Die Römer waren schon auf dem Rückmarsch. Eine beachtliche Streitmacht, mindestens tausend Mann, wahrscheinlich mehr: Artillerie und Infanterie, Reiterei und Tross mit Maultieren, Wagen und Gepäck. Am Harzhorn, einem Höhenzug zwischen dem Flüsschen Leine und dem Harz, plötzlich Alarm von vorn: ein Hinterhalt der Germanen, wie schon im Jahr 9 n. Chr. bei der Varusschlacht!
Die Germanen hatten den Ort mit Bedacht gewählt: auf der einen Seite Sumpf, auf der anderen der ebenso unpassierbare Hügelrücken. Doch diesmal waren die Römer gewappnet, hatten eine bessere Strategie und vor allem überlegene Waffen. Nach ersten Gefechten gelang es ihnen, die Feinde von zwei Seiten anzugreifen und ihre Katapulte einzusetzen. Die Germanen hatten dieser Militärmaschine wenig entgegenzusetzen. Aus Eisen geschmiedete, massive Katapultbolzen durchschlugen krachend ihre Schilde, präzise platzierte Pfeile bohrten sich in ihre Körper. Diesmal siegten die Römer. Nach dem Gefecht zogen sie schleunigst ab, weiter nach Südwesten, in ihre Winterquartiere an Rhein und Main.
Eine Schlacht in Germanien? Allem Anschein nach im Herbst, irgendwann im Dezennium zwischen den Jahren 230 und 240 n. Chr. Aber was wollten die Römer überhaupt hier? Hatten sie sich nicht längst aus dem Land der „Barbaren“ zurückgezogen? War dies eine Strafexpedition auf dem Rückmarsch ins Winterlager? Oder handelte es sich um jene Legionen, die unter Kaiser Maximinus Thrax (er regierte von 235 bis 238) die „Schlacht im Sumpf“ gegen die Germanen schlugen? Davon berichten der Geschichtsschreiber Herodian (um 178 bis 250) und die unter anderem auf seinen Schilderungen basierende „Historia Augusta“, eine spätantike Sammlung von 30 Biografien römischer Herrscher.
Seit Sommer 2008 untersuchen Archäologen ein Geschehen, das ein völlig neues Licht wirft auf die Beziehung zwischen Römern und Germanen nach dem Vernichtungssieg von Arminius anno 9 in Kalkriese. Hatte er die Besatzer etwa doch nicht ein für alle Mal aus dem Land geworfen? Das Schlachtfeld des Harzhorns liegt mehr als 350 Marschkilometer von den einstigen römischen Stützpunkten an Rhein und Main entfernt, tief im Innern des „Freien Germanien“. War also der römische Einfluss hier im 3. Jahrhundert doch ganz anders als angenommen? Kontrollierten die Römer den Norden stärker als bisher bekannt?
Nach allem, was die Forscher jetzt wissen, war hier im tiefsten Germanien eine für die damalige Zeit typische internationale Truppe unterwegs – rekrutiert aus allen Winkeln des Imperiums. Vorneweg vermutlich syrische Bogenschützen, deren Pfeile dreiflüglige Spitzen hatten. In langen Reihen folgten die Marschkolonnen der Infanterie: der Legionen. In ihrer Mitte der Tross, dem die Reiter Schutz gaben. Dazwischen immer wieder Abteilungen von Artilleristen mit ihren Katapulten. Vor allem so genannte Scorpiones, handliche Geschütze für mittlere Distanzen. Die größeren Katapulte, Carroballistae, waren auf Karren montiert. "Ihre Geschosse hatten eine solche Wucht", sagt Günther Moosbauer von der Universität Osnabrück, ein Experte für römische Waffen, "dass sie bei Versuchen mit Nachbauten auf 80 Meter sogar dicke Eisenbleche durchschlugen."
Buch-Tipp: Die Varusschlacht
Im Herbst des Jahres 9 n. Chr. wurden in den Wäldern Germaniens drei römische Legionen von den eigenen Hilfstruppen, den Cheruskern, überfallen und niedergemetzelt. Erfahren Sie mehr über eine der empfindlichsten Niederlagen, die das Römische Reich jemals erlitt. mehr...
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