Die Tunnel von Gaza

Autor: James Verini  —  Bilder: Paolo Pellegrin

Die Tunnel von Gaza sind Lebensadern und Todesfallen zugleich - und für viele Palästinenser das Symbol ihres Traums, nicht länger eingesperrt zu sein.

Die Brüder Samir und Yussef arbeiteten schon drei Jahre lang in den Tunneln unter dem Gazastreifen, immer ahnend, dass sie eines Tages darin sterben würden. Und dann, an einem kalten Abend im Jahr 2011, kommt das Ende so, wie sie es sich vorgestellt hatten – unter herabstürzenden Erdmassen.

Es ist gegen 21 Uhr. Die Brüder sind in einem Tunnel mit Wartungsarbeiten beschäftigt. Es gibt Hunderte dieser Gänge zwischen Gaza und Ägyptens Halbinsel Sinai. Die meisten sind schnell und schlampig vorgetrieben und kaum gesichert. Fast 30 Meter unter Rafah, der südlichsten Stadt in Gaza, arbeitet Samir, 26, in der Nähe des Eingangs, während Yussef, 28, mit zwei Kollegen, Kareem und Khamis, nahe der Tunnelmitte versucht, einen hölzernen Stützkeil in die Wand zu treiben. Als sie einzubrechen beginnt, zieht Kareem Khamis zur einen Seite, Yussef springt zur anderen. Für einen Moment stockt die Lawine aus Erde und Steinen, und Yussef, der sieht, dass seine Freunde in Sicherheit sind, ruft: «Alhamdulillah! – Allah sei Dank!» Dann gibt die Tunnelwand endgültig nach, und Yussef ist verschwunden.

Samir hört das Krachen über die Funkanlage. Er stürmt in den Tunnel. Dort, wo der Stollen immer enger und niedriger wird, kriecht er auf allen vieren weiter. Die Luft ist voller Staub, er wird fast ohnmächtig. Um ihn herum ist es pechschwarz. Schließlich stößt er zu Kareem und Khamis, die wie verrückt mit den Händen buddeln. Samir gräbt mit. Ein weiteres Tunnelstück bricht ein, ein zerborstener Betonpfeiler schlitzt Kareems Arm auf. «Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Wir fühlten uns völlig hilflos», erzählt mir Samir später.

Sie graben weiter. Nach drei endlosen Stunden finden sie ein Bein in blauer Trainingshose. «Wir wollten nicht, dass Samir seinen Bruder sieht, aber der ließ sich nicht wegdrängen», erzählt Khamis. Schreiend und weinend zerrt Samir die Steine vom Körper seines Bruders. Yussefs Brust ist geschwollen, sein Schädel ist gebrochen, das Gesicht zerschrammt. Blut rinnt ihm aus Nase und Mund. Sie schleppen ihn zum Eingangsschacht auf der Gaza-Seite, schnallen seinen schlaffen Körper in einen Haltegurt, die Kollegen oben ziehen ihn hinauf. In dem Wagen, der seinen Bruder im Eiltempo zum einzigen Krankenhaus in Rafah fährt, ist kein Platz für Samir. Er rast auf dem Fahrrad hinterher. «Aber mir war klar: Mein Bruder ist tot», sagt er.

Wir sitzen gemeinsam in dem Raum, der provisorisch als Yussefs Aufbahrungsstätte dient: zwischen Betonwänden im Erdgeschoss eines Wohnblocks im Flüchtlingslager Jabalia, in dem die Brüder aufgewachsen sind. Draußen bietet ein Leinwandzelt Schatten für die vielen Trauernden, die während der vergangenen drei Tage gekommen sind, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Die Szene ist bezeichnend für Gaza: Mauern aus Betonstein voller Einschusslöcher. Sie stammen von Gewehrsalven und Granatsplittern nach israelischen Angriffen, aber ebenso von Kämpfen zwischen verfeindeten lokalen Fraktionen. Dieselgestank verpestet die Luft: Weil in Gaza wieder einmal der Strom ausgefallen ist, brummen die Notgeneratoren. Kinder graben mit Löffeln im Dreck.

