüßen, wenn sie ihre Wanderungen sein ließen und sich in die Gesellschaft eingliederten? Was ihre Kultur und ihre Traditionen angeht, wahrscheinlich alles.

Das scheint ein hoher Preis zu sein. Alle Lohar, die ich treffe, stehen zu ihrer nomadischen Herkunft. Dennoch stellen die meisten klar, dass sie nur deshalb aus ihren Wagen heraus leben, weil sie keine andere Wahl haben. „Ich werde der glücklichste Mensch der Welt sein, wenn ich ein Stückchen Land und ein Haus bekomme“, erklärt Lallu mir eines Abends. Auch Kanya sehnt sich nach diesen Bequemlichkeiten, die sie nie kennengelernt hat.
Solche Sehnsüchte sind leicht zu verstehen. Selbst in dieser ländlichen Ecke Rajasthans zeigen sich die Spuren von Indiens raschem wirtschaftlichen Wandel: an den Handys, die viele Kunden der Lohar (allerdings nicht die Lohar selber) bei sich tragen, sowie an den Satellitenschüsseln, die auf den größeren Bauernhäusern prangen. Verständlich, dass die Lohar an diesem neuen Wohlstand teilhaben wollen.

Zudem haben sie nun ein Bewusstsein dafür. Wie andere nomadische Gruppen in Nordrajasthan wurden auch die Lohar von Landrechtsaktivisten ermutigt, bei der Regierung Boden und Wohnung zu beantragen. Sie bekämen damit nicht nur eine Adresse, sondern würden auch die indische Bürokratie zufriedenstellen: Ohne festen Wohnsitz ist der Zugang zu Sozialleistungen und kostenloser Gesundheitsversorgung schwierig. Doch bisher waren ihre Bemühungen vergebens. In einer Stadt, in der die Lohar einen Antrag stellten, sagen die Beamten, sie hätten kein Land zu verteilen. Aber selbst wenn sie welches hätten, bezweifelten sie, dass die Lohar es annehmen würden. „Die wollen gar nicht sesshaft werden“, sagt ein Beamter. „Die wollen auf der Straße leben.“


(NG, Heft 3 / 2010)


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