Die Seidenstraße vom Kaspischen Meer nach Europa

Autor: Brett Forrest  —  Bilder: Alex Webb

Das Dynamit kommt aus Ankara. Mit zehn Tonnen Sprengstoff an Bord schraubt sich der LKW die Berge im Nordosten der Türkei hinauf. Bald soll hier eine Bahnlinie verlaufen. Oben, im Schnee, wartet Arslan Ustael auf das Dynamit. Nachts fällt die Temperatur auf 40 Grad unter null. Da gefriere die Spucke, noch ehe sie den Boden erreiche, sagt Ustael. Er ist 30, ein junger Mann, und auch bei dieser Kälte gut gelaunt. Sein Job ist es, einen Tunnel in den Berg zu sprengen. Er weiß, dieses Projekt kann die Karriere eines jungen Ingenieurs entscheidend fördern: Die Eisenbahntrasse Baku–Tiflis–Kars (BTK) wird als „eiserne Seidenstraße“ die ölrei­che Region am Kaspischen Meer mit der Türkei und Europa verbinden.

Man kann sich kaum vorstellen, wie mühsam das Reisen hier einst war. Die Gebirgslandschaft des Kaukasus erstreckt sich über 1200 Kilometer zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer. Ehe die Region dem Russischen Reich zugeschlagen wurde, war dies die Transitroute zwischen Europa und Asien . Auch die „alte“ Sei­denstraße, auf der kostbare Stoffe und Gewürze transportiert wurden, führte hier durch. Jahrhundertelang musste man auf dem Weg ostwärts zunächst vom Asowschen Meer aus den Don hinaufrudern, dann die Boote über die Steppe tragen und schließlich die Wolga hinab zum Kaspischen Meer fahren. Erst im 19. Jahrhundert verlegten die Russen Gleise durch den Kaukasus.

Mit der „eisernen Seidenstraße“ wird ein neues Kapitel in der Geschichte der Region ge­schrieben. Nach dem Ende der Sowjetunion im Jahr 1991 gewannen die unabhängigen Republiken im Südkaukasus – Georgien, Armenien und Aserbaidschan – enorm an Bedeutung. Rund um das Kaspische Meer wurden gewal­tige Lagerstätten entdeckt: Bald flossen Erdöl und Erdgas durch rasch gebaute Pipelines auf den europäischen Markt. Die BTK-Linie soll den Ost-West-Handel noch beschleunigen. Nach ihrer Fertigstellung im Jahr 2012 wird die Stre­cke von Aserbaidschans Hauptstadt Baku über Tiflis in Georgien weiter zum türkischen Han­delsposten Kars am südwestlichen Ausläufer des Kaukasus führen.

Die Beteiligung der Türkei signalisiert neue Verhältnisse in der oft als Hinterhof Russlands bezeichneten Region. So wie die 2005 in Be­trieb genommene Baku-Tiflis-Ceyhan (BTC)-Pipeline, die Öl von Baku zum türkischen Mit­telmeerhafen Ceyhan transportiert, ist auch die BTK-Bahnstrecke das Ergebnis einer Zu­sammenarbeit von Türkei, Georgien und Aser­baidschan. Das benachbarte Armenien wurde vorsätzlich nicht miteinbezogen.

Wie die Pipeline eröffnet die neue Eisen­bahnlinie eine Alternative zu den bestehenden Transportwegen durch Russland im Norden und den Iran im Süden. Je nach Perspektive dient das umgerechnet 500 Millionen Euro teure Projekt der Wirtschaftsentwicklung, der gesellschaftlichen Veränderung oder strategi­scher Geopolitik. In diesem Umfeld ist auch das Erdgasprojekt Nabucco zu sehen, für das der ehemalige deutsche Außenminister Josch­ka Fischer Lobbyarbeit betreibt. Nabucco steht für eine Unternehmung, Erdgas vom Kaspischen Meer aus durch eine 3300 Kilometer lange Pipe­line nach Westeuropa zu transportieren, durch die Transitstaaten Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn. Unter Umgehung Russlands.

Für die türkische Regierung, die sich um den Beitritt zur Europäischen Union bemüht, hat der Bau der BTK-Linie eine ganz besondere Bedeutung. Verdrossen blickt man in Ankara auf Nachbarn wie Bulgarien und Rumänien. Beide wurden bereits in die EU aufgenommen, trotz schwächerer Wirtschaft und schlimmerer Vorfälle von Korruption. Der Nato-Verbündete Türkei dagegen wartet immer noch auf eine Ein­ladung. «Dabei ist das Gesicht der Türkei seit 200 Jahren nach Westen gewandt», sagt Nur­dogan Ahmet Kushanoglu, der stellvertretende Bahnchef im türkischen Verkehrsministerium. Nun blickt das Land nach Osten und hofft so, sich dadurch für den Westen unentbehrlich zu machen. 2013 soll außerdem in Istanbul der Marmaray-Eisenbahntunnel unter dem Bos­porus eröffnet werden. Dann können Züge von London bis Baku durchfahren.

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(NG, Heft 10 / 2010, Seite(n) 114)


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