2008 hatte Samir begonnen, mit Yussef im Tunnel zu arbeiten. «Ich hatte Angst», erzählt er, «ich wollte nicht, aber ich hatte keine Wahl.» Er ist nervös. Wie alle im Raum raucht er unablässig. «Wir wissen: Man kann jeden Moment sterben.» Einige der Tunnel, in denen die Brüder gearbeitet haben, waren gut gewartet, ordentlich gebaut und belüftet. Viele andere waren es nicht. Bergstürze sind häufig, ebenso Explosionen, Angriffe aus der Luft, Feuer.

Jeder um mich herum scheint irgendwo verletzt zu sein. Khamis hatte sich bei einem anderen Tunneleinsturz ein Bein gebrochen. Sein Arbeitskollege Suhail zieht sein Hemd hoch, um mir eine mehrere Zentimeter lange Narbe entlang seiner Wirbelsäule zu zeigen, eine unauslöschliche Erinnerung an die niedrigen Tunneldecken. «Eigentlich hatten wir dort unten unter Rafah immer erwartet, dass bald etwas Schlimmes geschieht», sagt Samir.

Als Helden gelten in Gaza nicht mehr nur Männer wie Yassir Arafat und Ahmed Yassin, die toten Führer der Fatah und der radikalen Islamischen Widerstandsbewegung, der Hamas. Auch nicht nur die Palästinenser, die im Kampf um den Landstreifen ihr Leben ließen, den man ihnen vor 63 Jahren zuerkannt hatte.

Video: Begleiten Sie die Tunnelgräber im Gaza-Streifen


Heute werden Tunnelopfer wie Yussef ebenso als Helden geehrt. An den Wänden der Aufbahrungsstätte hängen Poster mit anteilnehmenden Koranversen, geschickt von den Leitern der Grundschule, die Yussef besucht hatte, vom Imam seiner Moschee und von lokalen Funktionären der politischen Rivalen in Gaza: der früheren Regierungspartei Fatah und der militanten Hamas, die heute das Sagen hat.

Das auffälligste Poster kommt vom Muchtar, dem traditionellen Gemeindevorsteher. Es zeigt Yussef auf einem Foto, das fünf Monate zuvor aufgenommen wurde, am Tag seiner Hochzeit: weißes Hemd, rosa Krawatte, kurz geschnittenes Haar, sanfter Blick. Die Aufschrift lautet: «Die Söhne des Muchtar kondolieren der Familie zum Märtyrertum des Helden Yussef.»

Unterirdisch geschmuggelt wird in Rafah seit nunmehr 30 Jahren. 1982 war die Stadt nach dem ägyptisch­israelischen Friedensvertrag von 1979 geteilt worden, eine Hälfte blieb bei Gaza, die andere in Ägypten . Anfangs wurden Tunnelschächte in den Kellern von Wohnhäusern gegraben; sie wurden von zwei Seiten zerstört: von Palästinensern, die die Tunnelwirtschaft kontrollieren wollten – und vom israelischen Militär, das den Transport von Waffen durch die Tunnel unterbinden wollte. Weil das den Schmuggel aber nicht beendete, schufen die Israelis auf palästinensischer Seite mit massiver Gewalt eine Pufferzone zwischen Stadt und Grenzzaun. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch schätzt, dass hier zwischen den Jahren 2000 und 2004 etwa 1700 Häuser dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Die Lage verschärfte sich, als 2006 bei den Wahlen in den palästinensischen Autonomiegebieten die radikale antiisraelische Hamas über die gemäßigte Fatah siegte und damit auch die Kontrolle über den Gazastreifen gewann. Israel reagierte und führte – mit Unterstützung Ägyptens – schrittweise strengere wirtschaftliche Blockaden ein, schloss Zugangshäfen in Gaza und verbot die Einfuhr von allem, was den Menschen in Gaza ein Leben über dem Existenzminimum erlaubt hätte.

