Die reichen Roma

Autor: Tom O’Neill  —  Bilder: Karla Gachet und Ivan Kashinsky
Roma Main

Entspannt lehnt sich der alte Herr Paraschiv auf seiner Bank zurück. Die Hände auf dem wohlgenährten Bauch gefaltet. Den Strohhut eng wie eine Krone auf dem Kopf. Paraschiv betrachtet seine majestätische Nachbarschaft. Entlang der Hauptstraße stehen Villen wie aus einer anderen Welt. An den Fassaden prangen schmucke Balkone und Säulen. Die Dächer mit ihren Erkern, Türmen und Kuppeln erinnern an Partyhüte. Schnittige BMW und Mercedes gleiten vorbei. Der Fahrer eines Schweinelasters tritt auf die Bremse und staunt. Paraschiv lächelt. Das ist seine Heimatstadt, das ist Buzescu. Hier lebt die seltenste Bevölkerungsgruppe Europas: die reichen Roma.

Das Wort „Roma“ würde Paraschiv nie gebrauchen. Die korrekte, achtungsvolle Bezeichnung für seine Volksgruppe bedeutet auf Romani „Menschen“. Stattdessen nennen sich er und viele seiner Nachbarn unbefangen tsigani – Zigeuner. Sie sind mit dem alten, abwertenden Wort aufgewachsen. Hier benutzen viele den Begriff immer noch. Er ist gleichbedeutend mit Bettler, Dieb, Schmarotzer und anderen abfälligen Bezeichnungen.

«1996 habe ich eine der ersten Villen gebaut», sagt Paraschiv und nickt in Richtung seines herrschaftlichen Hauses. Der phantasievolle Klotz ist mit grauem und weißem Marmor verkleidet und mit Eckbalkonen verziert. Die Namen seiner Kinder Luigi und Petu stehen an der Spitze eines blechgedeckten Turms. «Meine Söhne wollen das Haus abreißen und ein neues bauen. Sie sagen, das hier sei aus der Mode.» Paraschiv zuckt mit den Schultern. «Wenn sie das wollen, na, von mir aus.»

Paraschivs einstöckige Villa wirkt eher bescheiden. Riesige, vier Stockwerke hohe und mit Säulen verzierte Paläste schießen im Roma-Viertel im Süden des Orts aus dem Boden. Daneben gibt es auch Konzernzentralen-Ästhetik mit verspiegelten Fassaden, Adelsburgen mit pastellfarbenen Zinnen und Balkonen wie Opernhauslogen. Und Schweizer Chalets mit Spitzdächern und Gartenzwergen auf der Veranda. Die knallige, hemmungslose Architektur ist der unverhohlene Ausdruck des neuen Reichtums. In dem ansonsten trostlosen, 5000 Einwohner zählenden Städtchen 80 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Bukarest sind ein Drittel der Bewohner Roma – und sie haben etwa einhundert Villen gebaut.

„Reiche Roma“, das wirkt auf den ersten Blick wie ein Druckfehler. Oder wie Hohn. Die schätzungsweise zwei Millionen Roma in Rumänien stellen etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Viele führen ein schweres Leben, fristen ihr Dasein in armseligen städtischen Slums oder Barackensiedlungen am Ortsrand. Dieses Schicksal teilen sie mit zahlreichen anderen Roma in Osteuropa. Das ehemals halbnomadische Volk bildet dort eine verachtete Unterschicht – gezeichnet von Armut, mangelnder Bildung und hartnäckiger Selbstisolation.

Vielen gadje, wie Außenstehende in der Romani-Sprache genannt werden, sind die Prunkbauten der Roma in Buzescu ein Dorn im Auge, weil sie angeblich unverdienten Reichtum zur Schau stellen. Aber der Roma-Elite scheint wenig daran zu liegen, Außenstehende zu beeindrucken. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass Fragen stellende und fotografierende Fremde nicht willkommen sind. „Pleaca, pleaca – hau ab, hau ab“, rufen mir Kinder immer wieder zu. Die Erwachsenen blicken finster oder wenden sich ab, wenn ich auf sie zugehe. «Diese Orte sind nichts für Sie», erklärt mir der Roma-Soziologe Gelu Duminica. Die Villen werden nur für die Augen der Einheimischen gebaut, sagt er: Damit beweist man innerhalb der Roma-Gemeinschaft seinen Wohlstand und Status.

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(NG, Heft 09 / 2012, Seite(n) 68 bis 83)

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