Kathleen Martínez, eine Hochbegabte, war gerade mal 19, als sie ihren Abschluss in Jura machte. Doch ihre Begeisterung gilt der Archäologie, einem Fach, das sie an der Universität von Santo Domingo sogar unterrichtete – ohne je auf einer Grabung oder gar in Ägypten gewesen zu sein. Das rätselhafte Schicksal der letzten Pharaonin lässt sie seit einem Streit mit ihrem Vater nicht mehr los. Es war im Jahr 1990, als die damals 24-Jährige im Elternhaus nach einem Exemplar von Shakespeares „Antonius und Kleopatra“ suchte. Professor Fausto Martínez, als Rechtswissenschaftler ausgewogen im Urteil, fand kein gutes Wort für die Königin. Eine Dirne sei sie gewesen. Kathleen schäumte. Römische Propaganda und ewige Vorurteile gegen Frauen hätten das Bild Kleopatras verzerrt. Nach stundenlanger Diskussion lenkte der Vater ein.
Das ist die Initialzündung. Die junge Martínez entschließt sich, alles über Kleopatra in Erfahrung zu bringen, was ihr möglich ist. Sie wälzt die einschlägigen Texte, besonders Plutarchs Bericht über Marcus Antonius Beziehung zur Pharaonin. Ihr wird klar, dass die Römer es darauf abgesehen hatten, die Herrscherin im schlimmsten Fall als dekadente und wollüstige Despotin, im besten Fall als mit allen Wassern gewaschene Politikerin darzustellen. Als eine, die im verzweifelten Versuch, die Autonomie Ägyptens zu erhalten, die Interessengruppen der aufsteigenden Supermacht Rom gegeneinander ausspielte. Martínez liest Buch um Buch – aber nirgendwo findet sie auch nur eine Zeile über den Verbleib der Herrscherin nach ihrem Tod.
Historiker der Antike priesen ihre Faszination, nicht ihr Aussehen. Gewiss ist, dass sie die Leidenschaft zweier mächtiger Römer zu wecken vermochte: von Julius Cäsar, mit dem sie einen Sohn hatte, und von Marcus Antonius, der mehr als ein Jahrzehnt ihr Geliebter war und drei weitere Kinder mit ihr zeugte. Ihre Schönheit, schreibt der griechische Historiker Plutarch, war «nicht von der Art, die den Betrachter erstaunt; der Umgang mit ihr war fesselnd, und ihre Erscheinung sowie ihre Überzeugungskraft im Gespräch und ihr Charakter, der jeden Umgang begleitete, waren anregend. Vergnügen bereitete auch der Ton ihrer Stimme, und ihre Zunge war wie ein Instrument mit vielen Saiten».
Kleopatra ist die geheimnisvollste Frau der Geschichte – ihr Schicksal nach dem Tod bis heute ein Rätsel. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Archäologen endlich diesem Rätsel Leichnam angenommen und suchen nach ihrem Grab. Die Erkundungen des Franzosen Franck Goddio und seines Europäischen Instituts für Unterwasserarchäologie (IEASM) machten es möglich, eine Karte der versunkenen Teile von Alexandria anzufertigen: mit Kais und Promenaden und jenen Bereichen, wo einst die königlichen Paläste standen. Die Forscher bargen mit Seepocken übersäte Steinsphingen, Pflastersteine aus Kalkstein, Granitsäulen und Kapitelle. Das alles verhilft uns zu einem besseren Verständnis von Kleopatras Welt.
Die Forscher auf der Spur der Pharaonin könnten unterschiedlicher nicht sein: Zahi Hawass, der allmächtige Generalsekretär der Ägyptischen Altertümerverwaltung, und Kathleen Martínez, die Juristin und leidenschaftliche Archäologin aus der Dominikanischen Republik.
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