Dann wurde 2011 Ägyptens Präsident Husni Mubarak gestürzt. Die neue Führung bekundete anfangs ihr Bedauern über die Kooperation mit Israel . Sie ließ einen kleinen Grenzübergang in Rafah wieder öffnen, erlaubte aber nicht allen Palästinensern zu kommen. Im Gegenteil: Mohammed Mursi, seit Sommer 2012 Ägyptens neuer Präsident, hält Distanz zur Hamas und unterstützt die Palästinenser nicht so, wie es sich viele erhofft hatten. Nachdem im August islamistische Kämpfer im israelisch-ägyptischen Grenz- gebiet 16 ägyptische Soldaten getötet hatten, schloss Ägypten die Grenze in Rafah wieder und ließ 35 Tunnel zerstören.

Die Hamas steht zwar den Muslimbrüdern nahe, die Mursi in Kairo an die Macht brachten. Dennoch versuchte Mursi im vergangenen November, die Hamas zu mäßigen, nachdem die Palästinenser Tel Aviv, die zweitgrößte Stadt Israels, mit Raketen beschossen hatten. Israel reagierte mit absehbarer Härte und zerstörte zahlreiche Häuser in Gaza. Seither ist die Lage trotz eines brüchigen Waffenstillstands noch gespannter.

Ob Gaza ein Teil des Landes ist, das der Gott der Bibel im Alten Testament den Juden zugesprochen hat, ist bis heute heftig umstritten.

Das macht den Schmuggel für die Palästinenser in diesem schmalen Landstreifen vollends überlebensnotwendig. In Rafah kommt alles durch die Tunnel – von Baumaterial und Lebensmitteln bis zu Medikamenten und Kleidung, von Treibstoff und Computern bis zu Vieh und Autos. Die Hamas schmuggelt Waffen. Wahr ist aber auch: Wer einen Tunnel kontrolliert, kann damit viel Geld verdienen. Um ins Geschäft zu kommen, veräußerten einige Familien ihre komplette Habe.

Zwischenzeitlich arbeiteten etwa 15 000 Menschen in den Tunneln. Zehntausenden verschafften sie Jobs, von Ingenieuren und Lastwagenfahrern bis zu Händlern. Zwei Drittel aller Konsumwaren kommen heute durch die Tunnel. Die sind so selbstverständlich, dass Rafah sie sogar in offiziellen Broschüren vorstellt.

«Wir haben es uns nicht ausgesucht», sagt mir ein Ingenieur. «Aber was sollten wir tun? Stillhalten und verhungern?» Die Tunnel sind für viele Bewohner von Gaza Symbole geworden für ihren Einfallsreichtum, für Bewegungsfreiheit und, vielleicht am wichtigsten, für das Gefühl einer gewissen Kontrolle über ihr Land.

Umkämpft war die Region schon lange bevor Israel sie 1967 den Ägyptern abnahm. Pharao Thutmosis III. überrannte Gaza 1457 v. Chr., als er die Rebellion der Kanaaniter niederschlug. Nach Thutmosis kamen Hebräer, Philister, Perser und Alexander der Große.

Bei dessen Belagerung wurden die Stadtmauern erstmals untergraben. Es folgten Römer , Byzantiner, Araber, Tataren, Mameluken und Osmanen. Dann kamen Napoleon, die Briten, wieder die Ägypter und schließlich die Israelis. Doch bis heute ist umstritten, ob Gaza Teil des Landes ist, das der Gott der Bibel den Juden zugesprochen haben soll. Auch das ist ein Grund, warum sich expansionsbestrebte Israelis inzwischen stärker auf das Westjordanland im Norden konzentrieren. Im Gazastreifen wurde die letzte israelische Siedlung 2005 aufgegeben.

