Die riesigen Steinfiguren der Osterinsel

Autor: Hannah Bloch  —  Bilder: Randy Olson
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An einem Winterabend verlässt José Antonio Tuki seine winzige Hütte an der Südwestküste der Osterinsel und geht Richtung Norden an den Anakena-Strand. Dort sollen die ersten polynesischen Siedler vor etwa tausend Jahren angelandet sein. Bald darauf sitzt der 30-Jährige im Sand und betrachtet die kolossalen Statuen, moai genannt, die in der Nähe des Ufers stehen. Vor Jahrhunderten aus vulkanischem Tuffstein gemeißelt, dienten sie der Verehrung göttlicher Ahnen. Die Figuren gelten bis heute als einer der größten Mythen der Menschheit.

Hähne krähen, streunende Hunde bellen. Der kühle Wind von der Antarktis lässt Tuki bibbern. Der junge Künstler ist ein Rapanui, ein indigener polynesischer Einwohner von Rapa Nui („Große Insel“), wie die Einheimischen die Osterinsel nennen. Wahrscheinlich waren auch seine Vorfahren daran beteiligt, einige von den Hunderten Statuen anzufertigen, die überall auf den grasbewachsenen Hügeln und an den Küsten stehen. Am Anakena-Strand halten sieben dickbäuchige moai auf einer 16 Meter langen Plattform Wache, ihren Rücken dem Pazifik zugewandt, die Arme an den Seiten, auf dem Kopf eine Art Zylinder – den pukao – aus Rotschlacke, einem vulkanischen Gestein. Sie stammen aus einer fernen Zeit, aber wenn Tuki in ihre Gesichter schaut, fühlt er sich ihnen verbunden. «Es ist eine besondere Energie », sagt er. «Diese Figuren sind ein Erbe meiner Vorfahren. Wie haben sie sie nur gemacht?»

Die Osterinsel ist etwas kleiner als Fehmarn und eines der abgelegensten Eilande der Welt. Sie liegt 3.500 Kilometer westlich von Südamerika und 2.000 Kilometer östlich von Pitcairn, dem nächsten bewohnten Flecken im Pazifik. Nach der ersten Besiedelung blieb Rapa Nui jahrhundertelang isoliert. Alle Energie und Ressourcen, die in die bis zu zehn Meter hohen und mehr als 80 Tonnen schweren moai investiert wurden, stammen allein von der Insel.

Als der Niederländer Jakob Roggeveen am 5. April 1722, dem Ostersonntag, hier an Land ging, traf er auf eine jungsteinzeitliche Kultur. Die meisten moai waren mit einfachsten Werkzeugen aus einem Steinbruch herausgelöst und bearbeitet, dann ohne Hilfe von Zugtieren oder Rädern zu den bis zu 18 Kilometer entfernten Steinplattformen – ahu genannt – transportiert worden. Tukis Frage beschäftigt seit Jahrzehnten Forscher und Besucher: Wie bewältigten die Polynesier diese kolossale Aufgabe?

Seit kurzem sind die moai Gegenstand einer viel weiter reichenden Debatte über die Osterinsel, bei der zwei unterschiedliche Theorien ins Feld geführt werden. Sie betreffen letzten Endes die ganze Menschheit. Die erste Theorie stammt vom bekannten amerikanischen Evolutionsbiologen Jared Diamond. Er sieht die Insel als Metapher für den extremen Fall einer Gesellschaft, die sich selber zugrunde richtet, indem sie ihre Umwelt zerstört. Diamond fragt: Kann die Erde, können wir alle verhindern, das gleiche Schicksal zu erleiden?

Die andere Theorie sieht die alten Rapanui als Beispiele menschlicher Erfindungsgabe und Widerstandskraft. Exemplarisch dafür steht ihre Fähigkeit, riesige Statuen aufrecht kilometerweit über unebenes Terrain „gehen“ zu lassen. Diese Vorstellung wird von den amerikanischen Archäologen Terry Hunt und Carl Lipo vertreten.

Als die ersten polynesischen Siedler Rapa Nui erreichten, hatten sie viele Wochen in offenen Kanus auf See verbracht. Vermutlich waren es nur ein paar Dutzend Menschen, die um die Wende zum 2. Jahrtausend eine 2.000 Kilometer lange Reise über den Pazifik wagten.

Mitte des vergangenen Jahrhunderts erforschte der norwegische Anthropologe und Abenteurer Thor Heyerdahl, wie Polynesien besiedelt wurde, und hob die Osterinsel auf die archäologische Weltkarte. Seine Expeditionen mit dem Balsaholzfloß „Kon-Tiki“ führten ihn zur Annahme, dass es eine Besiedlungswelle von Südamerika aus gegeben habe: Die moai seien in einer Epoche vor den Inka von Siedlern aus Peru und nicht etwa von Polynesiern geschaffen worden. Der Schweizer Bestsellerautor Erich von Däniken schrieb sie gar Außerirdischen zu. Beide Ansichten sind widerlegt worden. Gestützt auf linguistische, archäologische und genetische Studien wurde nachgewiesen, dass die Polynesier die moai schufen. Nicht endgültig geklärt ist, wie sie die Statuen transportierten. Lange Zeit galt die Annahme, dass die Osterinsulaner sie zogen und dabei Seile und Holz verwendeten.

«Glaube ich alles nicht», sagt Suri Tuki, José Tukis 25-jähriger Halbbruder. «Wir Rapanui kennen die Wahrheit: Die Statuen sind aufrecht gegangen.»


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(NG, Heft 08 / 2012, Seite(n) 62 bis 81)

Weshalb tragen manche der rund 800 kolossalen Steinfiguren auf der Osterinsel runde Hüte? Und wie kamen die tonnenschweren Kopfbedeckungen aus vulkanischem Schlackegestein dort hinauf? mehr...
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