Die Nibelungen

Artikel vom 01.12.2004  —  Autor: Emanuel Eckardt  —  Bilder: Gerd Ludwig

Der Schatz der Nibelungen wird gut verwahrt. Ich telefoniere mit dem Drachen, der ihn bewacht. "Darf ich ihn sehen?" - "Nein." - "Nur einen Blick in den Raum werfen, wo er liegt?" - "Nein." - "Nicht mal die Tür, hinter der er verborgen ist?" - "Auch das nicht!" Ich habe ihn dann doch ansehen dürfen. Den Drachen habe ich allerdings nicht getroffen, sondern eine junge Frau, deren Klugheit von Troubadouren des Geistes weithin gerühmt wird: die Herrin über einen Schatz, den sie mit großer Umsicht hütet und erforscht.

Ute Obhof, Leiterin der Handschriftenabteilung der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe, holt ihn aus einer geheimen Kammer. Wie und wo diese Kostbarkeit verwahrt wird, darf und will sie nicht sagen. Er ist mindestens zehn Millionen Euro wert.

Darstellungen des Niebelungenlied

Bild: AKG-Images Vergrößern

Ein großer Moment. Vor mir liegt ein unscheinbares Buch, in braunes Schweinsleder gebunden: die Handschrift C, ältestes und schönstes Exemplar des Nibelungenlieds, eines der wichtigsten deutschen Kulturgüter. Ute Obhof blättert mit vorsichtiger Hand. Die Seiten sind in gotischer Schrift akkurat beschrieben. Keine Bilder, keine Verzierungen. Der Mann, der die Verse zwischen 1225 und 1250 zu Pergament gebracht hat, muss ein professioneller Urkundenschreiber gewesen sein. Manchmal, selten nur, fügte er der Schrift am Rand ein Fleuron, ein Blumengebinde, hinzu. Die Jahrhunderte sind nicht ohne Spuren geblieben. Würmer haben sich hineingefressen, das Pergament ist vom Rand her gedunkelt. Weiße Seiten zeigen, wo etwas fehlt. Vorsichtig klappt die Hüterin des Schatzes das Buch zu. Der Hort braucht Ruhe.

Die Geschichte der Nibelungen lässt sich nicht wegsperren. Sie hat die eigene, elementare Kraft einer großen Dichtung, die Jahrhunderte überdauert. Der Text, der zur "deutschen Ilias" wurde, später als Nationalepos und epische Blutbahn einer Herrenrasse missbraucht wurde, taucht tief in die Geschichte des Abendlands. Ich reise ihm nach in die alte Stadt Worms, wo das Drama beginnt. Das Nibelungenmuseum ist ein merkwürdiger Bau. Ein Stück Stadtmauer, zwei Türme, wie verloren zwischen Häuserfronten, Gärten und Höfen, ein schmaler Restposten des Mittelalters. Ich betrete das Museum durch einen modernen Anbau aus Glas - und staune, denn es ist so gut wie nichts zu sehen.´

Ein paar Bilder und Tafeln, Bildschirme mit Szenen aus Fritz Langs Meisterwerk "Die Nibelungen", das er in den Jahren 1922 und 1924 fertig stellte. Ist das alles? Man hat mir einen Kopfhörer in die Hand gedrückt. Ich steige in den Turm mit den staufischen Buckelquadern. Türknarren. Dann eine vertraute Stimme: "Willkommen in meiner Bleibe. Ich spreche zu euch aus dem Jenseits." Ich höre einen unbekannten Dichter, den namenlosen Shakespeare der Deutschen, der Schauspieler Mario Adorf leiht dem Autor des "Nibelungenlieds" seine Stimme. Er geleitet mich vorbei an Eifersucht und Verrat bis zum Untergang und beschwert sich darüber, was die Nachwelt mit seinem Stoff angerichtet hat. Eine unsichtbare Regie schickt mich in die Vergangenheit, vorbei an Bildern der Stadt Worms in den sechziger Jahren, an der zerstörten Stadt 1945 und weiter zum Dreißigjährigen Krieg.

An mein Ohr dringen das Sirenengeheul der Bombennächte, Kanonendonner, Schlachtengetümmel, Pferdegetrappel, das Gebrüll kämpfender Männer, Mönchsgesänge. Dann - endlich - im reinsten Mittelhochdeutsch "Uns ist in alten Mären..." Die Urfassung des "Nibelungenlieds". Ich habe auf einem Thron Platz genommen, der für Besucher bereitsteht. Was für eine Geschichte! Rund 2400 Strophen von archaischer Wucht. Kann man diesen gigantischen Stoff überhaupt in wenigen Zeilen erzählen?


(NG, Heft 12 / 2004)
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