Dieses schmale Stückchen Land ist das Herz des palästinensischen Widerstands. Seit nun vier Jahrzehnten werden hier von militanten Palästinensern Entführungen von Israelis geplant, Selbstmordattentäter losgeschickt, Raketen und Granaten auf Israel abgeschossen – oft gebilligt, wenn nicht offen ausgeführt durch die Hamas.

Durch die Tunnel erhält die Regierung von Gaza sämtliches Material für öffentliche Bauarbeiten. Die Hamas besteuert alles, was durchkommt, und macht Tunnelunternehmen dicht, deren Betreiber nicht bezahlen. Jährlich kassiert die Hamas umgerechnet schätzungsweise knapp 600 Millionen Euro an Tunnelgebühren. Auch Bargeld schmuggelt die Hamas auf diesem Wege ein – Spenden von vertriebenen Führern sowie von Unterstützern in Syrien, Katar und im Iran.

Samir erzählt auch, dass Führer der Hamas angeblich Geschäfte mit Tunnelbetreibern machen und sie vor Strafverfolgung schützen, wenn Arbeiter wie sein Bruder wegen unzulänglicher Sicherheitsvorkehrungen ums Leben kommen. Samir ist überzeugt: Korruption und Bestechung beim Betrieb der Tunnel sind alltäglich.

Nachdem 2010 ein israelisches Marinekommando eine türkische Hilfsflotte mit Gütern für Gaza angegriffen hatte und die internationale Empörung groß war, verkündete Israel, es habe die Blockade gelockert. Doch bis heute gibt es nur einen einzigen legalen Übergang für Waren: den Grenzposten Kerem Shalom. Israel macht es äußerst umständlich und teuer für das Hilfswerk der Vereinten Nationen (UNRWA) und andere Hilfsorganisationen, die 1,6 Millionen Menschen im Gazastreifen mit Material für Projekte zum Wiederaufbau zu versorgen, mit Maschinen, Treibstoff, Zement und Baustahl.

Von einem Zollbeamten in Gaza erfahre ich, im Frühjahr 2011 seien die legalen Importe auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Blockade gewesen. Und was durchkam sei oft von schlechter Qualität gewesen: gebrauchte Kleidung und Haushaltsgeräte, Junkfood, Sperrmüll. So sei es unmöglich, auch nur «die Grundbedürfnisse zu befriedigen», sagt der Beamte. Selbst einige der ältesten Unterstützer Israels sind dieser Meinung. Der britische Premierminister David Cameron zum Beispiel klagte, Gaza gleiche unter der Blockade inzwischen immer mehr einem «Gefängnislager».

Irgendwann ist es so weit: Zusammen mit dem Fotografen Paolo Pellegrin besichtige ich selber die Tunnel von Rafah. Die einstündige Fahrt von Gaza-Stadt nach Süden an die Grenze ist eine Tortur. Die Folgen des Bürgerkriegs und Israels vorletzte große Attacke – die „Operation Gegossenes Blei“, 2008/2009 – sind überall sichtbar. Am Morgen, als wir aus dem Hotel treten, haben wir den grotesken Anblick eines fünfstöckigen Fahrstuhlschachts vor uns. Das Hotel, in dem er stand, ist nur noch Schutt. Viele Nächte werden zerrissen von israelischen Luftschlägen gegen vermutete Verstecke militanter Palästinenser. Zerschossene Fassaden und Minarette markieren den Horizont.

Unterwegs kommen wir am früheren Domizil Yassir Arafats vorbei. Das Gelände ist zerbombt und übersät mit verrosteten Autos. Dann fahren wir die einst wunderschöne Küste entlang. Heute ist sie geprägt von Ruinen ehemaliger Strandcafés und von stinkenden Gezeitenbecken. Landeinwärts passieren wir verlassene israeli- sche Siedlungen mit versandeten Feldern und zerborstenen Treibhäusern. Südöstlich von Rafah liegen die Überreste des Flughafens von Gaza – genutzt von Hirten, die ihre Schafe hier weiden, und von Beduinen, die ihre Kamele grasen lassen.

Unser Dolmetscher Ayman erzählt uns, er sei so stolz auf den Flughafen gewesen, dass er seine Familie zum Picknick hierher gefahren habe. «Schauen Sie sich diese Zerstörung an», sagt er kopfschüttelnd. Aber das Wort „zerstört“ reicht nicht, um das hier zu beschreiben, das Ergebnis maßloser Verwüstung durch die Israelis. Rafah selbst ist eine pulsierende Stadt. Gaza ist zwar einerseits ein Synonym für Streit und Krieg, im Gedächtnis des Nahen Ostens aber auch eng verbunden mit einem anderen Grundelement der Menschheitsgeschichte: dem Handel. Viele Armeen waren auf Gazas Brunnen und Festungsmauern angewiesen. Für Kaufleute war die Stadt wichtig für den Handel mit Gewürzen und landwirtschaftlichen Produkten. Reisende interessierten sich für billigen Tabak und die Freudenhäuser, die heimischen Erdbeeren und Wachteln sind bei israelischen Köchen begehrt.

Von den sechziger Jahren bis in die späten Achtziger pflegten Gaza und Israel eine symbiotische Handelsbeziehung. Handwerker und Arbeiter aus Gaza passierten jeden Morgen die Grenze, um in Tel Aviv und Jerusalem zu arbeiten, Israelis fuhren zum Einkaufen in die steuerfreien Basare von Gaza­Stadt, Chan Yunis und Rafah. Alte Leute in Gaza nennen Rafah noch immer Souk al Bahrain, „den Markt der zwei Meere“. All das beendete der erste Aufstand der Palästinenser, die Intifada von 1987 bis 1993.

Wir passieren eine verstopfte Kreuzung, über der eine Plakatwand einen Kämpfer mit Panzerfaust zeigt. Auf dem Markt mischen sich der Lärm und die Abgase von Generatoren mit den Rufen von Händlern, dem Schreien von Eseln und dem süßlichen Duft der shawarma-Spieße. Stand um Stand verkauft Konsumgüter. Die meisten wurden durch die Tunnel geliefert.

Das Wort "zerstört" reicht nicht, um das hier zu beschreiben, das Ergebnis maßloser Verwüstung durch die Israelis.

Gazas Tunnelbetreiber verbergen ihr Tun kaum, seit Beginn des Arabischen Frühlings noch weniger. Richtig deutlich wird es, als wir den Markt verlassen: Entlang der Grenzmauer erstreckt sich ein Meer weißer Zeltplanen. Unter jeder beginnt ein Tunnel. Alle liegen in der Philadelphi-Passage, dem Sicherheitskorridor, den Israel nach dem Friedensvertrag von 1979 eingerichtet hat. Alle sind von ägyptischen Wachtürmen und Scharfschützennestern einsehbar.

Vor den Zelten und Baracken sitzen alle paar hundert Meter gelangweilt aussehende Polizisten, kaum der Pubertät entwachsen, ihre Kalaschnikow auf den Knien. Weil die Hamas hier keine Journalisten passieren lässt, fahren wir zum entferntesten Ende des Korridors und parken hinter einem Erdhügel. Verstohlen schleichen wir uns in das erste Zelt, das wir sehen. Dort treffen wir Mahmoud, einen Mann in den Fünfzigern, der früher auf einer Farm in Israel arbeitete. Er verlor seinen Job, als die Grenze während der zweiten Intifada (2000 bis 2005) geschlossen wurde. Darum warfen er und eine Gruppe von Partnern ihre Ersparnisse zusammen. 2006 begannen sie zu graben, ein Jahr später hatten sie einen Tunnel.

Nach nervösen Verhandlungen willigt Mahmoud ein, mir zu zeigen, wie das Ganze funktioniert, und führt mich zum Schacht. Darüber steht ein Dreibein mit einem Flaschenzug und dem Haltegurt für Waren und Menschen. Er ist an einem Metallseil auf einer Seilwinde befestigt, bis zum Grund des Schachts sind es 18 Meter.

Mahmouds Tunnel ist etwa 400 Meter lang, andere haben die doppelte Länge. Heute kommen Kisten mit Kleidung, Handys, Zucker und Putzmitteln an, gestern waren es vier Tonnen Weizen. Mahmoud erhält je nach Ware ein paar hundert oder ein paar tausend Euro pro Lieferung. Wie viele andere hier verdient er genug, um den Tunnel zu unterhalten und seine Familie zu ernähren, aber nicht viel mehr.

Fünf bis zwölf Männer arbeiten in Zwölfstundenschichten rund um die Uhr, sechs Tage die Woche. Mahmoud redet mit ihnen über ein Funksprechgerät. Sie verdienen etwa 40 Euro pro Schicht, aber manchmal vergehen Wochen oder Monate zwischen den Zahlungen. Auf dem Lehmboden unter der Zeltplane liegen staubige Kissen, auf denen sich die Arbeiter ausruhen können, daneben steht ein verkohlter schwarzer Kessel auf den Resten eines Holzfeuers. Ich sehe einen Strang Gebetsperlen und einen Stapel halbierter Plastikkanister, die als improvisierte Schlitten dienen, mit denen Waren über den Tunnelboden gezogen werden.

«Möchten sie da runter?», fragt Mahmoud, und ehe ich mich besinnen kann, habe ich ja gesagt. Augenblicke später sind seine Männer bereits dabei, mich in den Haltegurt zu schnallen und in den feuchten Schacht hinabzulassen. Unten flackern trübe Glühbirnen, ein Funkgerät schnarrt, staubbedeckte Arbeiter hieven Säcke aus den Schlitten. Der Tunneleingang ist groß genug, um mehrere gebückte Menschen aufzunehmen, die Röhre selbst wird aber so eng, dass ich mich ducken muss und meine Schultern an den Wänden entlangschrammen.

Bald reicht es mir.

Als ich wieder oben bin, taucht plötzlich ein Trupp Polizisten auf. Sie haben unser Auto entdeckt. «Was habt ihr hier zu suchen?», fragt ihr Anführer. Unser Dolmetscher Ayman entschuldigt sich. Der Beamte begründet sein Misstrauen: Am Tag zuvor habe er in der Nähe eine Ladung Kokain und Haschisch abgefangen. Sie hätten den Tunnelbetreiber verhaftet und den Schacht zugeschüttet. Dann befiehlt er Paolo und mir zu gehen. Wir brauchten eine Genehmigung von der Zentralregierung in Gaza­Stadt, wenn wir wiederkommen wollten. «Macht das nicht», warnt uns ein anderer Polizist. «Es ist gefährlich.»

In den Tunneln kann der Tod aus allen Richtungen kommen. Ein Besitzer erzählt mir, er habe einmal versucht, einen Löwen für den Zoo von Gaza zu schmuggeln. Das Tier sei nicht ordnungsgemäß narkotisiert gewesen und habe mitten im Tunnel einen der Arbeiter zerfleischt. Ein anderer Tunnelbesitzer zeigt mir auf seinem Handy ein Video von drei mageren jungen Männern, als Tote aufgebahrt. Ich wundere mich, dass sie unverletzt aussehen. «Gas», antwortet er. Einige Palästinenser behaupten, ägyptische Soldaten würden auf Druck Israels gelegentlich Gas in die Tunnel leiten, um den Schmuggel einzuschränken. Ägypten hat das dementiert.

In den folgenden Tagen verhandeln wir mühsam mit den Behörden, schließlich dürfen wir zurück in den Tunnelkorridor. Das Gerücht, ein amerikanischer Reporter schnüffle herum, hat sich verbreitet, und viele Tunnelbetreiber meiden uns. Aber nicht alle.

Besonders entgegenkommend ist Abu Jamil, ein weißhaariger Großvater und der inoffizielle Muchtar der Philadelphi-Passage. Abu Jamil kommt das Verdienst zu, den ersten Vollzeittunnel eröffnet zu haben. Sein Geschäft ging so gut, dass ein Schacht bald nicht mehr ausreichte. Also ließ Abu Jamil einen gewaltigen Graben ausheben, in dem Waren auf- und abgeladen werden konnten. Dann eröffnete er weitere Tunnel, seine Söhne, Enkel, Neffen und Cousins arbeiteten für ihn. Er behauptet, der Gewinn interessiere ihn inzwischen nicht mehr. «Für mich ist das eine Art, unseren Lebensumständen die Stirn zu bieten», sagt er, während ein Kipp- laster in den Graben zurücksetzt, um eine Ladung ägyptischer Sandsteine aufzunehmen.

Einer der Männer will nicht fotografiert werden. "Jedes Mal, wenn ein Journalist hierherkommt, wird ein Tunnel zerbombt", schreit er wütend.

An einem Tunnel ganz in der Nähe kommt eine Lieferung Kartoffelchips an; an einem anderen Mangosaft; an einem weiteren Stahldraht für Betonarmierungen. Ein paar Schritte neben uns werden gerade 300 tropfende Styroporkisten entladen: Sie enthalten auf Eis gepackten Fisch. Restaurants haben Taxis geschickt und Hausfrauen ihre Männer in Autos, damit sie einen Teil abbekommen. Die Tunnelbetreiber sind jung, in den Dreißigern. Sie seien auf Lämmer und Kälber spezialisiert, sagen sie, aber Fisch sei billiger, und da die Fischer aus Gaza nur innerhalb enger, von der israelischen Marine kontrollierten Grenzen fischen dürfen, sei die Nach- frage nach Meeresfrüchten groß.

Ein weiterer Mann kommt ins Zelt und flüstert einem der Tunnelbetreiber etwas zu. Er will keine Sardinen – er will nach Ägypten eingeschleust werden. Einige Bewohner Gazas wechseln durch die Tunnel auf die ägyptische Seite von Rafah, um sich dort ärztlich behandeln zu lassen. Manche benutzen die Tunnel zur Flucht, andere wollen nur eine vergnügliche Nacht auf der anderen Seite verbringen. Für betuchte Kunden soll es sogar VIP-Tunnel geben, mit Klimaanlage und Handyempfang.

Während die Männer verhandeln, höre ich vor dem Zelt plötzlich einen Tumult ausbrechen. Ich stürze hinaus und sehe, wie ein Tunnelarbeiter Paolo Pellegrin attackiert. Der Mann will nicht fotografiert werden. «Jedes Mal, wenn ein Journalist hierherkommt, wird ein Tunnel zerbombt», schreit er wütend. Woher solle er wissen, dass wir keine Spione seien?

Mir ist aufgefallen, dass nicht selten das Wort „Mossad“ fällt, wenn Ayman versucht, Tunnelbetreiber zu einem Gespräch mit mir zu überreden. Wenn Paolo und ich keine CIA-Agenten seien, müssten wir wohl Spione des israelischen Geheimdienstes sein, argwöhnen sie. Das ist irgendwie auch verständlich, denn Israel hält Gaza ständig unter Beobachtung, wie das unablässige Brummen unbemannter Drohnen über uns bestätigt. Erst jüngst waren israelische Kommandos in die Tunnelzone eingedrungen. Einige der Soldaten kamen bei Bombenexplosionen ums Leben – durch Sprengfallen, die von Palästinensern installiert worden waren.

Mit großem Einsatz trotzen die Menschen im Gazastreifen der hohen Arbeitslosigkeit von mehr als 30 Prozent. Am Strand bauen sie neben zerbombten Cafés Fischfarmen. Auf den Dächern von Häusern, die von Maschinengewehrkugeln durchlöchert sind, legen sie Gemüsegärten an. In Rafah wurde eine neue Anlage zur Abwasseraufbereitung in Betrieb genommen. Das Becken ist mit Betonpfeilern eingefasst, die aus der Grenzmauer gerissen wurden.

Doch die Mehrheit der Leute hier ist auf die Tunnel angewiesen. Ich rede mit einem Palästinenser, der mit seinen beiden Söhnen einen neuen Schacht gräbt. Der Mann hat die Ersparnisse von Jahren investiert, um ins Tunnelgeschäft einsteigen zu können. Für eine motorisierte Winde hat es nicht mehr gereicht, deswegen werden Menschen und Material an einem Seil von einem Pferd hinabgelassen und wieder hochgezogen. Natürlich sorge er sich um die Sicherheit seiner Söhne, sagt er, aber er könne es sich nicht leisten, sie zur Schule zu schicken. «Insa», sagt er: «So ist das Leben.»

Noch hoffen die Menschen in Gaza, dass der Arabische Frühling auch ihre Lebensumstände verbessern könnte. Man munkelt über eine Öffnung der Grenze zu Ägypten, aber wann und ob überhaupt, ist unklar. Es würden auch nicht alle eine solche Entwicklung begrüßen. Die International Crisis Group, eine Organisation, die weltweit versucht, Konflikte zu befrieden, schreibt in einem ihrer Berichte, palästinensische Händler hätten Landsleute dafür bezahlt, Raketen auf Israel zu schießen. Der Grund: Ihre Profite würden sinken, falls Israel die Blockade lockern würde. Das ist abscheulich genug, um glaubhaft zu sein.

Andere Militante zeigen sich überraschend dialektisch. Ich interviewe einen Kämpfer des Islamischen Dschihad, bewaffnet mit Maschinengewehr und Pistole. Sein Stirnband signalisiert seine Bereitschaft, für Allah zu sterben. Die meiste Zeit jedoch, sagt er, studiere er Betriebswirtschaft. «Der Heilige Krieg ist ja kein Job.»

Und wie sieht Samirs Zukunft aus? «Auf gar keinen Fall kann ich wieder in die Tunnel», sagt er. Aber wie das Schicksal es wolle, habe sein älterer Bruder Yussef, der im Tunnel umgekommen ist, vorgesorgt. Wenn Yussef nicht unter der Erde arbeitete, habe er sich mit Bienenzucht beschäftigt. Er habe Imker werden und einen Honigladen eröffnen wollen. Das werde jetzt er, Samir, anstelle seines Bruders tun.

Im September höre ich noch einmal von Samir. Der Laden ist eröffnet und läuft. Als Yussef umkam, war dessen Frau mit ihrem ersten Kind im dritten Monat schwanger. Kurz darauf erlitt sie eine Fehlgeburt. Jetzt ist sie mit Yussefs jüngstem Bruder Khaled verheiratet. Der betreibt nun den Honigladen gemeinsam mit Samir. An der Wand hängt ein Foto von Yussef.

Diese Reportage war recherchiert und geschrieben, ehe die Gewalt in Gaza im vergangenen November eskalierte. In der Stadt Rafah bombardierte Israel auch die Tunnel an der Grenze zu Ägypten.


(NG, Heft 2 / 2013, Seite(n) 122 bis 149)

Es sind eigentlich nur zwei kleine Flecken Land, aber sie stehen seit Jahren im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit: der Gazastreifen und das Westjordanland, seit dem Sechstagekrieg im Juni 1967 von Israel besetzt. Hier leben 1,1 Millionen Palästinenser und 7000 israelische Siedler, die allerdings 25 Prozent des Gebiets beanspruchen. mehr...
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